Zentrum der Krisenbewältigung: Das Landratsamt Rastatt ist ein eher kleines unter den 35 in Baden-Württemberg. Sozialdezernent Stefan Biehl hofft, dass sich die Bundesregierung an ihre Zusagen zur Stärkung der Gesundheitsämter erinnert. | Foto: Collet

Beispiel Rastatt

Wie die Gesundheitsämter in der Corona-Krise an Bedeutung gewannen

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Die Gesundheitsämter haben den Aufstieg vom Stiefkind zum Liebling der Regierung geschafft. Im Lauf der Corona-Krise bezeichnete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Gesundheitsämter als „Dreh- und Angelpunkt für den Umgang mit der Pandemie“. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel schreibt den lange vernachlässigten, bundesweit 375 Gesundheitsbehörden nun „eine zentrale Rolle“ zu. Ein Gesetzesentwurf der Regierung stellt personelle und strukturelle Hilfen in Aussicht.

Wie er sich dabei fühle, vom Stiefkind zum Liebling der großen Politik aufgestiegen zu sein? Stefan Biehl lächelt kurz wie jemand, der seinem neuen Status nicht wirklich vertraut – und sagt vorsichtig: „Wir haben Hoffnung, dass sich in ein paar Monaten noch jemand daran erinnert.“ In seiner Funktion als Sozialdezernent des Landratsamts Rastatt steht Biehl auch dem Gesundheitsamt vor.

Zusätzliche Aufgaben in der Corona-Krise: Grenzkontrollen und Saisonarbeiter

Das Landratsamt in Rastatt ist ein relativ kleines unter den 35 in Baden-Württemberg, hat aber in der Corona-Krise mit den Grenzkontrollen zu Frankreich und dem Abwickeln der Einreise osteuropäischer Saisonarbeiter am Baden-Airpark zwei zusätzliche, große Aufgaben mit zu bewältigen.

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Langsam werden nun wieder alle Bereiche hochgefahren, nachdem im März und April alles Corona untergeordnet war, wie Sébastien Oser, Amtsleiter Baurecht, Klima- und Naturschutz und öffentliche Ordnung, sagt. Er war in den vergangenen Wochen auch mit der Leitung des eingerichteten Verwaltungsstabs betraut. „Die Dynamik des Geschehens hat sich reduziert, seit dieser Woche arbeiten wir wieder auf 75 Prozent des Normalbetriebs“, so Oser.

Keine Zeit zum Durchatmen

Die täglichen Stabssitzungen der betroffenen Verwaltungsbereiche mit Landrat Toni Huber, Vertretern der Bundes- und Landespolizei, des Klinikums Mittelbaden und der Bundeswehr finden nun nur noch einmal pro Woche statt. Erst seit zehn Tagen herrscht im Gesundheitsamt wieder Einschichtbetrieb.

Obwohl die Zahl der aktiven Corona-Infizierten im Kreis Rastatt von insgesamt 700 auf unter 30 gesenkt wurde, bleibt nicht viel Zeit zum Durchatmen. Wie lange das Virus Pause macht, oder ob es eine zweite Welle gibt, kann niemand präzise vorhersagen. Und weil Corona alles andere in den Hintergrund gedrängt hat, ist vieles liegen geblieben. Vor allem in den Sozialdiensten, aber auch in anderen Bereichen wurden Video- und Telefon-Konferenzen angeboten.

Wurden viele Menschen mit ihren Problemen alleine gelassen?

Sozialdezernent Biehl geht jedoch davon aus, dass in der Krise viele Menschen mit ihren Problemen alleine geblieben sind. Obschon bei Themen wie beispielsweise Gewalt in der Familie oder Gewalt gegen Kinder auch während der Krise Ansprechpartner im Landratsamt vorhanden waren, kehrt unter anderem das Angebot der Beratung von Prostituierten oder die HIV-Sprechstunde erst jetzt wieder in den Fokus zurück. „Es braucht in vielen Bereichen der Psychologischen Beratungsstellen und der Sozialen Dienste persönliche Kontakte“, sagt Biehl.

„Wir haben an manchen Stellen eine Welle vor uns“, bestätigt Sébastien Oser, der in seinem Bereich beispielsweise Heimbegehungen oder die Kontrolle von Waffenbesitzern zurückstellen musste. Die Bundesregierung überließ den Ämtern nun auch mehr Verantwortung. Die Landräte entscheiden nun bei 50 Neuinfizierten je 100.000 Einwohnern in sieben Tagen, ob sie die Restriktionen wieder erhöhen.

Mit der derzeitigen stabilen Lage ist der Übergang zu einem kleinräumigeren, situationsangepassten Handeln sinnvoll.

Sébastien Oser, Amtsleiter Baurecht, Klima- und Naturschutz und öffentliche Ordnung Rastatt

Sébastien Oser findet: „Es war richtig, in der heißen Phase ein bundeseinheitliches Vorgehen vorzugeben. Mit der derzeitigen stabilen Lage ist der Übergang zu einem kleinräumigeren, situationsangepassten Handeln sinnvoll.“ Diese Woche erwarten die Ämter diesbezüglich ein Konzept des Landes. Die Zusammenarbeit zwischen Bund, Land und Kommunen laufe jetzt sehr gut.

Die Lage hat sich entspannt

Doch es gab zwischen den staatlichen Ebenen auch Reibungspunkte. „Wir haben uns gerade beim Thema Schutzausrüstung am Anfang ein Stück weit auf Bund und Land verlassen“, sagt Oser, ehe der Landkreis in der Hochphase selbst Schutzausrüstung besorgt habe.

Mittlerweile hat sich die Lage deutlich entspannt. Insbesondere die Lieferkette des Landes sei so gut angelaufen, dass mittlerweile sogar Ausrüstung vorgehalten werden könne. Eine Lehre der Krise sei es, bei der Produktion von Schutzausrüstung nicht ausschließlich auf Akteure außerhalb Europas zu setzen. Daher sei es auch zu begrüßen, dass die Firma Dach, einer der großen Schutzausrüstungshersteller, nun auch in Rastatt einen Produktionsstandort aufbaut.

Mitarbeiter-Zahl in der Corona-Krise mehr als verdoppelt

Probleme gab es auch mit den Nachverfolgung von Infizierten, dem sogenannten Containment, weil es im Kreis Rastatt zeitweise sehr hohe Neufallzahlen gab und die Ermittlung von Kontaktpersonen hochaufwändig ist. „Für einen kurzen Moment stand die Situation beim Containment auf der Kippe“, sagt Biehl.

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Während der Krise erhöhte das Landratsamt Rastatt die Zahl seiner Mitarbeiter alleine im Gesundheitsamt von 34 auf 90. Doch die Verträge mancher Mitarbeiter laufen nur drei bis sechs Monate. Die 150.000 Euro für den Ausbau der Digitalisierung, die der Bund den Gesundheitsämtern in Aussicht stellt, sähe Sozialdezernent Biehl besser in der Finanzierung von neuen Ärzte- oder Krankenschwesternstellen ausgegeben.

Außerdem müssten die Ärztestellen finanziell endlich aufgewertet werden, Amtsärzte verdienen im Vergleich zu niedergelassenen Kollegen weniger. Auch führt Biehl sogenannte Containment-Scout-Teams des Bundes, die im Notfall künftig die Landratsämter unterstützen sollen, nicht oben auf seiner Prioritätenliste. Menschen vor Ort hätten sich in der Krise bewährt, sagt Biehl.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist wichtiger denn je.

Sébastien Oser, Amtsleiter Baurecht, Klima- und Naturschutz und öffentliche Ordnung Rastatt

Kollege Oser fordert, die allgemeine Pandemieplanung auszubauen, von Bund und Land müsste für die Zukunft „eine ordentliche Schippe draufgelegt“ werden. Oser, dessen Mutter Französin ist, fordert nach den Irritationen an der deutsch-französischen Grenze, als sich französische Pendler gegängelt gefühlt haben und mitunter von Deutschen beim Einkaufen beleidigt wurden: „Grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist wichtiger denn je.“

Er betont aber auch, dass vieles funktioniert habe, beispielsweise die durch das Land mitveranlasste Aufnahme von französischen Covid-Patienten in Krankenhäusern jenseits des Rheins.