Luftbild Daimler Rastatt
Zu wenig Platz: Um sich für die Elektromobilität zu rüsten, braucht Autobauer Daimler mehr Fläche. Warum das so ist, erklärte er bei einer Werksführung. | Foto: Archiv Nestler

Werkserweiterung in Rastatt

Stadt und Daimler werben für Kompromiss

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Rund 30 Interessierte haben die Möglichkeit wahrgenommen, sich bei einer Werksführung von Daimler-Standortleiter Thomas Geier und Rastatts Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch persönlich über die Gründe für die geplante Werkserweiterung zu informieren.

Der „Rastatter Kompromiss“ machte Mitte der 1980er Jahre den Weg frei für den Bau des Mercedes-Benz-Werks in einem naturschutzrechtlich sensiblen Bereich. Jetzt streben das Unternehmen, mit 6 500 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in der Kreisstadt, sowie die Stadtverwaltung einen „Kompromiss 2.0“ an, um dringend benötigte Erweiterungsfläche im Süden und Südosten des Werksgeländes zu ermöglichen. Mit 330 000 produzierten Fahrzeugen der A- und B-Klasse sowie des GLA wurde im vergangenen Jahr ein Rekordergebnis erzielt. Zudem soll Rastatt zu einem Kompetenzzentrum für kompakte Elektrofahrzeuge ausgebaut werden, erläuterte der Standortverantwortliche Thomas Geier am Montagabend beim Bürgerdialog im Kundencenter, zu dem knapp 30 Interessierte gekommen waren.

Für „Just in Sequence“ braucht es kurze Wege

Wie Daimler-Mann Geier ausführte, nimmt der Rastatter Standort bis heute eine Vorreiterrolle innerhalb des Konzerns ein: In einem Industriepark wurden die Zuliefererbetriebe unmittelbar neben dem Werk angesiedelt. Aus dem Produktionsprinzip „Just in Time“, welches die Lagerhaltung aufgab beziehungsweise auf den LKW und damit die Straße verlagerte, wurde die „Just in Sequence“-Produktion: Der Zulieferer fertigt die Teile erst dann, wenn sie am Band benötigt werden und liefert sie zeitgenau an.
Erläutert wurde dies den Besuchern am Beispiel der Autositze: Der Sitzhersteller Adient, vielen Rastattern noch unter dem früheren Namen Johnson Controls bekannt, produziert die kompletten Sitzanlagen. Diese werden dann über eine Hochbrücke und ein Transportsystem unter der Hallendecke direkt zum Produktionsort angeliefert.

Gemeinderat diskutiert am 17. Dezember

Dieses Produktionsprinzip lasse sich nur umsetzen, wenn Zulieferer und Fahrzeugproduzent nahe beieinander sind. Auch die Arbeitsschichten sind gleich getaktet. Alternativ von der Stadt in einer Machbarkeitsstudie untersuchte Standorte wie das Merzeau-Gelände oder Flächen in Kuppenheim fielen deshalb aus dem Suchraster, so Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch. Fünf Arbeitsgruppen hatten sich über zwölf Monate lang mit den Expansionsplänen beschäftigt. In der Gemeinderatssitzung am 17. Dezember wird das 240 Seiten starke Gutachten auf der Tagesordnung stehen. Allerdings sei er sich noch nicht sicher, ob im ersten Anlauf eine politische Entscheidung getroffen werden könne, so Pütsch.
In dem Industriepark auf dem Daimler-Gelände sind 16 Zulieferer mit weiteren 2 500 Mitarbeitern angesiedelt. Letztlich erspare die „Just in Sequence“-Produktion der Region Verkehr, so der Standortchef Thomas Geier: Zwar müssen auch die Zulieferer mit Einzelteilen beliefert werden, Geier sprach von 160 Lastwagen täglich, der Weitertransport der deutlich sperrigeren Produkte wie etwa der Sitzgarnituren über die Straße entfällt aber.

Daimler plant auf 30 Jahre

Neben einer Nachverdichtung des Werksgeländes soll ein bereits im Flächennutzungsplan als Erweiterungsfläche ausgewiesener Bereich im Südosten genutzt sowie eine Fläche südlich des derzeitigen Werksgeländes neu ausgewiesen werden. Problem: Betroffen sind die Gartenfreunde Oberwald sowie die Schützenliesel und der Schützenverein. Und: Die Stadt Rastatt ist nur Eigentümer einer Teilfläche.
„Es geht darum, die nächsten 30 Jahre wirtschaftlich erfolgreich gestalten zu können“, betonte Geier. Nicht nur der Standort Rastatt ist betroffen: „Wir sind eng verbunden mit Gaggenau und Kuppenheim.“ Im Kuppenheimer Presswerk werden Karosserieteile für die Kompaktmodelle gefertigt, im traditionsreichen Standort in Gaggenau unter anderem Wandler für Automatikgetriebe.

Von Georg Keller