Ortsvorsteher Stefan Lott vor seinem Rathaus in Ottersdorf.
Ortsvorsteher Stefan Lott vor seinem Rathaus in Ottersdorf. | Foto: Collet

Rastatt-Ottersdorf im Fokus

Verkehr lässt das Dorf nicht ruhen

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Das Dorflädele in Ottersdorf ist für alle Eventualitäten gerüstet: Ein bisschen Obst für den gesunden Hunger, die wichtigsten Hygieneartikel, Zeitschriften – im Bereich hinter der Kasse werden für Koffein-Junkies sogar „Coffee-to-go“-Becher gefüllt. Wer hier einkauft, der bekommt das Campingplatz-Urlaubsgefühl gratis in die Tüte gepackt. Wie improvisiert der Laden ist, zeigt die alte Obstwaage, die die Preise theoretisch immer noch in D-Mark anzeigt. Wie wichtig er ist, wird daran deutlich, dass immer wieder jemand auf dem kleinen Parkplatz hält und eben mal ins Lädele springt.

Dorflädele als Zentrale

2012 hat Edeka im Ort geschlossen – um überhaupt noch die wichtigsten Dinge des täglichen Lebens in Ottersdorf zu bekommen, öffnete das Dorflädele. „Der Sohn der Metzgerei kümmert sich“, erzählt Ortsvorsteher Stefan Lott, der über das Engagement sehr froh ist. Allerdings: Die Metzgerei, direkt neben dem Lädele gelegen, hat inzwischen nur noch morgens offen. „Das läuft nicht mehr wie früher.“ Dabei stehen die Leute in anderen Orten, die noch Metzgereien mit eigenen Schlachtung haben, Schlange, erzählt der Ortsvorsteher: „Das könnte man hier doch auch ausbauen.“

Netto will bauen

Hoffnung besteht dagegen, dass sich auch Ottersdorf bald wieder über einen großen Einkaufsmarkt freuen kann: Netto hat Interesse an der Riedgemeinde bekundet. „Die Chancen stehen sehr gut“, hofft Lott darauf, dass sich wiederholt, womit auch in Niederbühl niemand mehr gerechnet hatte, als sich hier vor vier Jahren Netto angesiedelt hat. „Die sagen, das würde laufen, weil hier täglich 600 Autos durchrollen.“ Aus Frankreich und der Pfalz – die meisten davon sind auf dem Weg zum Daimler-Werk.

Klar, arbeiten viele von uns bei Daimler. Aber Vorteile hatten wir bis jetzt nicht einen.

Das sieht Ortsvorsteher Lott übrigens ziemlich kritisch. Natürlich ist ihm klar, dass der Autobauer zahlreiche Arbeitsplätze in der Region geschaffen hat und auch für den Wohlstand Rastatts mitverantwortlich ist – doch Ottersdorf hat vom Daimler-Werk in seinen Augen kein bisschen profitiert. Ganz im Gegenteil: „Wir haben nur Nachteile durch Daimler. Zum einen den Verkehr. Und dann Naturschutz bis an den Ortsrand.“
In Sachen Verkehr gab es zwar vor einigen Jahren ein bisschen Entlastung, als die 7,5-Tonner von der Friedrichstraße verbannt worden sind – doch das reicht Lott nicht: „Irgendwas sollte passieren.“ Mit Sorge blickt er auf die Erweiterungspläne des Autobauers. Zwar ist die Ottersdorfer Gemarkung diesmal nicht betroffen, doch rechnet der Ortsvorsteher damit, dass sich das Verkehrsproblem massiv verschlimmern wird: „Die Hauptbetroffenen werden Ottersdorf und Wintersdorf sein.“ Er hofft weiter, dass es eine Entlastungsstrecke für die beiden Riedgemeinden geben wird, um den Querverkehr zu unterbinden. Allerdings wird das bei den ausgedehnten geschützten Flächen nicht ganz einfach werden.

Neue Baugebiete

Neben dem Rhein ist es der Natur- und Landschaftsschutz, der Ottersdorf daran hindert, sich einfach in die Fläche zu entwickeln. Doch im Gegensatz zu den anderen eingemeindeten Dörfern hat Ottersdorf seit den 70er Jahren nicht nur kleine Baugebiete mit wenigen Wohneinheiten bekommen, sondern das Viertel „Im Muhrwinkel“ erschlossen. 1999 war hier Spatenstich, die städtischen Bauplätze sind inzwischen alle weg. Statt der ursprünglich geplanten Reihenhäuser sind nun – aufgrund der Nachfrage – im Innenbereich vier Einfamilienhäuser entstanden. Für das letzte ist gerade der Bauantrag durch. Damit ist der Muhrwinkel allerdings noch nicht zugebaut: Theoretisch wären hier noch 20 weitere Plätze zu haben – wenn sie nicht in Privateigentum wären. Hier gelten besondere Regeln: Eigentümer, die Boden eingebracht haben, dürfen die Grundstücke wesentlich länger brachliegen lassen als alle anderen Käufer, für die eine Frist von wenigen Jahren gilt. Trotzdem: Der Muhrwinkel hat nicht nur dazu beigetragen, dass sich die Einwohnerzahl Ottersdorfs deutlich erhöht hat, sondern auch, dass diese wesentlich jünger geworden sind. „60 Prozent sind unter 50 Jahre alt“, freut sich Ortsvorsteher Lott.

Kindergarten profitiert

Davon profitiert auch der Kindergarten: Vor zehn Jahren wurde er raus an die Grundschule gesetzt und war bereits nach fünf Jahren zu klein. Nächstes Jahr kommt nun endlich der Ausbau. „Man sieht also, dass wir nicht aussterben, sondern zunehmen“, blickt der Ortsvorsteher optimistisch in die Zukunft. Überhaupt hat Ottersdorf in Sachen Schule großes Glück gehabt: Noch lange vor der Gebietsreform von 1972 gab es nicht mehr genügend Schüler, um in Ottersdorf und Wintersdorf Grund- und weiterführende Schulen zu haben. Also wurde aufgeteilt: Während Wintersdorf die Hauptschule bekam (die inzwischen geschlossen ist), ging die Grundschule an Ottersdorf. Außerdem gibt es im Ort noch eine Bäckerei, eine Volksbank (die Sparkasse hat erst kürzlich ganz dicht gemacht), eine Apotheke und sogar zwei Ärzte: Hausarzt und Zahnarzt. Probleme gibt es derzeit mit der Postfiliale: Die ist seit dem 1. August zu, soll aber schnellstmöglich wieder an anderer Stelle geöffnet werden. Eine Tankstelle hat Otterdorf – trotz des vielen Verkehrs – nicht.
Der Verkehr macht Lott auch aus anderen Gründen Sorgen: Ottersdorf ist unter den fünf eingemeindeten Dörfern jenes, das seinen ländlich-dörflichen Charakter am stärksten bewahrt hat: Außenrum Streuobstwiesen, die Kelterei, ein Haupterwerbsbauer, mehrere Nebenerwerbsbauern. Überall gibt es noch Fachwerkhäuser – am bekanntesten ist das Ensemble, das für die Öffentlichkeit als Riedmuseum zugänglich ist. Es liegt etwas zurückgesetzt Am Kirchplatz, der an die Wilhelmstraße grenzt. „Diese wunderschöne Ansicht mit den Fachwerkhäusern muss erhalten bleiben“, sagt der Ortsvorsteher entschieden. „Das gibt’s sonst nirgends.“

Fachwerk ist prägend

So idyllisch diese Bauerndorfkulisse einerseits ist, sie bringt andererseits Herausforderungen mit sich: Die Grundstücke sind für heutige Verhältnisse riesig, so dass – wenn Generationenwechsel anstehen – durchaus mehrere Häuser auf die Fläche passen würden. Doch die sind nicht mit Wegen erschlossen. Also braucht es für die Häuser, die in zweiter Reihe entstehen, Überfahrtsrechte über die Grundstücke. „Und die Leute die vorne wohnen, wollen natürlich keinen riesigen Verkehr an ihrem Wohnzimmer vorbei“, weiß Lott. Bisher sei auf diese Weise allerdings moderat nachverdichtet worden: Keine Mehrfamilienhäuser, sondern lediglich Einfamilienhäuser sind im alten Ortskern entstanden.

Spielvereinigung Ried?

Richtig viel Platz für neue Einwohner wird es erst geben, wenn sich die Sportvereine zu einer Fusion durchringen können: Die Spielvereinigung Ried ist allerdings bisher nicht mehr als ein Wunschtraum der Politiker. „Die Vereine wehren sich noch“, erklärt Lott. Dabei gibt es auf der Ebene der Alten Herren und der Jugend schon lange Kooperationen. Würde die SV Ried Wirklichkeit, dann könnte auf den Flächen der jetzigen Sportplätze ein Mischgebiet mit Ein- und Mehrfamilienhäusern für 200 und 250 Personen entstehen.
Mit der Erweiterung des Gewerbegebiets am Oberwald, wo auch Netto hin will, wird sich Ottersdorf weiter verändern. Auch andere Betriebe haben schon angekündigt, dorthin umziehen zu wollen. Auf den so freiwerdenden Flächen könnten dann wiederum Wohnhäuser entstehen. Lott hofft, dass dieses Szenario schneller Realität wird als die SV Ried: „Wenn’s gut läuft, könnten wir nächstes Jahr schon erschließen.“