Jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor. Rund drei Monate vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls steht das Programm. | Foto: dpa

30 Jahre Mauerfall

4. November 1989: Als die Ost-Berliner genug vom SED-Regime hatten

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Prominente Künstler, Schriftsteller und Schauspieler der DDR hatten zu einer Demonstration auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz aufgerufen – und mehr als 500.000 Menschen kamen. Der Ruf nach Reformen war unüberhörbar und die SED hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen.

„Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit.“ Es war der große alte Mann der DDR-Literatur, der 76-jährige Stefan Heym, der vom SED-Staat stets argwöhnisch beobachtet wurde und doch in der DDR geblieben war, der den Satz des Tages prägte.

„Wir haben unsere Sprachlosigkeit überwunden“

Mitgerissen von der Euphorie des Aufbruchs prangerte der Schriftsteller mit der Kraft seiner Worte die Mächtigen der DDR an, ging ohne Angst vor Repressalien mit den Auswüchsen der SED-Diktatur ins Gericht und sprach damit den Hunderttausenden, die sich auf dem Berliner Alexanderplatz versammelt hatten, aus dem Herzen: „Wir sind das Volk. Wir haben in den letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind dabei, den aufrechten Gang zu erlernen.“

Für eine bessere DDR

Ost-Berlin am Samstag, den 4. November 1989. Der friedliche Protest der DDR-Bürger erreichte – endlich – die „Hauptstadt der DDR“, nachdem es zuvor schon wochenlang große Demonstrationen und Kundgebungen in Leipzig, Dresden, Jena und vielen anderen Städten gegeben hatte. Zu hunderttausenden strömten die Menschen an diesem kalten, grauen und nassen Herbsttag auf den riesigen Alexanderplatz im Herzen der Stadt, um gewaltlos für Veränderungen, für Meinungs- und Reisefreiheit, schlicht für eine bessere DDR zu demonstrieren.

Die Euphorie erfasste alle und ließ niemanden kalt. „Menschen verloren ihre Angst vor der Angst. Es gab kein Zurück mehr“, erinnerte sich der Schriftsteller Lutz Rathenow.

Die größte Demonstration in der Geschichte der DDR

„Wir sind das Volk.“ An keinem Tag war dieser zentrale Ruf der friedlichen Revolution in der DDR so gültig wie an diesem 4. November: Nach offiziellen Angaben waren es 500.000 Menschen, die dem Aufruf von führenden Künstlern, Schriftstellern und Schauspielern der DDR folgten und gegen das erstarrte SED-Regime und seine sprachlose Führung protestierten. Es war die größte Demonstration in der Geschichte der DDR, die nicht von oben angeordnet und von keiner Partei oder den Massenorganisationen veranstaltet wurde – und die alle bisherigen Protestzüge in Leipzig oder Dresden übertraf.

Live-Übertragung im staatlichen Fernsehen

Nicht zuletzt wurde sie vom staatlichen DDR-Fernsehen live übertragen – eine spontane Entscheidung der Mitarbeiter ohne Zustimmung der Leitung -, zudem gab es am Abend eine Sondersendung der „Aktuellen Kamera“, sodass die Bilder vom Ost-Berliner Alexanderplatz in der gesamten Republik zu sehen waren und ihre Wirkung nicht verfehlten.

In über 50 Städten gehen die Menschen auf die Straße

Damit nicht genug. In über 50 Städten gab es am 4. November 1989 Demonstrationen und Kundgebungen, die allesamt friedlich verliefen, so gingen in Potsdam zwischen 40.000 und 80.000 Menschen auf die Straße, in Magdeburg rund 50.000 und in Jena rund 40.000. Und selbst in kleineren Städten und Gemeinden gab es Bürgerforen und Protestmärsche.

„Welch eine Wandlung“, jubelte Stefan Heym mit Blick auf den staatlich organisierten Jubel zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR einen Monat zuvor, „vor noch nicht vier Wochen die schöngezimmerte Tribüne hier um die Ecke mit dem Vorbeimarsch, dem bestellten, vor den Erhabenen – und heute Ihr, die Ihr Euch aus eigenem freiem Willen versammelt habt für Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens Wert ist.“

„Stell Dir vor, es ist Sozialismus, und keiner läuft weg“

Seine Schriftstellerkollegin Christa Wolf verhöhnte die SED und ihre alten Losungen, forderte: „Die Führung zieht am Volk vorbei“ und nannte ihren Traum: „Stell Dir vor, es ist Sozialismus, und keiner läuft weg.“

Insgesamt 28 Redner, überwiegend Vertreter der Künstler und der Oppositionsgruppen, übten scharfe Kritik an den bestehenden Verhältnissen und forderten die Abschaffung des Ministeriums für Staatssicherheit, freie Wahlen sowie Meinungs- und Pressefreiheit.

Ex-Geheimdienstchef Markus Wolf wird ausgepfiffen

Zu den Rednern gehörten auch der junge, noch völlig unbekannte Rechtsanwalt Gregor Gysi, der frühere Geheimdienstchef Markus („Mischa“) Wolf und Politbüro-Mitglied Günter Schabowski, der jedoch, wie Wolf, von der Menge gnadenlos ausgepfiffen wurde. Gleichwohl gingen beide auf die Bürger zu und bekundeten ihren Respekt vor den Menschen, die aufbegehrten: „Sie haben Wichtiges für die politische Gesundheit des Landes getan“, sagte Schabowski, Wolf würdigte ausdrücklich die Friedfertigkeit des Protestes.

Wolf Biermann darf nicht einreisen

Was der früher hochdekorierte General der „Hauptverwaltung Aufklärung“ im Ministerium für Staatssicherheit allerdings nicht wusste – die Stasi hatte im Vorfeld heftigen Einfluss auf die Auswahl der Redner genommen. So setzte sie Gysi als Redner durch und verhinderte einen Auftritt der Bürgerrechtler Bärbel Bohley und Jürgen Fuchs. Zudem verweigerte das SED-Regime dem ausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann die Einreise.

„Wir hinkten der Entwicklung hinterher“

Nur, der SED half dies alles nichts mehr. Die Entwicklung in der DDR hatte mittlerweile eine derartige Eigendynamik entfaltet, dass sie von niemandem mehr gesteuert, geschweige denn aufgehalten werden konnte. Nur drei Tage später, am 7. November 1989, trat die Regierung der DDR unter Ministerpräsident Willi Stoph geschlossen zurück, einen Tag später, am 8. November, folgte das „Allerheiligste“ des DDR-Staates, das 21-köpfige Politbüro, das eigentliche Zentrum der Macht. Nur sieben Mitglieder wurden wiedergewählt, SED-Chef Egon Krenz räumte offen Fehler und Versäumnisse ein und bedauerte einen „Mangel an Realitätssinn“. Doch dieses Schuldbekenntnis kam zu spät. „Wir hinkten“, räumte Günter Schabowski später selbstkritisch ein, „der Entwicklung hinterher.“