Einen Fuß im Mercedes-Werk drin zu haben, das war für viele Leiharbeiter ausschlaggebend für die Entscheidung, sich auf diese prekäre Arbeitsform einzulassen. Jetzt müssen sie aber erst mal wieder gehen. Alle 1 200 Leiharbeiter werden entlassen.
Einen Fuß im Mercedes-Werk drin zu haben, das war für viele Leiharbeiter ausschlaggebend für die Entscheidung, sich auf diese prekäre Arbeitsform einzulassen. Jetzt müssen sie aber erst mal wieder gehen. Alle 1 200 Leiharbeiter werden entlassen. | Foto: Weißbrod/Archiv

Umstellung der Produktion

Rastatt: Rund 1.200 Leiharbeiter verlieren ihren Job bei Daimler

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Eben noch durften sie sich über eine Sonderzahlung freuen, in sechs Wochen stehen sie auf der Straße. Die Menschen, die über die Leiharbeitsfirma Dekra-Arbeit ans Rastatter Daimler-Werk verliehen sind, haben derzeit wirklich nichts zu lachen.

Zum Ausgleich von Unregelmäßigkeiten bei Überstunden und Urlaubstagen hat die Gewerkschaft IG-Metall für alle Dekra-Leiharbeiter im Werk Rastatt eine Sonderzahlung von 160 Euro erstritten. Doch für die Arbeiterinnen und Arbeiter ist das nicht mehr als ein Handgeld auf dem Weg in die Arbeitslosigkeit.

Daimler stellt eine Produktionslinie um und drosselt deshalb den Arbeitstakt. Die Fahrzeugmontage in einer der beiden Montagehallen wird von September an und bis weit ins kommende Frühjahr hinein komplett stillgelegt und umgebaut. „Die Daimler-Beschäftigten aus der geschlossenen Produktionshalle wechseln dann in die andere Halle und die Leiharbeiter, die derzeit dort arbeiten, müssen gehen“, erklärt eine betroffene Dekra-Mitarbeiterin.

Daimler gibt keine Rückkehrgarantie

Damit hat wohl keiner der 1.200 Leiharbeiter Aussicht auf eine Verlängerung seines im September auslaufenden Arbeitsvertrages. Eine Garantie, dass sie nach den Umbauten tatsächlich wieder kommen dürfen, gibt es nur mündlich und nicht von Daimler. Auch einen festen Zeitpunkt, wann sie in Rastatt wieder gebraucht werden könnten, gibt es nicht. Vage ist vom Frühjahr 2019 die Rede.

Während der Umbauphase haben wir im Werk einen deutlich geringeren Personalbedarf

Die Umbauarbeiten sollen nötig sein, um dort künftig die elektrische A-Klasse fertigen zu können. Nach Angaben von Gewerkschaftssekretär Heiko Maßfeller müssen so gut wie alle der rund 1.200 Leiharbeiter gehen. Dekra hat allen Beschäftigten eine Wiedereinstellung garantiert, allerdings nur für den Fall, dass Daimler sie wieder anfordert. Der Autobauer selbst hat keine Garantie abgegeben. Ein Daimler-Sprecher bestätigt: „Während der Umbauphase haben wir im Werk einen deutlich geringeren Personalbedarf und können deshalb nicht alle Zeitarbeiter weiter beschäftigen. Die Verträge mit den betroffenen Zeitarbeitskräften laufen wie vereinbart aus.“

Halbjahr der Ungewissheit für Beschäftigte

Für die Beschäftigten beginnt damit ein Halbjahr der Ungewissheit. Alle haben sich sicherheitshalber bei der Agentur für Arbeit bereits arbeitssuchend gemeldet. Doch die meisten möchten gar keine andere Arbeit, sondern lediglich die Wartezeit überbrücken. „Mit der Anwendung des Systems der Leiharbeit lagert der Konzern die notwendige Flexibilität vollständig auf den Rücken der Leiharbeiter aus“, sagt Maßfeller. „So kann Daimler Rastatt die Leute einfach abmelden. Bei festangestellten Beschäftigten ist das nicht möglich. Die jetzt betroffenen Dekraner landen in der Arbeitslosigkeit. Sie hoffen im Frühjahr beim Benz wieder eine Chance zu bekommen.“

Bei 70 bis 80 Prozent der Kollegen stimmt die Überstunden-Abrechnung nicht

Dabei haben die Beschäftigten für die Chance bei Daimler zu arbeiten schon einiges auf sich genommen. „Die Verwaltung der Überstunden und Arbeitstage ist nicht nachvollziehbar und auch nicht nachzuverfolgen“, beklagt sich einer der Dekra-Leiharbeiter. Auf seinem Stundenkonto gingen nach eigenen Angaben 57 Stunden „verloren“. „Bei 70 bis 80 Prozent der Kollegen stimmt die Überstunden-Abrechnung nicht.“ Auch bei den Urlaubstagen fühlen sich Mitarbeiter betrogen. Es gäbe Fälle, da hätten Kollegen in ihrem genehmigten Urlaub eine Reise gebucht und dann sei ihnen mitgeteilt worden, so viele Urlaubstage hätten sie gar nicht. Da konnten sie die Reise nicht antreten, erzählt eine andere Leiharbeiterin.

Dekra in der Kritik

Dekra-Arbeit bestätigte auf Nachfrage, dass man mit der Gewerkschaft eine „Standortzulage Rastatt“ in Höhe von 160 Euro pro Mitarbeiter vereinbart habe. „Damit sollen wohl die Unregelmäßigkeiten bei der Zeiterfassung abgegolten werden“, so ein Dekra-Leiharbeiter. Außerdem hat man versprochen, ein Computer-Portal einzurichten, über das Dekra-Mitarbeiter Einsicht in ihren Stundenrapport und die Urlaubstage haben. „Dieses soll Transparenz erzeugen im Hinblick auf: geleistete Stunden, Pausen, Arbeitszeitkonto, Urlaubs- und Krankheitstage sowie Feiertage“, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit.

Ich wurde massiv genötigt und unter Druck gesetzt

Für Unmut sorgt auch das Vorgehen, das Dekra mit erkrankten Mitarbeitern an den Tag legen soll. „Schon am ersten Tag der Krankmeldung wurde ich vom medizinischen Dienst der Dekra angerufen und ausgefragt, was ich habe, welche Medikamente verschrieben wurden und wann ich wieder gesund bin. Ich wurde massiv genötigt und unter Druck gesetzt“, erzählt ein Dekra-Leiharbeiter. Wer seinen Arzt nicht von der Schweigepflicht gegenüber dem Arbeitgeber entbinde, müsse mit einer Abmahnung rechnen.

All diese Missstände sollen nun durch die Übereinkunft zwischen Dekra und der IG-Metall ausgeräumt worden sein. Doch außer den 160 Euro „Standortzulage“, die die Dekra im September auszahlen will, werden die Leiharbeiter von den Verbesserungen zunächst einmal nichts mitbekommen. Und später auch nur die, die tatsächlich im Frühling wieder kommen dürfen.