Die Belebungsbecken sind Teil der biologischen Reinigungsstufe, die alle Acherner Abwässer in der Kläranlage durchlaufen. Einige Stoffe können die hier aktiven Bakterien nicht abbauen. | Foto: Michaela Gabriel

Medikamentenreste

Vierte Reinigungsstufe für Acherner Klärwerk gefordert

Von Michaela Gabriel
Tagtäglich werden Medikamentenwirkstoffe, Reste von Reinigungs- und Waschmitteln und andere Chemikalien aus der städtischen Kläranlage in Achern in den Mühlbach entlassen. Dass sie nicht nur in Achern, sondern auch am vermeintlich sauberen Ende anderer Kläranlagen in Spuren vorkommen und Folgen haben, ist sowohl im Umweltministerium als auch beim Landratsamt und bei der Stadtverwaltung bekannt. Stadtrat Ernst Kafka von der Acherner Bürger Liste (ABL) fordert jetzt zum Handeln auf.
„Mittlerweile gibt es technische Möglichkeiten, eine vierte Reinigungsstufe einzuführen. Das ist der Wunsch der ABL-Fraktion“, sagt Ernst Kafka.

Chemische Rückstände

Es sei laut Kafka „wahnsinnig wichtig“, etwas zu tun, um die Gewässer nicht weiter mit chemischen Rückständen zu belasten, denn das Wasser bewege sich in einem riesigen Kreislauf und komme zum Mensch zurück. Von einer zunehmenden Verweiblichung von Fischen und anderen Wasserbewohnern und zu dünnen Eierschalen bei Vögeln wisse man bereits.

Mehrere Euro pro Jahr

Bei ersten Gesprächen mit der Stadtverwaltung habe er festgestellt, so Kafka, dass man sich mit dem möglichen Bau einer vierten Reinigungsstufe befasst habe. Seine Fraktion halte die Millioneninvestition mittelfristig für notwendig, auch wenn sie den Abwasserpreis pro Kopf um mehrere Euro pro Jahr verteuern werde.

Bakterien können nicht alles

„Es gibt Abwasserinhaltsstoffe, die von Bakterien nicht vollständig verarbeitet werden können“, bestätigt die Stadtverwaltung auf Nachfrage. Im Abwasser nachweisbar seien Betablocker, Antibiotika, Antiepileptika, Analgetika, außerdem Korrosionsschutzmittel, phosphororganische Verbindungen und der hormonell wirksame Schadstoff Bisphenol A aus Kunststoffen. Auch Hormone aus der Antibabypille und Röntgenkontrastmittel landen über menschliche Ausscheidungen in den Gewässern.

Keine verbindlichen Grenzwerte

Aktuell gebe es in Baden-Württemberg noch keine verbindlichen Grenzwerte für Kläranlagen in der Größenordnung von Achern, teilt die Verwaltung mit. Mittel- und langfristig sei die Einführung einer vierten Reinigungsstufe jedoch das Ziel. Dieses Jahr wolle man erste Untersuchungen im Abwasser anstellen. Danach solle eine für Achern zugeschnittene Lösung entwickelt werden.

Umsetzung frühestens 2020

Als Investitionskosten seien bei anderen Anlagen sechs bis sieben Millionen Euro im Gespräch. Über zu erwartende laufende Kosten gebe es noch keine Anhaltspunkte. Mit einer konkreten Umsetzung einer vierten Reinigungsstufe rechnet man im Rathaus frühestens 2020/21.

Bislang kaum Erkenntnisse

Spurenstoffe kommen in sehr geringen Konzentrationen vor, macht Steffen Metzger vom Kompetenzzentrum Spurenstoffe Baden-Württemberg deutlich. Er führt den Vergleich von einem Zuckerwürfel in einer Million Liter Wasser an. Aber sie würden auch durch Straßenabläufe und die Landwirtschaft in Grundwasser, Bäche und Flüsse getragen. Über ihre Effekte und Langzeitwirkungen habe man bislang kaum Erkenntnisse. Man rechne jedoch damit, dass weniger Durchfluss in den Gewässern und eine älter werdende Bevölkerung zu einer steigenden Belastung der Umwelt mit Spurenstoffen führen werden.

Die Kläranlage in Lahr ist die erste im Ortenaukreis, die seit 2015 mittels Aktivkohle Spurenstoffe aus dem Abwasser filtert.
Weitere Projekte seien derzeit nicht in Planung, so Stefan Luchner vom Amt für Wasserwirtschaft und Bodenschutz.
Im ganzen Land seien bislang elf Kläranlagen mit einer Aktivkohlestufe aufgerüstet worden, weitere sieben seien im Bau oder in Planung. Nach deren Inbetriebnahme würden rund 20 Prozent des gesamten baden-württembergischen Abwassers von Spurenstoffen gereinigt.
Zum Schutz der Gewässer sei es wichtig, nicht mehr benötigte Medikamente auf keinen Fall in den Ausguss zu schütten oder in die Toilette zu werfen, erklärt der Fachmann. Auch die Entsorgung über den Hausmüll sei falsch, weil der Müll aus dem Ortenaukreis mechanisch-biologisch behandelt und nicht verbrannt werde. Medikamente müssten unbedingt über die Problemstoffsammlungen entsorgt werden – ein Beitrag, den jeder leisten kann. Auch die weitgehende Vermeidung von chemischen Reinigungsmitteln, Desinfektionsmitteln und synthetischen Duftstoffen in privaten Haushalten trage zum Schutz der Gewässer bei. emg