Angst vor dem Nachhauseweg: Dunkle unbelebte Straßen vermitteln vielen Passanten ein Gefühl der Gefahr und Unsicherheit.
Angst vor dem Nachhauseweg: Dunkle unbelebte Straßen vermitteln vielen Passanten ein Gefühl der Gefahr und Unsicherheit. | Foto: Vetter

Rastatt im Dunkeln

Ängste nähren sich aus Unsicherheit

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Was tagsüber noch ein schöner Spazierweg ist, verwandelt sich bei Nacht für viele Menschen in ein bedrohliches Hindernis. Gerade in der dunklen Jahreszeit gewinnt die Sicherheit in Rastatt etwa auf dem Nachhauseweg an Bedeutung. Subjektive Angstgefühle, die von Zahlen nicht belegt werden, betont die Polizei. Dennoch sind die Sorgen – meist bei Frauen – da: vor Überfallen, Raub oder Gewalt aus dem Hinterhalt.

„Viele Menschen wissen nicht mehr, was sie als Person ausmacht, sind abgelenkt von Themen aus den sozialen Medien“, vermutet Hanno Schneider. „In dieser Unwissenheit und Unsicherheit liegt oftmals der Grund für subjektive Angst.“

Kurse zur eigenen Sicherheit

Der 37-Jährige leitet seit 2007 eine Schule für Wing-Tsun-Kampfkunst in Rastatt, eine weitere in Karlsruhe. Rund 100 Schüler lernen bei ihm, sich selbst zu behaupten und zu verteidigen. „Es ist so wichtig, bei sich zu bleiben, seine Bedürfnisse und Grenzen zu kennen“, betont Schneider.

Stressausgleich oder schlechte Erfahrungen

Die Teilnehmer seiner Kurse lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen, so der Experte: „Es gibt diejenigen, die aufgrund eines Erlebnisses kommen, und diejenigen die einen Stressausgleich suchen.“ Betroffene hätten etwa Mobbing erlebt, manche Frauen seien meist im bekannten Umfeld bedrängt worden. „Die meisten Angriffe durch Fremde, von denen wir wissen, geschahen im Bahnhofsbereich durch stark alkoholisierte Personen“, erklärt Schneider.

Mit aller Deutlichkeit weist Kurs-Assistentin Marion Balthasar ihr Gegenüber zurück. Hier trainiert sie mit Hanno Schneider eine selbstsichere Gestik.
Mit aller Deutlichkeit weist Kurs-Assistentin Marion Balthasar ihr Gegenüber zurück. Hier trainiert sie mit Hanno Schneider eine selbstsichere Gestik. | Foto: Keller

Kaum Fallzahlen in Statistik

Überfälle aus dem Hinterhalt seien Einzelfälle, teilt Andreas Dahm mit, Polizeidirektor und Leiter des Reviers Rastatt. Konkrete Zahlen des vergangenen Jahres könne er noch nicht benennen. Die Statistik des Polizeipräsidiums Offenburg belegt für das Jahr 2017 jedoch den niedrigsten Wert im Bereich Straßenkriminalität aus den vergangenen 20 Jahren: mit 2 032 Fällen im Landkreis Rastatt. Sonstiger Raub wird in der Statistik für den Landkreis mit 16 Fällen gelistet, Handtaschenraub mit zwei.

Auseinanderklaffen zwischen der subjektiven und objektiven Gefahrenlage.

„Ich beobachte ein deutliches Auseinanderklaffen zwischen der subjektiven und objektiven Gefahrenlage“, sagt Dahm. Das Empfinden der Menschen sei stark geprägt, zum Beispiel durch die mediale Berichterstattung.

Diesen Eindrücken stimmt auch Kampfkunst-Lehrer Schneider zu: „Medienberichte werden oft pauschalisiert, die Kommentare in den sozialen Medien schüren Angst.“

Gefahr im privaten Bereich

In einer kleineren Stadt wie Rastatt sei die Betroffenheit, wenn Überfälle publik werden, um einiges größer als etwa in Großstädten, so Revierleiter Dahm. Gefahrenzonen, die man bei Nacht unbedingt meiden sollte, gibt er keine an. „Dass jemand in Rastatt einfach aus dem Gebüsch springt, ist der seltene Einzelfall“, so der Polizist. Die größere Gefahr – gemäß der Fallzahlen – liege gerade in Bezug auf sexuelle Übergriffe im familiären Umfeld.

Im Zweifel sollen die Menschen uns anrufen.

Dennoch stehe die Polizei im Dialog mit der Stadt Rastatt, um das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger zu erhöhen: zum Beispiel durch Ausleuchten dunkler Ecken. „Es hilft jedoch, die eigenen Eindrücke zu versachlichen“, rät Dahm. „Im Zweifel sollen die Menschen uns anrufen.“ Der Grund für die Unsicherheit sei aber oft kein realer.

Prävention im Fokus

Dennoch: Die Nachfrage nach Kursen zur Selbstbehauptung ist gestiegen, erklärt Schulinhaber Schneider. Rein sportliche Gründe nennt etwa Nikolaus, Wing-Tsun-Schüler bei Schneider. Teilnehmerin Alexandra betont hingegen: „Der Unterricht schafft Selbstsicherheit, man lernt seine Emotionen kennen, kann sie bewerten und mit Ängsten umgehen.“ Die Prävention stehe im Vordergrund, so Schneider. Dazu reiche auch ein Crash-Kurs. Die innere Einstellung muss erst einmal stimmen.“

Tipps vom Experten

Die Tatsache, dass man sich wehrt, schreckt Täter meistens schon ab, betont Hanno Schneider. Denn: „Täter suchen sich Opfer.“ Er erklärt, wie man es richtig macht:
– Auf das Bauchgefühl hören: „Die Intuition erkennt Gefahren früher.“
– Nicht in Schockstarre verfallen: „Um Adrenalin abzubauen, sollte man direkt anfangen zu sprechen.“
– Eine selbstsichere Haltung einnehmen: „Sich groß machen, Schultern zurück, Hände vor den Körper.“
– Die Umgebung beobachten und einen möglichen Zufluchtsort suchen
– Deutlich sprechen und das Gegenüber unbedingt siezen
– Konkrete Aussagen, wie etwa „Nein, gehen Sie weg!“
– Nicht Lächeln

Kommentar
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Nachtsicht

Schon als Kind weckt die Dunkelheit Ängste. Schatten werden an der Decke zu Monstern. Einschlafen klappt nur, wenn in der Nähe ein rettendes Licht brennt. Die Nacht ruft auch bei Erwachsenen ein mulmiges Gefühl hervor. Wenn Berichte von hinterhältigen Überfällen, Horrorgeschichten und schwarzmalerische Kommentare anderer diese Unsicherheit dann noch befeuern, ist der Blick auf die Gefahrenlage besiegelt.

Sicherheit in Rastatt

Gefühle, ob nun positiv oder negativ, hören eben nicht auf den Kopf. Sie sind da und sollten ernst genommen werden – von Freunden und Helfern, nicht nur der Polizei. Denn an jeder dunklen Ecke einen Beamten in Uniform zu positionieren, quasi als Sicherheitsdeko, kann sich bei der Personallage kein Revier leisten.

Innere Einstellung

Umso wichtiger ist Aufklärung: Dass die Stadt womöglich gar nicht so bedrohlich ist. Einsicht: Dass man Ängste hinterfragen und sich selbst beruhigen kann. Weitsicht: Dass nicht alle Horrorgeschichten aus dem Internet auch einem selbst passieren.
Denn was wäre die Alternative? Man bleibt stehen, überlässt Ängsten und potenziellen Tätern den Weg und damit auch ein Stück seines Lebens. Und verpasst am Ende noch den Tag.