Nachschlag: Die Regale der Stadtbibliothek nutzen junge Menschen auf der Suche nach dem richtigen Buch.
Nachschlag: Die Regale der Stadtbibliothek nutzen junge Menschen auf der Suche nach dem richtigen Buch. | Foto: Collet

Digital und analog

Stadtbibliothek Rastatt als Treffpunkt zwischen Krimi und Kitschroman

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Verträumt schaut eine Frau über das Holzschiff hinweg aus der großen Glasfront. Mit einem Blinzeln rutscht ihre Aufmerksamkeit zurück auf die vor ihr auf dem Tisch liegende Frauenzeitschrift. Nach ein paar schnell umgeblätterten Seiten hat sie genug, legt das Exemplar zusammen mit einem weiteren ins Regal zurück und greift sich das nächste. Auswahl zum Lesen gibt es in der Rastatter Stadtbibliothek reichlich – genauso wie Sitzecken, Arbeitsplätze und Internetzugänge.

„Das Haus an sich wird immer wichtiger als Treffpunkt“, sagt Barbara Brünner, Leiterin der Stadtbibliothek. Denn die Arbeitsplätze kann man auch nutzen, ohne Mitglied zu sein. Rund 500 Besucher kommen pro Tag, so Brünner. Der Aufenthalt kostet nichts. Drucken etwa nur wenige Cent.

Schüler bereiten sich vor

„Ihr wisst wie das funktioniert?“, fragt Regine Burger von der Bibliothek zwei Jungen, die sich an den PCs anmelden. „Viele Schüler bereiten wie diese beiden hier ihre Präsentationsprüfungen vor und sind froh um einen Farbdrucker für die Bilder.“ Doch das ist längst nicht der einzige Grund, am Mittag in der Herrenstraße vorbeizukommen.

Hier ist es ruhig und man hat immer Platz.

„Wir treffen uns immer mittwochs zum Lernen und Hausaufgaben machen“, erzählt Kyra, die zusammen mit zwei Freundinnen einen der Gruppentische entlang des Fensters belegt. Riegel zum Naschen liegen zwischen den aufgeschlagenen Heften, die Handys gleich daneben. „Hier ist es ruhig und man hat immer Platz“, fügt Djamila hinzu. Dazwischen quatschen und kichern sie aber auch, geben die Mädchen zu. Für Nachhilfe sei der Ort ebenfalls beliebt, sagt Anastasia, die zuvor noch selbst einem Schüler an einem anderen Tisch geholfen hat. „Die Bibliothek ist in der Stadt gut zu erreichen. Man muss nicht extra zu jemandem nach Hause fahren.“

Im Überblick: Die Stadtbibliothek verwandelt sich für Schüler und Berufstätige zum Aufenthaltsort und dient als Informationsquelle.
Im Überblick: Die Stadtbibliothek verwandelt sich für Schüler und Berufstätige zum Aufenthaltsort und dient als Informationsquelle. | Foto: Collet

Rückzugsorte

Während die drei Teenager wieder die Köpfe zusammenstecken, starrt eine Besucherin weiter vorne auf ihren Laptop-Bildschirm, die Kopfhörer verdecken die Ohren. Ein älterer Herr klebt derweil beinahe lautlos gelbe Zettel auf ausgewählte Seiten meist französischer Magazine. Ähnlich konzentriert, dafür wild tippend, versteckt sich eine junge Frau mit ihrem Smartphone auf der Couch neben dem Heißgetränkeautomaten – einen Kaffee trinkt sie nicht.

Stadtbibliothek als Arbeitsplatz

Den holt sich Saskia (Name von der Redaktion geändert) gerne mal: Schließlich verbringt sie vier Tage die Woche bis zu sechs Stunden hier. „Ich schreibe mein Schlusskapitel für die Doktorarbeit“, erklärt sie. Die Nachschlagewerke, das freie WLan und freundliches Personal ziehen die Doktorandin bereits seit über einem Jahr an. „Ich fühle mich hier wohl und habe es bequem beim Arbeiten“, erzählt sie.

Zudem muss ich nicht bis nach Karlsruhe fahren.

Ihren Platz variiert sie wie alle anderen Besucher. „Zudem muss ich nicht jedes Mal bis nach Karlsruhe fahren, obwohl ich in Rastatt wohne.“ Den runden Tisch direkt am Geländer der Empore bedecken zahlreiche Notizblätter, Dokumente und Postits, darunter auf dem Boden stehen ihre Schuhe. Die Füße hat Saskia auf den Stuhl gegenüber gestellt, das Schreibzeug praktikabel auf dem Schoß platziert. „Dass hier Kinder Lärm machen, stört mich nicht“, betont sie.

Bücher für Zuhause

Ein Stockwerk tiefer durchsucht ein Junge in Begleitung seiner Mutter die Kinderabteilung. „Warte, ich habe schon eins“, ruft er, rennt zielstrebig um die Ecke und kehrt kurz darauf mit einem Buch zurück. Bei der Ausleihe stöbern zur selben Zeit zwei Seniorinnen durch das Dreieck mit den neuesten Exemplaren. „Für alle, die in Eile sind oder keine Lust haben, erst in den zweiten Stock zu laufen“, erklärt Bibliotheksleiterin Brünner.

Die Hälfte davon passt uns dann eh nicht.

Etwa alle zwei Wochen kommen die beiden älteren Frauen aus Rastatt und packen direkt sechs oder gar sieben Bücher ein. „Die Hälfte davon passt uns dann eh nicht“, erzählt eine der Freundinnen und legt ihren Stapel Romane ab. Ausleihen, Lesen, Zurückbringen: Sie nutzen die Bibliothek seit Jahren ganz klassisch.

Digitaler Trend

„Unser Schwerpunkt liegt immer noch auf haptischen Elementen, aber der Trend geht zu elektronischen“, teilt Brünner mit. Rund 44 800 Bücher und über 13 550 elektronische Medien gibt es. Das Druckgeräusch im Hintergrund verrät: Der ältere Herr mit den französischen Zeitschriften hat seine Liste abgearbeitet – alle zuvor mit gelb markierten Seiten druckt er. Von der Empore hallen klappernde Tastaturen wider, eine kurze unverkennbare SMS-Benachrichtigung, Stimmen, die in der Diskussion etwas lauter werden – und dann: ein paar Sekunden absolute Stille.

Kommentar
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Rückzug

Mit einer schweren Tasche bepackt, spazierte man als Kind in die städtische Bibliothek. Den Geruch von bedrucktem Papier noch in der Nase, neugierig auf die Entdeckungen, die man diesmal im Regal machen wird. Klassische Bücher sind aber längst nicht mehr der einzige Reiz, mit dem Ausleihen ihre Besucher locken. Die Digitalisierung hat auch die Stadtbibliothek verändert – Medien gibt es schwerelos per Klick auf den heimischen Bildschirm. Sowieso: Um den Lesestoff alleine dreht sich das Geschehen nicht mehr.

Ort des Miteinanders

Zwischen Bücherregalen und PC’s öffnet sich ein wertvoller Ort des Miteinanders und des Lernens. Hier kommen Menschen zusammen, deren Lebenswelten sich sonst nicht kreuzen. Wie für jedes andere Unternehmen ist es auch für Bibliotheken wichtig, die Zeit nicht stillstehen zu lassen, Online-Bestände auszubauen und für Kunden komfortable Alternativen im Internet zu schaffen. Für Schüler und Berufstätige ist das besonders praktisch.

Ausleihen per Klick

Doch die Chance auf persönliche Beobachtungen, ungeplante Entdeckungen und die produktive Atmosphäre fallen durch die klar definierten Suchfilter eines modernen Ausleihsystem. Noch dazu lassen sich E-Books und Filmdateien nicht in die Regale stellen, die viel mehr sind als Dekoration: Sie schaffen Rückzugsmöglichkeiten in einer Welt, die einen ständig auf den Präsentierteller zwingt.