Tusch
Tschüss tête-à-tête: Handstandakrobatin Natalie Reckert moderierte eine begeisternde Abschlussveranstaltung des Straßentheaterfestivals in der Badner Halle, die zum guten Schluss noch einmal ein Best-of der vergangenen Tage präsentierte. | Foto: Collet

Straßentheater in Rastatt

Zum Abschluss einen „Tusch!“

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Ja, das war ein „Tusch!“, der sein Ausrufezeichen im Namen redlich verdient hat: Mit einer fulminanten Show voller Abwechslung, Witz und Charme, schneller und poetischer Momente, aber auch sympathischer Patzer ist das tête-à-tête am Sonntagabend endgültig zu Ende gegangen. Und das noch ein Mal vor vollem Haus: Noch während die letzten Bühnen und Zelte im Murgpark bespielt wurden, sammelten sich schon die ersten Festivalfans vor der Badner Halle, in der Hoffnung, noch eins der begehrten Tickets zu ergattern. Doch daraus wurde meist nichts. „Leider, leider“, muss man ihnen im Nachhinein zurufen, denn das, was ihnen im knapp zweistündigen Abschlussprogramm entgangen ist, war noch einmal ein Sahnehäubchen auf die tête-à-tête-Stückchen der vergangenen Tage.

Programm der Superlative

Und das auch dank Natalie Reckert: Die Handstandakrobatin war bereits im Programmheft als „Superheldin aus Zuckerguss“ angekündigt worden und wurde dieser Beschreibung voll und ganz gerecht: Im silber-glänzenden Raumfahrerdress nimmt sie das Publikum auf eine Reise durch die Festivalgalaxien und macht charmant-verschmitzt die Ton-Pannen vergessen, die vor allem im ersten Teil der Show manch einem der Helfer im Hintergrund Schweißperlen auf die Stirn gezaubert haben werden. Im nächsten Moment wirbelt sie über die Bühne, um sich einen wilden Kampf mit aufblasbaren Schwimmtieren zu liefern, der sie definitiv zur Heldin auf jedem Kindergeburtstag werden ließe.

Race Horse Company
Windschiefe Jonglage auf Skiern – die schrägen Jungs der Race Horse Company. | Foto: Collet

Männerfantasien – nein, nicht der schlüpfrigen Art, sondern eher der feuchtfröhlichen – lassen dann noch einmal die drei Jungs der Race Horse Company Wirklichkeit werden: Zwar nicht elfengleich, dafür in völlig natürlich wirkenden (und doch eigentlich absolut unmöglichen) Bewegungen fließen sie regelrecht um ihre blauen Gymnastikbälle, scheinen beinahe eine Einheit mit ihnen zu sein, geben dem Begriff „Hüpfball“ eine männliche Note (ja, das geht wirklich!) und liefern mit ihrer windschiefen Jonglage-Nummer auf Skiern den Beweis, dass schwachsinnige Ideen im Suff durchaus ihre Berechtigung haben, wenn sie von sportlichen Kerlen wie diesen drei Finnen umgesetzt werden. Hätte einer von ihnen jetzt noch mit dem Akzent von Sunrise-Avenue-Frontmann Samu Haber gesprochen, hätten ihnen auch noch die Frauen endgültig zu Füßen gelegen.

Simple Cyfer
Eine verrückte Mischung aus Rhönrad und Breakdance bietet Simple Cyfer. | Foto: Collet

Tosenden Applaus ernten dann aber die ebenso sympathischen Jungs von „Simple Cyfer“ mit ihrer modernen Rhönrad-Adaption, die sie während des Festivals auf dem Parkplatz des LWG gezeigt haben. Dabei drehen sich die Briten in einem einfachen mannshohen Rad nicht nur, sondern schaffen es irgendwie zu breakdancen – und dabei auch noch völlig relaxed auszusehen. Dass die Soundtechnik mittendrin komplett den Geist aufgibt, lächeln sie queen-like einfach weg.
Ganz unaufgeregt – und damit paradoxerweise schier unerträglich spannend – kommt Ben Richter daher. Der schlaksige Mann, der ein bisschen an Günther Jauch erinnert, braucht nicht mehr als ein Glas und eine Hand, um einen fragilen Tanz zu beginnen. Hätte er sich nicht vorher die Finger an einem Handtuch abgewischt – man würde Stein und Bein schwören, dass hier Kleber im Spiel sein muss, so unnatürlich leicht und locker bleibt ihm das bauchige Weinglas am Finger haften. Wobei zumindest der Stein am Ende noch seine Rolle in der zerbrechlichen Nummer bekommt …

Auch leise Töne begeistern

Einen ganz anderen Tanz in Zeitlupe vollführen Rosa Wilm und Moritz Böhm vom Zirkus Morsa. Mit ihrer unglaublichen Körperbeherrschung faszinierten die beiden Akrobaten mit ihrer Rola-Bola-Balanciernummer während des Festivals im Murgpark und am LWG und der kleine Ausschnitt aus „La fin demain“ lässt die Tusch!-Besucher am Ende noch einmal tief beglückt Aufjauchzen. Und angesichts der Biegsamkeit von Rosa Wilm auch neidvoll erblassen.
Ebenfalls auf der Klaviatur der leisen Töne spielen dann Pieter und Harry – die während des Festivals jeweils mit eigenen Nummern unterwegs waren: Der eine mit der Slow-Motion-Entspannungsnummer „The Turtle“, der andere als Teil des Duos „De stijle want“ im Zirkus „Toni Rinaldoni“. Ob schon vorher befreundet oder während des tête-à-tête aufeinander aufmerksam geworden: Auf der Tusch!-Bühne geben die alternden Niederländer rührend das fürsorgliche Paar, bevor sie slapstickhaft die Fassade bröckeln lassen und der Rosenkrieg schließlich mit einem unerwarteten Knall mitten im Publikum endet.

Schuhe
Fliegende Schuhe: Dabei wird Clown Murmuyo nicht etwa ausgebuht, sondern gefeiert. | Foto: Huse

Das ist inzwischen derart hingerissen, dass es bereit ist, alles zu geben – mindestens aber einen Schuh. Den fordert der feuerrote Chaosclown Murmuyo ein, mit der Konsequenz, dass er schließlich aus den Zuschauerrängen mit Sandalen, Latschen und anderen Tretern beworfen wird – darunter auch ein Slipper, der kurz zuvor noch am Fuß eines sichtlich vergnügten Oberbürgermeisters steckte. Anders als dieser findet nicht jeder Schuh den direkten Weg zurück an den eigenen Fuß und so sitzt während der zweiten Hälfte des Abends eine erkleckliche Zahl Halbbarfußindianer im Publikum herum.
Ob’s die zuvor unter schwarznasigem Clownszwang und begeistertem Klatschen der Zuschauer eingetrichterten zwei Bier waren, der Probelauf beim Einlösen der Narrenstrafe oder einfach noch einmal das Festivalfieber – jedenfalls steht Pütsch kurz darauf mit den Jungs von Muzikanty auf der Bühne und schlägt überraschend rhythmisch und beinahe schon im Freestyle die Topftrommel. Dass er damit Teil des „Lonely Man Orchestra“ geworden ist, quittiert auch seine Frau Kersten mit einem herzlichen Lachen.

Zum Schluss noch Val Kilmer, Horst Lichter und Christoph-Maria Herbst beim Männerballett

Abschluss des Abends sind dann die Jungs von „Quatuor Stomp“ mit ihrem Männerballett zum Boléro. Was nach einem matten Aufguss von Karnevalsklischees klingt, ist viel mehr: Eine kraftstrotzende Akrobatiknummer, die natürlich nicht ohne eine wohldosierte Portion Klamauk auskommt – Tutu am Val-Kilmer-Kraftprotz, rosa Boxershorts am Horst-Lichter-Verschnitt. Und am Ende klettert ein Christoph-Maria-Herbst-Lookalike als Spitze der menschlichen Pyramide bis unter den Bühnenboden und balanciert die Discokugel auf seinen Schultern.
Als die Jungs die zierliche Natalie Reckert nach der herrlich flittrig-kitschigen Purple-Rain-Nummer natürlich mit Riesenventillator von der Bühne tragen, ist endgültig klar: Dieses tête-à-tête war wieder sensationell! Und ist beim nächsten Mal nur noch dadurch zu toppen, dass es dort eröffnet und beendet wird, wo Straßentheater auch tatsächlich hingehört: Auf der Straße.