Die Rastatter Guillotine wird m Karlsruher Schloss in der Ausstellung „Revolution! Für Anfänger*innen“ gezeigt. Mit der Tötungsmaschine, die viele Ausstellungsbesucher mit gemischten Gefühlen betrachten, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg NS-Verbrecher hingerichtet. | Foto: © Badisches Landesmuseum / Uli Deck

Ein Buch von Eva-Maria Eberle

Tribunal Général: Die Todesurteile von Rastatt

Anzeige

Die Nürnberger Prozesse sind ein Begriff. Sie gelten als wichtigster Bestandteil des alliierten Bestrafungsprogramms gegen führende Vertreter des NS-Regimes nach dem Zweiten Weltkrieg. Weit weniger bekannt sind die Verhandlungen gegen Kriegsverbrecher, die daneben in allen vier Besatzungszonen stattfanden. In Rastatt etwa tagte 1946 bis 1956 das Tribunal Général. Es war für die Verurteilung von NS-Verbrechern in der französischen Zone zuständig.

Rastatter Guillotine in der Karlsruher Revolutionsschau

Auch Todesurteile wurden in Rastatt gefällt. Und etliche vollzogen. Damit werden derzeit – oft völlig unerwartet – Besucher des Karlsruher Schlosses konfrontiert. Und zwar in der Ausstellung „Revolution! Für Anfänger*innen“. Eine Guillotine verkörpert dort die Themen Gewalt und Terror. Doch in Wirklichkeit kam die Tötungsmaschine nicht bei der Französischen Revolution, sondern zwischen 1946 und 1950 in einer ehemaligen Bastion der Festung Rastatt zum Einsatz. „Zehn Verurteilte starben unter dem Fallbeil“, sagt Eva-Maria Eberle. Weitere 51 seien erschossen worden – viele bei Sandweier oder im Stollhofener Wald unweit des heutigen Baden-Airports. Eberle hat intensiv zum Tribunal Général recherchiert. Und ein Buch über die Rastatter Kriegsverbrecherprozesse geschrieben.

Die Geschichte der Rastatter Guillotine ist eng mit dem Tribunal Général verbunden. | Foto: © Badisches Landesmuseum / Uli Deck

Die Rastatter Guillotine wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gefertigt. Seit 1979 gehört sie dem Badischen Landesmuseum. Normalerweise ist sie als Leihgabe im Strafvollzugsmuseum in Ludwigsburg ausgestellt. Doch für die Dauer der Revolutionsschau (bis 11. November 2018) ist sie im Karlsruher Schloss zu sehen. Mehr dazu lesen Sie hier.

Eva-Maria Eberle hat ein Buch über das Tribunal Général geschrieben

Eva-Maria Eberle, Jahrgang 1957, ist keine studierte Historikerin. „Aber Geschichte war immer meines“, sagt die Verwaltungsangestellte beim Kreisarchiv Rastatt. Dabei hat die Autorin aus Hügelsheim keineswegs nur die schönen Seiten ihrer Heimat im Blick. Ihr Interesse erwachte schon, als sie noch zur Schule ging.

Der Pfarrer erzählte vom Lager Rotenfels

Der Pfarrer in Rotenfels, wo sie geboren wurde, sei im Religionsunterricht oft vom Thema abgewichen, erinnert sich Eva-Maria Eberle. Er habe den Jugendlichen dann vom Sicherungslager Rotenfels erzählt. Und von seinen Beobachtungen. „Ich denke, das hat ihn den Rest seines Lebens nicht mehr losgelassen.“ Als das Konzentrationslager aufgelöst wurde, habe den Häftlingen die Erschießung gedroht. Dem Geistlichen sei es seinen Erzählungen zufolge gelungen, durch zähe Verhandlungen mit dem Lagerkommandanten ein größeres Blutvergießen zu verhindern.

Die Berichte des Pfarrers über die Ereignisse auf einem Gelände, auf dem sie als Kind gespielt hatte, haben Eberle sehr beeindruckt. „Vielleicht haben diese Schilderungen in mir den Grundstein gelegt, dass ich mich diesem Teil der Geschichte besonders gewidmet habe“, meint sie.

Eine Anklageschrift des Tribunal Général

Hauchdünne Blätter, leicht verblichene, mit der Maschine beschriebene Seiten: Wegen eines Umzugs waren der geschichtsinteressierten Eva-Maria Eberle „alte Papiere“ überlassen worden. Die heftete sie erst einmal ab – und entdeckte später, dass sich darunter eine Anklageschrift und ein Urteil des Tribunal Général befanden. Über drei Jahre lang hat Eberle privat recherchiert, unter anderem im Stadtarchiv Baden-Baden, im Kreisarchiv Rastatt und im Staatsarchiv Freiburg.

Im Rastatter Schloss tagte nach dem Zweiten Weltkrieg das Tribunal Général. Das Gericht war für die Verurteilung von NS-Kriegsverbrechen in der französischen Besatzungszone zuständig. Von 1946 bis 1956 fanden im zentralen Festsaal Verhandlungen statt. | Foto: abw

Mit dem Sohn des Scharfrichters telefoniert

Insgesamt 61 Sterbeinträge von hingerichteten Kriegsverbrechern hat Eberle gefunden. Zudem Hinweise auf die Beisetzungsorte. Gemeinsam mit einem Freund der Familie begann sie, einen Friedhof nach dem anderen abzusuchen. Sie stieß auf einige noch vorhandene Gräber, bisweilen auch auf eine Gedenktafel. Sie durchstöberte alte Zeitungen. Deutsche Blätter waren ebenso darunter wie das Journal Officiel, das Amtsblatt des französischen Oberkommandos in Deutschland. Sie sprach mit Zeitzeugen und Leuten, die sich an Menschen und Vorkommnisse erinnern. Auch mit dem Sohn des Scharfrichters, der einst die Rastatter Guillotine bediente, hat sie telefoniert.

Nur zu einer Hinrichtung fehlen die Informationen

Aus all dem ist ein ungewöhnliches Werk entstanden: ein Buch über Täter und Opfer, das die Geschehnisse collageartig schildert. Eberle beschreibt Prozesse aus den Gerichtsjahren von 1946 bis 1950 – längst nicht alle, aber die wichtigsten: „Nämlich die, bei denen die Todesurteile fielen und vollzogen wurden“, sagt sie. Nur zu einer Hinrichtung, bei der im August vor 70 Jahren ein Verurteilter unter dem Fallbeil starb, fehlten die entsprechenden Informationen. Nach 1950 seien keine Hinrichtungen mehr vollzogen worden.

Menschliche Tragödien

Mit zahlreichen menschlichen Tragödien und Geschichten von ungeheurer Grausamkeit wurde Eva-Maria Eberle bei ihren Recherchen zum Tribunal Général und den Rastatter Prozessen konfrontiert.

Die Tote in der Abfallgrube

Das ehemalige Sicherungslager Rotenfels etwa: Es wurde, so Eberle, nach der Befreiung niedergebrannt, um Seuchen zu verhindern. Aber man habe Tote gefunden – unter anderem in der Abfallgrube des Friedhofs in Rotenfels. Unter den Leichen war die einer jungen Frau. Eine Witwe, aus Colmar angereist, erklärte im Juni 1946, „die ausgegrabene Tote als ihre Tochter wiedererkannt zu haben“. Das geht aus der Sterbeurkunde hervor, die als Todesursache „unbekannt“ angibt. „Die Tote war erst 23 Jahre alt“, berichtet Eberle. Dieses Dokument habe sie sehr bewegt.

Das Massaker in Offenburg

Eine ganz furchtbare Geschichte sei auch das Massaker in Offenburg gewesen. Dort mussten KZ-Häftlinge Gleise reparieren und Bomben entschärfen. Als im April 1945 die Franzosen anrückten, wurden nach Eberles Schilderungen die Häftlinge aus dem Krankenrevier in einen Waschraum geschleppt. Dort warteten SS-Leute, Kapos, Lager- und Blockälteste. Manche Häftlinge hätten sie an an Wasserhähnen aufgehängt, andere mit Äxten totgeschlagen. „Am Ende lag ein Berg von 42 blutüberströmten und verstümmelten Leichen im Waschkeller“, scheibt Eberle.

Ein Hingerichteter stammte aus Spielberg

Beim Kommando-Offenburg-Prozess vom 6. bis 9. Mai 1949 in Rastatt mussten sich zwei ehemalige Kapos verantworten. Sie waren wegen Misshandlungen und Tötungen von Häftlingen angeklagt. Einer von ihnen, laut Eberle in Spielberg geboren, war in Konstanz von ehemaligen Häftlingen erkannt und der französischen Gendarmerie übergeben worden. Er soll am Massaker von Offenburg beteiligt gewesen sein. Die Zeugenaussagen waren allerdings nicht eindeutig, so dass der Staatsanwalt diesen Anklagepunkt fallen ließ: „Die übrigen belastenden Aussagen reichten jedoch aus, um für beide die Todesstrafe zu fordern“, erläutert Eberle.

Der Mann aus Spielberg starb am 18. Juni 1949 um 5.10 Uhr unter dem Fallbeil der Rastatter Guillotine. Der andere Angeklagte sei ebenfalls zum Tode verurteilt, die Strafe aber nach einem Gnadengesuch in 20 Jahre Zuchthaus umgewandet worden. Im Juni 1957 war dieser Verurteilte laut Eberle wieder auf freiem Fuß.

Exkursionen und Streiflichter

Zwischen die Prozessberichte, deren zugrunde liegende Ereignisse sie mit viel Empathie darstellt, streut Eberle Erzählungen von Zeitzeugen ein sowie passende Exkursionen. Sie führen zu Hinrichtungsorten, zu Friedhöfen und Gedenkstätten. Auch einen Besuch im KZ Natzweiler-Struthof im Elsass beschreibt sie. Dazu kommen „Streiflichter“, die kurz und knapp erzählen, was während der Prozessjahre in Rastatt und Umgebung sonst noch geschah. Denn obwohl Eberle sorgsam ihre Quellen vermerkt hat – ein wissenschaftliches Buch wollte sie nicht schreiben. Sondern eines, das alle Leute – vom Schüler bis zum Rentner – lesen und verstehen können. Über die Kriegsverbrecherprozesse in Rastatt solle kein Gras wachsen. Mit einem Druckkostenzuschuss des Historischen Vereins Rastatt wurde das Werk bei Buch Klöpfer in Ottersweier verlegt.

Viele Akten unterliegen noch der Sperrfrist

So viele Informationsquellen Eva-Maria Eberle auch aufgetan hat – Anfragen in Paris blieben ergebnislos: „Da habe ich noch nicht einmal eine Antwort bekommen“, bedauert die engagierte Heimatforscherin. In dieser Hinsicht hatte Elisabeth Thalhofer, die Leiterin der „Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte“ im Rastatter Schloss die besseren Karten. Die Historikerin konnte im Rahmen ihrer Dissertation Einblick in die in französischen Archiven verwahrten Unterlagen der Rastatter Prozesse nehmen, die eigentlich noch einer Sperrfrist unterliegen.

Eva-Maria Eberles Buch: „Tribunal Général. Kriegsverbrecherprozesse Rastatt 1946-1950“ erschien beim Ottersweierer Verlag Roland Klöpfer. Das Buch mit 270 Seiten enthält viele Fotos sowie eine Liste der hingerichteten Kriegsverbrecher. Es kostet 59,50 Euro und ist über den Verlag erhältlich.

Elisabeth Thalhofer spricht am 18. Oktober um 18 Uhr im Karlsruher Schloss über ihre Erkenntnisse zum „Tribunal Général de la Zone française und die Guillotine in Rastatt“. Der Eintritt zum Vortrag mit Diskussion kostet vier Euro, ermäßigt drei Euro.