Grenzpfosten
Ein verwitterter Grenzpfosten der DDR: An deutschen Universitäten gibt es auch 30 Jahre nach dem Mauerfall keine Führungspersonen, die in Ostdeutschland geboren sind. | Foto: Jens Wolf

30 Jahre Mauerfall

11. September 1989: Als die DDR-Flüchtlinge ungehindert ausreisen konnten

Anzeige

Für das SED-Regime in der DDR war die Entscheidung des Nachbarstaates eine Provokation wie eine Demütigung. Doch die ungarische Regierung blieb konsequent – am 11. September 1989 um Mitternacht öffnete sie ihre Grenzen in den Westen. Der Weg in die Freiheit war für die DDR-Bürger frei.

Gyula Horn musste einen Hintereingang nehmen. Obwohl die ungarische Regierung höchste Geheimhaltung vereinbart hatte, war das Gebäude des Fernsehsenders am Abend des 10. September von Journalisten aus aller Welt umringt, die den Außenminister abfangen und von ihm aus erster Hand informiert werden wollten. So groß war der Andrang, dass die Verantwortlichen sogar den ganzen Sendetrakt sperren ließen.

Im Fernsehstudio platzt die Bombe

Es hatte sich herumgesprochen, dass eine Sensation zu erwarten sei. Doch Horn schwieg eisern. Auf verwinkelten Wegen zwischen verstaubten Kulissen und anderem Gerümpel ließ er sich ins Studio lotsen, wo um 19.00 Uhr in dem politischen Wochenmagazin „A HÈT“ (Die Woche) die Bombe platzte: Ungarn wird am nächsten Tag seine Grenzen öffnen! Das sei, verkündete er, keine vorübergehende Maßnahme von ein oder zwei Tagen. Vielmehr werde die Grenze so lange offen bleiben, „so lange sich auch nur ein einziger ausreisewilliger DDR-Bürger in Ungarn“ aufhalten sollte.

Erst am Vortag informiert Budapest den „großen Bruder“ in Moskau

Die Nachricht, die zeitgleich von der ungarischen Nachrichtenagentur MTI als Eilmeldung verbreitet wurde, sorgte weltweit für Furore. Denn bis zuletzt war sie geheim gehalten worden. Erst am Vortag hatte die ungarische Regierung den „großen Bruder“ in Moskau informiert. Die Sowjets ihrerseits waren nicht überrascht. „Es war offensichtlich, dass sie schon lange von unserem Vorhaben wussten“, mutmaßte Gyula Horn im Rückblick. „Wahrscheinlich hatte sich auch die DDR-Führung bei ihnen über uns beklagt, doch ist es in der internationalen Politik keinesfalls gleichgültig, ob die andere Seite von einem Ereignis in offizieller Form oder über ,illegale‘ Kanäle unterrichtet wird.“

Ungarn geht seinen eigenen Weg

So wurde die Sowjetführung von den Reformern in Budapest vor vollendete Tatsachen gestellt, wurde nicht mehr gefragt und musste dazu auch nicht Stellung nehmen. Ungarn ging seinen eigenen Weg.  Mit einem Gefühl der Erleichterung verließ der ungarische Außenminister nach seinem Auftritt das Fernsehstudio. „Der Würfel war gefallen. Nun gab es niemanden mehr, der unseren Schritt verhindern konnte.“

Die Nachricht von der unmittelbar bevorstehenden Grenzöffnung machte in den überfüllten Flüchtlingslagern in Budapest, am Plattensee und in den westungarischen Grenzstädten rasch die Runde und löste unter den 150.000 bis 200.000 DDR-Flüchtlingen, die zum Teil seit Monaten auf eine Ausreisemöglichkeit warteten, eine unbeschreibliche Freude und Erleichterung aus. Wildfremde Menschen fielen sich um den Hals, Freudentränen liefen über die Wangen.

Endlose Auto-Karawane setzt sich in Bewegung

Noch in der Nacht setzte sich eine nicht enden wollende Auto-Karawane in Richtung der ungarisch-österreichischen Grenze in Bewegung. Am 11. September um 00.00 Uhr fielen die Schlagbäume, die Grenzsoldaten stellten alle Kontrollen ein. In Österreich wie in der  Bundesrepublik wurden die Menschen begeistert empfangen, allein in den ersten drei Tagen kamen rund 15.000 DDR-Bürger im Westen an. Bei Passau und Deggendorf entstanden auf die Schnelle provisorische Zeltstädte, um die Neuankömmlinge aufzunehmen.

Der DDR-Außenminister ist überrascht, bestürzt. empört

Das SED-Regime in Ost-Berlin tobte. Mit diplomatischen Noten, öffentlichen Verlautbarungen und Erklärungen protestierte die DDR-Regierung gegen die Entscheidung der ungarischen Regierung, Außenminister Oskar Fischer schickte gar seinen Stellvertreter nach Budapest, doch alle Proteste verhallten folgenlos. Dabei wussten die DDR-Machthaber bereits seit dem 31. August Bescheid. An diesem Tag traf sich Außenminister Gyula Horn in Ost-Berlin mit seinem Amtskollegen Fischer, um ihn über die Entscheidung seiner Regierung zu informieren, die Grenzen zu öffnen. Fischer war überrascht, bestürzt, empört. Mit allem habe er gerechnet, nur nicht damit. Das sei „Erpressung“, sogar „Verrat“, warf er Horn vor. „Wissen Sie denn, dass Sie damit die DDR im Stich lassen und zur anderen Seite überwechseln?“ Und dann drohte er: „Das wird schwerwiegende Folgen für Sie haben.“

Doch der Ungar ließ sich davon nicht beeindrucken. Die Entscheidung seiner Regierung, die Grenzen für alle Ausreisewilligen zu öffnen, stehe fest, es gebe nichts mehr, worüber man noch verhandeln könne. Das Gleiche teilte Horn auch Politbüro-Mitglied Mittag mit, der den noch immer erkrankten SED-Chef Erich Honecker vertrat. Weitere Verhandlungen lehnte Horn ab. Die Würfel waren gefallen.

Ein Land ohne Führung, dem die Bürger davonlaufen

Die Bilder von den jubelnden DDR-Bürger, die in einem endlosen Strom ungehindert in den Westen flohen, gingen um die Welt. Für das SED-Regime aber war die Öffnung der Grenze eine Demütigung und eine Blamage ohnegleichen – die DDR präsentierte sich als Land ohne Führung, dem die eigenen Bürger davonliefen, dem der „große Bruder“ Sowjetunion jegliche Unterstützung entzogen hatte und dem die bisherigen Partner und Verbündeten in den Rücken fielen. Bereits am 11. September musste das Ministerium für Staatssicherheit in einer ersten internen Analyse resigniert feststellen: „Die Bemühungen der DDR, insbesondere über die Botschaft in Budapest, Einfluss auf die Bürger der DDR zu gewinnen und sie (…) zur Rückkehr in ihre Heimatorte zu veranlassen, blieben im Wesentlichen ohne Wirkung.“

Doch von eigenen Fehlern, Versäumnissen und Defiziten wollte die reformunwillige DDR-Führung nichts wissen, vielmehr wurde die Schuld für die Massenflucht bei anderen gesucht: Ursache sei „die pausenlose massive Beeinflussung der Bürger der DDR durch BRD-Medien und durch deutschsprachige ungarische Medien“, so die Stasi, hinzu käme die „neutralistische Haltung“ der ungarischen Behörden, „die nicht offen und deutlich die DDR-Aktivitäten unterstützten und zugleich nichts unternahmen, die aus der anmaßenden ,Obhutspflicht‘ der BRD für DDR-Bürger abgeleiteten völkerrechtswidrigen Aktivitäten der BRD zurückzuweisen bzw. zu unterbunden“.

Das SED-Regime hat keine Rezepte

Bei der Sitzung des Politbüros einen Tag später, am 12. September, stellte denn auch Günter Mittag die Frage, wie es möglich sei, „das Loch Ungarn zuzumachen, um keine neuen Sachen anlaufen zu lassen“. Zwar seien die Lager in Ungarn mittlerweile fast leer, aber man wisse nicht, wie sich der Zustrom weiter entwickle. „Die BRD wird die Hetzkampagne weiter steigern“, so Mittag, und was Ungarn gemacht habe, „ist der Bruch der Vereinbarungen mit der DDR unter dem Deckmantel des Humanismus“. Gleichwohl ahnte Mittag, auf welch schmalem Grat die DDR wandelte. Rezepte hatte die SED-Führung nicht. Einerseits soll die Zahl der Ausreisen nach Ungarn eingeschränkt werden, andererseits aber dürfe dies „nicht unsere Partei und die Masse der Bevölkerung betreffen.“ Die Hilflosigkeit der Mächtigen war mit Händen zu greifen.