Power of Diversity
Theater in seiner ganzen Vielfalt gibt es beim "tête-à-tête"-Festival in Rastatt. | Foto: Jennifer Rohrbacher

tête-à-tête in Rastatt

Straßentheater schöpft wieder aus den Vollen

Nachdem der Spatz, der im ersten Jahr der neuen künstlerischen Leitung des tête-à-tête zum Symbol von Deutschlands größtem Straßentheaterfestival avanciert ist, 2016 eine Hantel hielt, wie sie im Zirkus von früher der starke Mann stemmte, so fliegt er in diesem Jahr mit flammenden Flügeln und Füßen und einem Helm mit Schutzbrille dem Himmel entgegen – eine menschliche, pardon, spatzige Kanonenkugel quasi. Denn im Jubiläumsjahr „25 Jahre tête-à-tête“ soll das Programm „Wumms“ haben, wie die künstlerischen Leiterinnen Julia von Wild und Kathrin Bahr bei der Vorstellung des Programms verrieten: Vom 29. Mai bis zum 3. Juni wird sich die Barockstadt wieder in eine große Freiluftbühne verwandeln und bei 270 Shows von 47 Künstlergruppen aus 16 Nationen fünf Tage lang brodeln.

Festival wird 25 Jahre alt

Mit einer besonders großen Auswahl an französischen Künstlern soll dabei an die Anfänge des Festivals erinnert werden, das 1993 als deutsch-französisches Straßentheaterfestival begonnen hat. „Doch wir wollen nicht nur in der Vergangenheit schwelgen, sondern auch Zukunftsvisionen spinnen“, so Julia von Wild. Sie und ihre Partnerin habe deshalb die Frage beschäftigt, wohin sich das tête-à-tête in den nächsten 25 Jahren entwickeln wird. „Vielleicht haben wir dann ja ein Produktions- und Ausbildungszentrum für künstlerischen Nachwuchs hier in Rastatt“, fabuliert von Wild. „Die besten Voraussetzungen dafür gibt es ja.“
Konkreter sei dagegen die Frage des Publikums: „Womit begeistern wir dann noch? Und vor allem: Wen?“ Auch wenn sich das tête-à-tête in Sonnenscheinjahren vor Fans kaum retten kann, es gibt eine Lücke: Zwischen 16 und 25 Jahren haben die Menschen offenbar andere Interessen als Straßentheater. „Es kommen Familien mit Kindern, dann wieder Menschen ab 30 und Rentner“, so Kathrin Bahr. Deshalb haben sie und ihre Kollegen in diesem Jahr einen Fokus auf die Jugend gelegt.

„Creeping Carnival“ heißt das Miniaturtheater von Anita Bertolami, das nicht nur kleine Besucher verzaubern wird. | Foto: Bertolami

Ein Schwerpunkt liegt auf der Jugend

Erstmals gibt es die Kategorie „Dein Style“, die sich an vier Spielorten rund um das Ludwig–Wilhelm-Gymnasium („Lyzeum Runde“) speziell an Teens und Twens richtet. Ob Hip-Hop, Parkour, Artistik mit einem Transporter oder ein Tanzworkshop mit den französischen Hip-Hoppern „Cie Dyptik“ – die Palette für die jungen Leute ist breit gefächert. Ein besonderes Highlight ist dabei die Show „Crossing Lines“, die Teil eines europäischen Projekts ist, bei dem junge Erwachsene aus acht Ländern eine Tanzperformance erarbeiten: Mit dabei sind auch 15 Rastatter, die ab Anfang Mai mit den Proben beginnen (noch gibt es freie Plätze, siehe Service). „Auch hier ist die Ausdruckssprache Hip-Hop, weil wir damit besonders viele Leute erreichen“, erklärt Matthias Rettner, der das EU-Projekt „Power of Diversity“ koordiniert.

Das Programm ist ab sofort in der BNN-Geschäftsstelle am Rastatter Marktplatz erhältlich. Hier gibt es auch die Buttons, mit denen man das Festival finanziell unterstützen kann. Online ist  das komplette Programm unter www.tete-a-tete.de einsehbar.
Der Vorverkauf für die Abendveranstaltungen läuft. Tickets gibt es beim Ticketservice der Badner Halle unter
(0 72 22) 78 98 00 oder online auf der Festivalhomepage und bei bnn.de.
Wer Hip-Hop-Erfahrung hat und bei der Aufführung „Crossing Lines“ mitmachen will, kann sich noch unter www.power-of-diversity.eu bewerben.

 

Insgesamt gibt es mit 29 Spielorten nur einen mehr als 2016, dafür sind aber manche Plätze zugunsten anderer rausgefallen. War vor zwei Jahren etwa die Schlossgalerie noch mit von der Partie, ist es diesmal die Brauerei Franz. Und statt des Martha-Jäger-Hauses mischt diesmal die Gärtnerstraße mit einem theatralen Stadtrundgang mit. Ebenfalls zum ersten Mal dabei ist das Forum Kino am Stadteingang. Und nahezu alle Angebote sind kostenfrei. Lediglich die Abendveranstaltungen kosten Eintritt – so wird wenigstens ein Teil des finanziellen Aufwands gegenfinanziert: Im Jubiläumsjahr lässt allein die Barockstadt 475 000 Euro für das Kultur-Highlight springen, weiteres Geld fließt vom Land, der EU und anderen Sponsoren, insgesamt werden rund 800 000 Euro bewegt. Tipps, welche Auftritte sich besonders lohnen, wollen die künstlerischen Leiterinnen Kathrin Bahr und Julia von Wild nicht geben. Sie sprechen lieber von „47 Highlights“ und heben damit jede Künstlergruppe für sich hervor. Dennoch ist ihnen klar, dass die Besucher sich nach Handreichungen sehnen, und so gibt es erstmals auch „Routenplaner“ im Programmheft, die thematische Schwerpunkte wie Action, Frauenpower oder Improvisation setzen.

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Starke Frauen sind die Stelzentänzerinnen von „Cia Maduixa“. | Foto: Juan-Gabriel-Sanz

Das Abendprogramm hat es wieder in sich

Und natürlich gibt es auch im Jubiläumsjahr wieder die großen Abendveranstaltungen – neun an der Zahl. Wie immer macht den Auftakt (und den Abschluss) die Zirkusnacht „Tusch!“, die einen Überblick über das Angebot der kommenden Tage gibt. Mit Feuerwerk und Pyrotechnik wird das Jubiläum am Mittwoch von „Les Commando Percu“ und ihrem Percussion-Programm „Silence!“ in Szene gesetzt – eine Deutschlandpremiere wie auch der Auftritt des „Cirque la Compagnie“ mit „L’Avis Bidon“ am Mittwoch und Donnerstag im Mercedes-Benz-Kundencenter. Nicht zu vergessen der (kostenfreie) Auftritt der Jugendlichen mit „Crossing Lines“ auf dem Kulturplatz am Samstagabend.

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Die Perkussionsgruppe „Les Commanduos Percu“ sorgt mit ihrem Feuerwerkskonzert am 30. Mai im Ehrenhof des Rastatter Schlosses für den „Wumms“ beim Festival. | Foto: Veronique Balege

Nach Münster Sicherheit besonders im Blick

So kurz nach dem tragischen Attentat von Münster spielt das Thema Sicherheit auch in Rastatt eine große Rolle. „Selbstverständlich gibt es ein Sicherheitskonzept und wir werden nun auch noch einmal schauen, an welchen Orten wir Barrieren aufstellen können“, versichern die Verantwortlichen der Stadt. Doch einzäunen könne man eine solche Veranstaltung eben nicht. „Als Straßentheater sind wir im öffentlichen Raum und müssen auch dort sein. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen“, sagen auch die künstlerischen Leiterinnen Kathrin Bahr und Julia von Wild. Obwohl noch einiges zu tun sei, würden sie am liebsten schon nächste Woche loslegen: „Wir haben ein wahnsinnig großes Umsonst-und-Draußen-Programm und allein 16 Deutschlandpremieren“, freuen sie sich.