Viele positive Worte für seine Kanzlerin findet der Baden-Badener Bundestagsabgeordnete Kai Whittaker. Persönlich schätzt er ihren Humor.
Viele positive Worte für seine Kanzlerin findet der Baden-Badener Bundestagsabgeordnete Kai Whittaker. Persönlich schätzt er ihren Humor. | Foto: Steven Vangermain

Verdienste und Veränderungen

Rastatter Lokalpolitiker würdigen Geburtstagskind Merkel

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65 Jahre alt wird Angela Merkel am Mittwoch. Seit 14 Jahren ist sie Bundeskanzlerin. Welche Spuren sie in dieser Zeit hinterlassen hat, welche Stärken und Schwächen sie auszeichnen und wie sie sich verändert hat: Dazu haben sieben Politiker aus Rastatt und Umgebung ihre Einschätzung abgegeben.

„Die Sparanlagen sind sicher“ in der Finanz- und Wirtschaftskrise; und „Wir schaffen das“ in der Flüchtlingskrise: Diese zwei Stellungnahmen haben sich Toni Huber (CDU), Landrat im Kreis Rastatt, besonders eingeprägt. Gerade letzteres „war eine starke Aussage“, sagt er. „Wobei wir als Kommune natürlich schon schauen mussten: Wie schaffen wir das eigentlich?“

Wegmarken

Huber hat Merkel als „internationale Krisenmanagerin“ erlebt, als Vermittlerin in der Außen- und Sicherheitspolitik. Stärke, Ausgeglichenheit und Verlässlichkeit nennt er als die Eigenschaften, die ihr weltweites Ansehen gebracht haben. Als Schwäche sieht er jedoch Zögerlichkeit. Etwa bei der Digitalisierung, „wo man viel schneller hätte vorangehen müssen.“

Weiter-So-Politik.

„Eine große Menschlichkeit“ habe Merkel angesichts der Flüchtlingskrise gezeigt, sagt der Durmersheimer Bürgermeister Andreas Augustin (CDU). „Verbunden mit einem zutiefst christlichen Gedanken.“ Nicht, dass alles perfekt gelaufen wäre: „Was mich besonders stört, ist, dass die Landkreise eine volle Kostenerstattung bekommen, die Kommunen hingegen nicht. Das ist aus meiner Sicht noch nicht korrekt geregelt.“ Oft mache sie allerdings eine „Weiter-So-Politik“, bemängelt er. Strömungen im Volk würden zu spät erkannt. So zum Beispiel im Falle der AfD: „Für mich sind das viele Protestwähler.“

Prägendes Erlebnis

Einen „Hang zum Aussitzen“ beobachtet auch Jonas Weber, Rastatter SPD-Landtagsabgeordneter und Kreisverbands-Vorsitzender – die Kehrseite ihres Durchhaltevermögens. Als prägendes Erlebnis empfand er „ihr kompromissloses Verdrängen ihrer männlichen Konkurrenten in der CDU. Sie wusste ihre Macht zu festigen.“

Merkel als Klimakanzlerin

Für Brigitte Schäuble, die Vorsitzende des CDU-Kreisverbands Rastatt, war Angela Merkel „die Klimakanzlerin“. Ihre spontane Reaktion auf Fukushima ist ihr im Gedächtnis geblieben: „Sie hat den Atomausstieg Deutschlands eingeleitet. Und zwar schneller, als mancher sich das vorstellen konnte.“

Ihre Vorgehensweise wirkt insgesamt vielleicht weniger zupackend.

Auch Merkels Umgang mit der Flüchtlingskrise befürwortet Schäuble ausdrücklich: „Es war eine akute Notsituation. Wenn die Grenzen damals geschlossen geblieben wären, hätte es direkt vor unseren Augen Menschenleben gekostet. Vielleicht hätten wir dann heute keine AfD, aber Blut an den Händen.“
Als Stärke empfindet sie Merkels nüchterne, bescheidene und eher zurückhaltende Art. „Ihre Vorgehensweise wirkt insgesamt vielleicht weniger zupackend, ist aber effizienter und wird noch lange nachwirken“, prophezeit sie.

Wenn sie etwas als richtig erkannt hat, dann steht sie das durch.

Kritischer sieht der Rastatter Landtagsabgeordnete Thomas Hentschel (Grüne) das Thema Atomausstieg – besser gesagt den „Ausstieg aus dem Ausstieg“. „Das hat mich maßlos geärgert“, sagt er. „Da ging es meiner Ansicht nach nicht um Risiken oder sachliche Gründe, die neu hinzugetreten sind, sondern allein um die politische Machtlage. Es waren dieselben Atomkraftwerke mit derselben Technik.“ Ihre Stärke: „Wenn sie etwas als richtig erkannt hat, dann steht sie das durch“, so Hentschel. „Auch wenn mir nicht alle Dinge gefallen – das ist eine Qualität.“

Whittaker schätzt Humor

„Sie hat uns durch alle Krisen, die dieses Land in den letzten 14 Jahren erlebt hat, sehr verlässlich und sicher durchgeführt“, resümiert der Baden-Badener Bundestagsabgeordnete Kai Whittaker (CDU). „Das Land steht heute viel besser da, als es 2005 dastand.“ Merkels Stärke sei es, Argumenten aufmerksam zuzuhören – und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Persönlich schätzt er ihren Humor. „Den sieht man leider nur hinter der Kamera. Es ist ein sehr trockener Humor, ein sehr schneller Humor.“ Als Schwäche betrachtet er ihre „etwas komplizierte“ Ausdrucksweise. „Das kommt davon, dass sie sich genau ausdrücken möchte.“

Man kann sie nur schwer auf etwas festlegen.

Herbert Köllner, Stadtverbands- und Fraktionsvorsitzender der FW in Rastatt, hebt Merkels Art zu regieren hervor: „unaufgeregt, rational, abwägend, leise“. Als große Stärke bezeichnet er „ihre totale Wendigkeit und ideologische Flexibilität“. Allerdings mit durchaus kritischem Unterton. „Man kann sie nur schwer auf etwas festlegen“, sagt er. „Sie besetzte Themen der SPD und der Grünen und vergaß darüber, den Markenkern der CDU-Wähler zu bedienen. Dieses Vakuum konnte die AfD nutzen.“ Ihr Leitspruch „Wir schaffen das!“ sollte aus seiner Sicht in anderen politischen Debatten übernommen werden, etwa in der Klimapolitik oder im sozialen Wohnungsbau.

Wandel

„Aus ’Kohls Mädchen’ wurde eine international geachtete deutsche Kanzlerin“, sagt Herbert Köllner über Merkels Entwicklung. Deutlicher als sie selbst habe sich ihr internationaler Ruf verändert, glaubt auch Kai Whittaker: „2005 hätte man nicht gedacht, dass man Angela Merkel einmal als ’die letzte Verteidigerin des freien Westens’ (so die New York Times im November 2016 nach der Wahl von Donald Trump) sieht und ihr Wort so geschätzt und gefragt ist.“

Blumen für Merkel gibts nicht nur am 65, sondern auch bei ihrer Wahl zur CDU-Vorsitzenden im April 2000.
Blumen für Merkel gibts nicht nur am 65, sondern auch bei ihrer Wahl zur CDU-Vorsitzenden im April 2000. | Foto: dpa

„Sie ist eine unheimlich starke Persönlichkeit geworden“, sagt Toni Huber, „mit einer für mich ganz natürlichen Autorität“. Größere Zurückhaltung beobachtet Jonas Weber. „Während sie 2005 noch klar konservative Position bezog, ist sie im Amt immer stiller geworden.“ Kai Whittaker indes hat den Eindruck, Merkel sei über die Jahre gelöster geworden. „Sie erlaubt sich, die eine oder andere zwischenmenschliche Reaktion zu zeigen, die am Anfang ihrer Kanzlerschaft nicht zu sehen war.“ Thomas Hentschel empfindet sie ebenfalls als „deutlich ruhiger“. Das verdankt sich seiner Ansicht nach dem Umstand, dass sie nicht mehr um Wählerstimmen kämpfen muss.
Wünsche

Spuren politischer Arbeit

Gesundheit: Das ist der am häufigsten genannte Wunsch für die Kanzlerin. „Die Bilder, die man derzeit sieht mit den Zitteranfällen“, sagt zum Beispiel Andreas Augustin, „da ist natürlich der größte Wunsch: Gesundheit und innerer Frieden.“ Die anstrengende politische Arbeit habe deutliche Spuren hinterlassen, sagt auch Brigitte Schäuble.

Dass sie die restliche Regierungszeit nutzen kann, um ihre guten Ideen voranzutreiben.

„Souverän“ fand Toni Huber, wie Merkel den CDU-Parteivorsitz abgegeben hat. „Ich wünsche ihr, dass sie auch den richtigen Zeitpunkt findet, an dem sie erkennt, dass sie das Amt der Bundeskanzlerin abgeben muss.“ „Dass sie die restliche Regierungszeit nutzen kann, um ihre guten Ideen voranzutreiben“, wünscht ihr Thomas Hentschel – und für den Ruhestand „Ruhe“ und „Rückkehr“.

Sie hat in Würde ihre Ämter angenommen.

Herbert Köllner wünscht „uns allen“ für den Rest ihrer Amtszeit „klare und tragfähige Entscheidungen, zum Beispiel bei dem Megathema Klimaschutz“. Persönlich wünscht er Merkel „die Erfahrung, dass es auch ein erfülltes Leben außerhalb der aktiven Politik geben kann.“ Kai Whittaker hofft vor allem, dass die Leistungen der Kanzlerin angemessen gewürdigt werden. „Sie selbst hat es so formuliert: Sie hat in Würde ihre Ämter angenommen und möchte sie in Würde wieder abgeben.“