Auch die Insekten profitieren von der Arbeit der Obstbauern: Diese Biene bestäubt die Blüte eines Apfelbaumes. Foto: dpa

Ökologe im Gespräch

Darum verschwinden die Streuobstwiesen in Baden-Württemberg

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Frank Schurr ist Professor für Landschaftsökologie an der Universität Hohenheim. Er beschäftigt sich seit Langem mit dem Lebensraum Streuobstwiesen. Eines seiner Forschungsprojekte untersucht, wie man die Artenvielfalt gezielt fördern kann. Im Gespräch erklärt er den Zustand der Streuobstwiesen und gibt Tipps für Hobby-Obstbauern.

Wie schlecht ist es denn um die Streuobstwiesen in Baden-Württemberg bestellt?

Schurr: Die Streuobst-Bestände sind seit den 1960er-Jahren stark rückläufig – und dieser Trend setzt sich ungebremst fort. 1965 wurden noch 18 Millionen Hochstammbäume gezählt. Im Jahr 2005 waren wir dann bei 9,3 Millionen Bäumen. Bei der jüngsten Bestandsaufnahme ermittelten meine Kollegen noch 7,1 Millionen Bäume.

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Frank Schurr, Professor für Landschaftsökologie an der Universität Hohenheim, beschäftigt sich mit der Artenvielfalt in Obstanlagen. Foto: Frei

Was sind die Hauptursachen für dieses Verschwinden?

Schurr: Sehr viele Streuobstwiesen an den Dorfrändern sind tatsächlich durch Neubaugebiete verschwunden. Aber wir haben es mit einem Bündel an Ursachen zu tun.

Dass dieser Obstanbau wirtschaftlich keine Rolle mehr spielt, weil man jederzeit Äpfel im Supermarkt kaufen kann, ist ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung Auch die fehlende Pflege ist ein wichtiger Punkt. Das hat man 2018 deutlich gemerkt, damals war ein sehr gutes Obstjahr.

Wie hat sich die fehlende Pflege konkret ausgewirkt?

Viele Bäume, die schlecht gepflegt waren, sind unter der Last ihrer Früchte zusammengebrochen.

Die Wiesen unter den Bäumen sind ein wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Wie können Hobby-Bauern die Artenvielfalt fördern?

Die Wiesen sollten ein- bis zweimal im Jahr gemäht werden, um die Artenvielfalt zu erhalten. Bei zweimaliger Mahd im Frühsommer nach der ersten Blüte und im Frühherbst. Das Insektensterben findet ja nicht isoliert statt. Der Schwund der Pflanzenvielfalt ist dabei ein entscheidender Faktor. Man sollte nicht das ganze Grundstück einheitlich bewirtschaften, sondern kann auch einzelne Wildsträucher pflanzen, zum Beispiel Schneeball, Liguster, Pfaffenhütchen.

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Teilflächen kann man auch oft und ganz kurz mähen – der Wendehals zum Beispiel, eine Spechtart, braucht gerade kurzrasige Flächen für die Nahrungssuche. Auf anderen Grundstücksteilen sollte man Säume mit Wildblumen und Kräutern über den Winter stehen lassen. Bei unserem Projekt haben wir dadurch deutliche Effekte gesehen.

Der Hahnenfuß – im Volksmund auch Butterblume genannt – ist eine typische Wildblume auf südwestdeutschen Streuobstwiesen. Foto: Seeger

Bei welchen Arten haben Sie diesen Effekt erzielt?

Bei den Schmetterlingen haben wir eineinhalbmal so viele Individuen gezählt – und doppelt so viele Arten. Diese Ergebnisse stammen allerdings aus kommerziellen Obstanlagen, wo die Pflanzenvielfalt geringer ist.

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In Streuobstwiesen würde ich zunächst genau hinsehen, was bereits wächst und blüht. Wenn nur wenige Pflanzenarten blühen, kann man Mähgut von Nachbargrundstücken aufbringen und so die Artenvielfalt fördern. Falls das nicht möglich ist, kann man auch Wildblumen aussäen. Wichtig ist dabei: Nur regionales Saatgut verwenden. Das ist ab März im Bundesnaturschutzgesetz vorgeschrieben.

Was sind in unserer Region typische Blumen auf Streuobstwiesen?

Der Wiesenstorchschnabel ist eine ganz typische Art, ebenso Hahnenfußarten – die im Volksmund auch Butterblumen heißen –, Glockenblumen, Margeriten und Skabiosen. Es hängt jedoch sehr vom Standort ab. Am Kaiserstuhl oder auf kalkhaltigen Böden kommen auch mal Orchideen vor.