Das Archivbild vom 18.08.1961 zeigt eine Ostberliner Maurerkolonne, die unter der Aufsicht von bewaffneten Volkspolizisten an der sowjetisch-amerikanischen Sektorengenze am Potsdamer Platz eine mannshohe Mauer errichtet. Bereits am Morgen des 13.8. 1961 hatten DDR-Streitkräfte damit begonnen, den Ostteil der Stadt mit Straßensperren aus Stacheldraht in Richtung Westen zu sperren. Die Mauer sollte den ständig steigenden Strom von Flüchtlingen nach Westberlin aufhalten. dpa (zu dpa-Themenpaket 50 Jahre Bundesrepublik vom 01.02.1999) (nur s/w) |

30 Jahre Mauerfall

27. Juni 1989: Als der Eiserne Vorhang sein erstes Schlupfloch bekam

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Ungarn übernahm bei der Überwindung des Ost-West-Konflikts eine Vorreiterrolle. Im Land des „Gulaschkommunismus“ waren die Reformer 1988 an die Macht die gekommen. Für die Modernisierung des technisch völlig veralteten Grenzzauns zu Österreich wollten sie kein Geld mehr ausgegeben. Das löste einen Domino-Effekt aus.

Es war eine spontane Idee. Gemeinsam reisten der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock nach politischen Gesprächen in Wien am 27. Juni 1989 ins Niemandsland zwischen dem ungarischen Sopron und Klingenbach im österreichischen Burgendland, griffen zum Bolzenschneider und legten Hand an den Grenzzaun zwischen beiden Ländern. Allerdings taten sich die beiden Herren in den dunklen Anzügen etwas schwer, fast eine halbe Stunde brauchten sie, bis sie es geschafft hatten, den Zaun auf ganzer Länge zu durchschneiden.

Europa rückt näher zusammen

Doch das war an diesem Tag Nebensache. Denn das Foto der beiden Außenminister, die ihr Werk öffentlichkeitswirksam im Beisein von mehreren hundert Medienvertretern verrichteten, ging um die ganze Welt und verkündete eine unglaubliche Botschaft: Der Eiserne Vorhang hat ein Loch, die einst undurchdringlichen und unüberwindbaren Grenzbefestigungen zwischen dem Westen und dem Osten Europas, zwischen den beiden hochgerüsteten Militärblöcken Nato und Warschauer Pakt, sind durchlässig geworden, das seit 1949 geteilte Europa rückt wieder näher zusammen.

Eine rein symbolische Aktion

Tatsächlich jedoch war der gemeinsame Auftritt Horns und Mocks am 27. Juni 1989 eine rein symbolische Aktion, inszeniert für die Journalisten, Fotografen und Kameraleute. Der Eiserne Vorhang war zu diesem Zeitpunkt längst dabei, sich buchstäblich in Luft aufzulösen. Schon im Februar 1989 beschloss die ungarische Regierung, das „technische Sperr- und Festungssystem“ an der 243 Kilometer langen Grenze zum neutralen Österreich zu demontieren.

Grenzsoldaten müssen ein Stück Zaun aufbauen

Diese Grenzanlage, eine Kombination aus drei Millionen im Boden verlegten Tretminen und einem doppelten Stacheldrahtzaun, war technisch veraltet und verrottet, löste ständig Fehlalarme aus und forderte sogar bei der Entschärfung der Minen Todesopfer. Eine aufwendige Instandsetzung erschien der Regierung in Budapest, die gerade mit einer Wirtschaftskrise und den Folgen einer massiven Teuerung der Preise zu kämpfen hatte, als reine Geldverschwendung, dieser Etatposten sollte eingespart werden.

Am 2. Mai begannen ungarische Grenzsoldaten in Hegyeshalom mit dem Abbau, bis Ende 1990 sollte er komplett demontiert werden. Ende Juni war der Abbau schon so weit fortgeschritten, dass sich Mock und Horn schwer taten, für ihre symbolische Aktion überhaupt noch ein intaktes Stück Grenzzaun zu finden, mehr noch, Grenzsoldaten mussten anstelle des abmontierten Zaunes eigens einen neuen Stacheldraht ziehen, damit die gewünschten Bilder entstehen konnten.

Nicht nur Devisen, sondern auch Ideen fließen ins Land

Dass ausgerechnet Ungarn bei der Erosion des kommunistisch regierten Ostblocks und der Auflösung des bipolaren Nachkriegssystems eine entscheidende Rolle spielte, kam nicht von ungefähr. Zwar regierte in Budapest seit der brutalen Niederschlagung des Aufstandes von 1956 János Kádár, der Generalsekretär der Ungarischen Sozialiastischen Arbeiterpartei, mit harter Hand, gleichzeitig aber nutzte er den innenpolitischen Spielraum, den ihm die Sowjetunion gewährte, für kleinere politische und wirtschaftliche Reformen. Im Gegensatz zu den sozialistischen Bruderländern gab es seit 1956 keine unabhängig agierende politische Geheimpolizei, die Bürger genossen, solange sie das Gewaltmonopol der Partei nicht infrage stellten, größere Freiheiten als in den anderen sozialistischen Staaten.

Gleichzeitig stieg durch eine gewisse Liberalisierung der Wirtschaftspolitik der Lebensstandard – der sprichwörtliche „Gulaschkommunismus“. Da Ungarn auch für westliche Touristen attraktiv war, flossen nicht nur Devisen ins Land, sondern auch westliche Ideen. Inspiriert von Gorbatschows Reformpolitik setzten sich die Reformer in der Partei schon in der Mitte der 80er Jahre durch, nach dem Rücktritt  Kádàrs im Mai 1988 trieben der neue Parteichef Károly Grósz, der junge Ministerpräsident Miklós Németh und Außenminister Gyula Horn die Reformen mit Hochdruck voran.

Ungarn arbeitet seine Geschichte auf

Stück für Stück fiel ein Tabu nach dem anderem. Eine historische Kommission wurde einberufen, um eine „authentische Aufarbeitung der Geschehnisse der vergangenen Jahrzehnte“ vorzunehmen. Dreh- und Angelpunkt war dabei das Jahr 1956, die blutige Niederwerfung des Aufstandes in Budapest durch die sowjetische Armee. Im Januar 1989 räumte die Partei offen ein, es sei ein „Volksaufstand“ gewesen, ein „Aufstand gegen eine oligarchische und die Nation demütigende Herrschaftsform“ – und keine „Konterrevolution“, wie es in der offiziellen Darstellung bislang dargestellt worden war. Der im Juni 1958 wegen „Landesverrats“ zum Tode verurteilte Ministerpräsident Imre Nagy wurde rehabilitiert, seine in einem Massengrab verscharrte Leiche exhumiert und am 16. Juni feierlich beigesetzt.

Am 11. Januar 1989 verabschiedete das Parlament ein neues Vereins- und Versammlungsrecht, das alle bereits im Laufe des Vorjahres gegründeten Gruppen legalisierte und den Bürgern das Recht gab,  unabhängige Interessenvertretungen, Gewerkschaften und sogar Parteien zu gründen, für das Jahr 1990 wurden freie Parlamentswahlen in Aussicht gestellt, im Februar folgte der Beschluss, die Grenzanlagen abzubauen.

„Republikflüchtlingen“ droht Haftstrafe

Wirklich offen war die Grenze zwischen Ungarn und Österreich damit aber noch lange nicht. Unverändert gab es strenge Kontrollen an den Grenzübergängen, zudem galt für  DDR-Bürger weiterhin das seit 1969 bestehende restriktive Ausreiseabkommen. Wurden sie bei illegalen Fluchtversuchen von den Grenztruppen aufgegriffen, erfolgte eine Auslieferung an die DDR-Behörden. Als „Republikflüchtlingen“ drohte ihnen eine mehrjährige Haftstrafe.

Die Bilder lösen eine Fluchtwelle aus

Gleichwohl blieb das Foto vom Abbau der Grenzanlagen auch und gerade in der DDR nicht ohne Folgen. Die Botschaft vom Loch im Eisernen Vorhang verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Immer mehr DDR-Bürger packten im Laufe des Sommers ihr Hab und Gut, verließen Hals über Kopf ihr Land und versuchten, über Ungarn in den Westen zu kommen. In Budapest und am Plattensee füllten sich erst die Campingplätze, dann die Parkanlagen und schließlich sogar Kirchen mit Zehntausenden DDR-Bürgern, die nur auf eine Gelegenheit warteten, über die grüne Grenze nach Österreich zu kommen. Ihre Chancen stiegen. Denn die überforderten Grenzsoldaten schoben die Ertappten nicht mehr mit dem entsprechenden Vermerk im Pass in die DDR ab. Die Ausreisewilligen blieben einfach da – und versuchten immer wieder ihr Glück. Das Loch im Eisernen Vorhang zog sie geradezu magisch an.