Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow (l) wird nach seiner Ankunft zu den Feierlichkeiten zum 40-jährigen Staatsjubiläum der DDR am 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin von dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit dem traditionellen Bruderkuß willkommen geheißen.
Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow (l) wird nach seiner Ankunft zu den Feierlichkeiten zum 40-jährigen Staatsjubiläum der DDR am 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin von dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit dem traditionellen Bruderkuss willkommen geheißen. | Foto: Wolfgang Kumm

30 Jahre Mauerfall

18. Oktober 1989: Als Erich Honecker seiner eigenen Entmachtung zustimmte

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Bis zuletzt wollte DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker nicht wahrhaben, dass seine Zeit abgelaufen war. Weil er sich an die Macht klammerte, organisierten mehrere Mitglieder des SED-Politbüros seinen Sturz. Am 18. Oktober 1989 kam es zum Showdown im Politbüro.

Die Verschwörer handelten höchst konspirativ. Weil sie wussten, dass der allmächtige Stasi-Chef Erich Mielke selbst die Mitglieder des SED-Politbüros überwachen und ihre Telefone abhören ließ, achteten sie auf höchste Geheimhaltung. So trafen sie sich auf der Toilette und sprachen auf Russisch.

Im Trainingsanzug durch die Waldsiedlung Wandlitz

In der Waldsiedlung Wandlitz, wo die komplette DDR-Führung abgeschirmt wohnte, stiefelten die beiden Anführer der Rebellion, Egon Krenz und Günter Schabowski, in der Dämmerung in Trainingsanzügen auf Schleichwegen zum Gewerkschaftsboss Harry Tisch, um ihn in ihre Putsch-Pläne einzuweihen. Ihre einzige Sorge: Hoffentlich werden sie von Erich Honecker nicht entdeckt. Die drei waren sich einig – nicht nur Honecker müsse weg, sondern auch der für Wirtschaft zuständige Günter Mittag und der ZK-Sekretär für Agitation und Propaganda, Joachim Herrmann, unter dem die Presse „zu einer unsäglichen geistigen Zwergenhaftigkeit degeneriert“ war, so Schabowski.

Die Verschwörung wird verraten

Doch die Verschwörung drohte zu scheitern, bevor sie überhaupt begonnen hatte. „Honecker: Mittwoch letzter Arbeitstag“, hieß es in großen Lettern in der „Bild“-Zeitung vom Freitag, den 13. Oktober 1989. Am 18.Oktober werde der SED-Chef entmachtet, schrieb das Blatt, das sich auf Informationen aus „höchstrangigen SED-Kreisen in Ost-Berlin“ berief. Gab es Verräter im engsten Machtzirkel der DDR?

Denn längst hatte sich die Zahl der Mitwisser deutlich vergrößert. Krenz hatte in der Zwischenzeit sowohl den mächtigen Stasi-Chef Erich Mielke als auch den Vorsitzenden des Ministerrats, Willi Stoph, eingeweiht. Mielke gab grünes Licht, Honecker sei „nicht mehr in der Lage, seine Entscheidungen im Kollektiv zu treffen oder auch nur zu diskutieren“. Und auch der sowjetische Botschafter in Ost-Berlin, Kotschemassow, wurde eingeweiht. Am Montag, 16. Oktober, informierte Harry Tisch bei einem Besuch in Moskau die Sowjetführung.

Erich Honecker will nichts wahrhaben

Der greise DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker dagegen, gerade erst von einer schweren Operation genesen, glaubte unverdrossen, noch immer die Zügel fest in der Hand zu haben, obgleich nicht zu übersehen war, wie sie ihm entglitten. Wie an jedem Dienstag machte er sich auch am 17. Oktober 1989 auf den Weg zur Sitzung des Politbüros, wo er als Letzter eintraf.

Der 77-Jährige begrüßte jeden per Handschlag, entschuldigte sich für die Verspätung, eröffnete die Sitzung und wollte, wie gehabt, die Tagesordnung aufrufen. Da bat Ministerpräsident Wilhelm Stoph, sein alter Kampfgefährte, ums Wort. Er beantrage eine Änderung der Tagesordnung und wolle, dass man als ersten Punkt über die Absetzung des Generalsekretärs spreche, sagte er mit fester Stimme. „Honecker“, so erinnerte sich Schabowski später, „hat darauf mit einem steinernen Gesicht reagiert.“

Stasi-Chef Mielke postiert Sicherheitsleute im Vorzimmer

Doch er ließ die Debatte zu. Mit einem für ihn wie die Putschisten überraschenden Verlauf: Alle Mitglieder des entscheidenden Machtzentrums der DDR rückten sofort von ihm ab, auch Stasi-Chef Erich Mielke, der, um auf Nummer sicher zu gehen, im Vorzimmer eigene Sicherheitsleute postiert hatte, die im Falle einer Gegenoffensive Honeckers diesen und seine Getreuen sofort festnehmen sollten. Im Politbüro kam Mielke ohne Umschweife auf den Punkt. Die Lage sei „sehr sehr ernst“, polterte er. „Wir werden auch als Politbüro angegriffen.“ Die Bevölkerung erwarte Antworten. „Während wir sitzen, hat sich die Lage schon verändert.“ Honecker solle nicht nach Erklärungen suchen, sondern den Vorschlag von Stoph akzeptieren. „Wir haben vieles mitgemacht. Wir können doch nicht anfangen, mit Panzern zu schießen.

Ein letztes Aufbäumen

Nach 18 Jahren an der Spitze von Staat und Partei, auf dem Höhepunkt der Ausreisewelle und den landesweiten Demonstrationen gegen das SED-Regime, war Honeckers Zeit abgelaufen, auch wenn er bis zuletzt uneinsichtig blieb und sein eigenes Versagen nicht wahrhaben wollte. Ein letztes Mal bäumte er sich auf. Er sei „tief getroffen“, weil der Vorschlag ausgerechnet von Stoph gekommen sei. Man müsse in der Krise die „Einheit“ der Partei erhalten. Er warne davor, dass mit seiner Ablösung die inneren Probleme der DDR beruhigt seien. Das Auswechseln von Personen signalisiere nur, „dass wir erpressbar sind“. Der Gegner werde dies ausnutzen. Er sage dies nicht „als geschlagener Mann, sondern als Genosse, der bei bester Gesundheit ist“.

Egon Krenz wird zum Nachfolger bestimmt

Und doch hob er als treuer Parteisoldat sogar seine Hand, als über seine eigene Absetzung abgestimmt wurde. Mit ihm verloren auch die beiden wichtigsten Gefolgsleute Honeckers, Günter Mittag und Joachim Herrmann, ihre Posten. Gleichzeitig schlug das Politbüro dem Zentralkomitee der SED Egon Krenz als neuen Generalsekretär vor.

Rücktritt „aus gesundheitlichen Gründen“

Der offizielle Machtwechsel einen Tag später war daher nur noch reine Formalie. Um den Schein zu wahren, bat Erich Honecker am 18. Oktober die Mitglieder des Zentralkomitees, ihn „aus gesundheitlichen Gründen“ von seinen Ämtern zu entbinden, bereits zwölf Minuten später meldete die staatliche Nachrichtenagentur ADN, dass das ZK dieser Bitte „entsprochen“ habe. Mit einer Mappe unter dem Arm verließ der Gestürzte den Sitzungssaal, zu wartenden Journalisten sagte er nur: „Na dann, auf Wiedersehen.“

Moskau hatte seinen Segen gegeben

Egon Krenz, der langjährige Vorsitzende der Freien Deutschen Jugend FDJ und mit 52 Jahren der „Benjamin“ im Politbüro, war am Ziel. Die Ablösung des starrsinnigen Honeckers war erfolgreich gelungen, die Sowjetführung, die über Gewerkschaftsboss Harry Tisch informiert worden war, hatte Krenz schon vorab ihren Segen gegeben. Und doch zeigte sich noch am gleichen Tag, dass die neue SED-Führung kein Konzept für grundlegende Reformen hatte, dem Druck der Straße hilflos gegenüberstand.

Als Krenz am Abend des 18. Oktober eine vom Volk mit großer Spannung erwartete Fernsehansprache hielt, redete er nur vage über die „Ausgestaltung der sozialistischen Gesellschaft“ und von „Widersprüchen bei der Verwirklichung des Programms unserer Partei“. Zwar versprach er den „Dialog“ mit dem Volk und kündigte eine „Wende“ an, doch ansonsten hielt er sich zurück. Kein Wort zu den drängenden aktuellen Fragen, keine Konzeption einer neuen Politik, kein Aufbruch, kein Neuanfang, keine Zukunftsperspektive, vor allem keine generelle Reisefreiheit, die die Menschen erhofft hatten.

Die Enttäuschung über den Neuen ist groß

Der neue starke Mann, das letzte Aufgebot der SED, war genauso unfähig zum Dialog wie sein greiser Vorgänger. Die Rede, gab Günter Schabowski selbstkritisch zu, sei ein „eklatanter Fehler“ gewesen, „weil aus ihr nicht zu entnehmen war, was wir vorhatten und vorhaben mussten“. Es habe ein Fahrplan gefehlt, ein konkretes Konzept. „Wir haben das Tor aufgestoßen und aus Freude darüber vollkommen den Zug aus dem Blick verloren, auf den wir hätten aufspringen müssen.“ So aber hatte Krenz schon verloren, bevor er überhaupt begonnen hatte. Die Enttäuschung über den Neuen an der Spitze von Staat und Partei brachte eine Studentin der Ost-Berliner Humboldt-Universität auf den Punkt: „Krenz – das ist doch nur ein jüngerer Honecker. Was wir brauchen, ist ein junger Gorbatschow.“