Michail Gorbatschow, Präsident der UdSSR, am 09.11.1990 bei seinem Besuch in der Bundesrepublik Deutschland. | Foto: Achim Scheidemann

30 Jahre Mauerfall – Teil 3

12. Juni 1989: Als die Bonner im „Gorbi-Fieber“ waren

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So schnell brachte die Bonner einst nichts aus der Ruhe. Im Umgang mit prominenten Staatsgästen aus aller Welt hatten die Einwohner der Stadt am Rhein, die seit der Teilung Deutschlands im Jahr 1949 stellvertretend für Berlin die Funktion der provisorischen Bundeshauptstadt und des Regierungssitzes eingenommen hatte, eine routinierte Gelassenheit, mehr noch, eine fast schon demonstrative Gleichgültigkeit entwickelt. Die Gäste kamen und gingen. Doch am 12. Juni 1989 war alles anders.

Die Bonner waren völlig aus dem Häuschen und feierten einen Staatsbesucher wie einen Rock-Star – Kremlchef Michail Gorbatschow, der seinerseits das Bad in der Menge sichtlich genoss. Die Bonner waren im „Gorbi“-Fieber – von „Gorbi Superstar“ und „Gorbi-Manie“ schrieben die Zeitungen hinterher, jeder öffentliche Auftritt des sowjetischen Staats- und Parteichefs während seiner viertägigen Deutschland-Visite, sei es in Bonn oder danach in Stuttgart, vor 7000 Arbeitern der Hoesch-Werke in Dortmund oder in Köln, glich einem Triumphzug.

Es weht ein neuer Wind in den Ost-West-Beziehungen

Instinktiv spürten die Bonner, dass der Kremlchef nicht nur ein besonders offener, unbefangener und charismatischer Spitzenpolitiker war, der sich schon durch seine Art des Auftretens fundamental von seinen Vorgängern, den greisen und kranken Apparatschiks Leonid Breschnew, Juri Andropow und Konstantin Tschernenko  unterschied, sondern dass es ihm mit seiner Politik der Öffnung, der Abrüstung und der Kooperation ernst war. Mit Gorbatschow wehte in den schwierigen Ost-West-Beziehungen ein völlig neuer Wind.

Der Gast aus Moskau ist ein begehrter Gesprächspartner

Das wurde auch in den offiziellen Gesprächen deutlich, die der sowjetische Staats- und Parteichef mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker,  Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) sowie mit Vertretern der Opposition wie den beiden Alt-Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt sowie SPD-Chef Hans-Jochen Vogel führte. Der Gast aus Moskau war ein begehrter Gesprächspartner. „Überall in der Bundesrepublik zeigte man enormes Interesse an den Ereignissen in unserem Land, Menschen unterschiedlichster sozialer und politischer Couleur bekundeten aufrichtige Sympathie für unser Volk und debattierten mit Enthusiasmus über die Perestroika“, schrieb Gorbatschow rückblickend in seinen Erinnerungen.

Privates Abendessen im Kanzlerbungalow

Allein drei Mal traf sich der Kremlchef mit Bundeskanzler Helmut Kohl, zwei Mal im Bundeskanzleramt, ein drittes Mal zu einem privaten Abendessen mit den Ehefrauen Raissa und Hannelore im Kanzlerbungalow. Die Chemie zwischen den beiden stimmte, vergessen, dass Kohl im Oktober 1986 in einem Interview mit „Newsweek“ Gorbatschow mit Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels verglichen hatte. Nun saßen sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber und sprachen über alle Fragen der internationalen Politik, vor allem aber über die Reformpolitik in der UdSSR und ihre Konsequenzen für die Staaten Osteuropas. Gorbatschow warb um Vertrauen für seine Politik, bat aber auch eindringlich darum, dass sich der Westen zurückhalte und sich nicht aktiv in die Reformprozesse in Osteuropa einmische. „Wenn jemand versuchen würde, von außen Einfluss zu nehmen, müsse dies zu Destabilisierung führen und gefährde die Verständigung zwischen Ost und West“.

Helmut Kohl ist an einer Destabilisierung der DDR nicht interessiert

Kohl seinerseits stimmte Gorbatschow nicht nur zu,  sondern gab ihm auch das Versprechen, dass er nicht an einer Destabilisierung Osteuropas interessiert sei, auch und besonders nicht der DDR. Aber es sei doch für niemanden ein Geheimnis, dass DDR-Staatschef Erich Honecker „zu irgendwelchen Veränderungen und Reformen nicht imstande sei und damit selbst die Lage in seinem Lande destabilisiere“. Gorbatschow ging darauf nicht ein, sondern blieb vage: Auch für die DDR gelte der Grundsatz, „dass jeder für sich selbst verantwortlich sei“. Die Sowjetunion trete für „positive Veränderungen in allen Beziehungen, für politische Erneuerung, für den Umbau der Wirtschaft sowie für die Selbständigkeit der sozialistischen Staaten ein“. Kohl antwortete, dass man heute mit Moskau besser reden könne als mit Ost-Berlin.

Spaziergang durch den Park des Kanzleramtes

Was aber bedeutet das für die Zukunft der DDR? Wieviel Unabhängigkeit würde Moskau seinem Ost-Berliner Vasallen zugestehen? Nach dem gemeinsamen Abendessen, es war schon nach Mitternacht, unternahmen Kohl und Gorbatschow spontan einen Spaziergang im Park des Kanzleramtes, nur der Dolmetscher begleitete sie. Am Rheinufer setzten sie sich auf eine Mauer und blickten auf den Fluss sowie das gegenüberliegende Siebengebirge. In dem Vier-Saugen-Gespräch entwickelten sie die Vision eines „Großen Vertrages“ zwischen beiden Staaten. Doch Kohl schränkte ein: „Aus dem Vertrag wird jedoch nichts Richtiges, solange zwischen uns die Teilung Deutschlands steht. Sie ist die entscheidende Belastung zwischen unseren beiden Völkern.“

„Die deutsche Einheit wird kommen“

Gorbatschow widersprach, nannte die Teilung die „logische Folge der geschichtlichen Entwicklung“. Kohl aber blieb dabei. Geschichte sei nichts Statisches. So wie man den Rhein auf seinem Weg zum Meer nicht aufhalten könne, so sei es auch mit der deutschen Einheit. Man könne ihr Zustandekommen zu verhindern suchen. „Aber so sicher wie der Rhein zum Meer fließt, so sicher wird die deutsche Einheit kommen – und auch die europäische Einheit.“ Die Frage laute nur, so Kohl: „Machen wir es in unserer Generation, oder warten wir weiter – mit all den Problemen, die damit verbunden sind?“ Gorbatschow schwieg. Helmut Kohl war sich allerdings im Rückblick sicher: Von diesem Zeitpunkt an habe bei Gorbatschow „ein Prozess des Umdenkens eingesetzt“.

Von Mauerbau bis Mauerfall im Zeitstrahl