Jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor. Rund drei Monate vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls steht das Programm. | Foto: dpa

30 Jahre Mauerfall

9. Oktober 1989: Als die Leipziger die Angst vor dem SED-Regime verloren

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Die Angst vor dem, was passieren könnte, war groß, als sich die Leipziger am Montag, den 7. Oktober 1989, in der Nikolaikirche und anderen Kirchen zum traditionellen Montagsgebet versammelten. Doch der Mut war größer als die Angst. Am Ende waren es so viele, die friedlich demonstrierten, dass die Sicherheitskräfte kapitulierten.

An wilden Gerüchten herrschte kein Mangel. Jeder wusste etwas, jeder hatte etwas gehört. Angst lag über Leipzig, die Furcht vor dem, was passieren könnte, war mit den Händen zu greifen. Ein Schießbefehl sei erteilt worden, Beerdigungsinstitute sollten Wagen bereithalten, in den chirurgischen Abteilungen der Krankenhäuser seien Bereitschaftsdienste befohlen worden, Blutkonserven würden gehortet und zusätzliche Betten aufgestellt, Ärzte sollten sich auf die Behandlung von Schussverletzungen einstellen. Mütter werden aufgefordert, ihre Kinder bis spätestens 15 Uhr aus den Krippen abzuholen.

Leipzig gleicht einer Festung

Drohte in Leipzig die „chinesische Lösung“? Schreckte der greise Autokrat Erich Honecker vor dem letzten Mittel nicht zurück und ließ auf die Bürger seines Landes schießen? An Indizien herrschte kein Mangel. Am 9. Oktober 1989 glich Leipzig einer Festung. Am Hauptbahnhof waren Wasserwerfer und Abschussgeräte für Tränengas aufgefahren, in Hinterhöfen standen gepanzerte Fahrzeuge bereit.

Offener und liberaler, aufmüpfiger und widerborstiger

Dass sich ausgerechnet in Leipzig die Lage zuspitzte, war kein Zufall. In der traditionsreichen Messestadt, die wegen der zwei Mal im Jahr stattfindenden Messe immer schon etwas offener und liberaler, somit auch aufmüpfiger und widerborstiger war, fanden bereits seit Anfang der 80-er Jahre Montag für Montag Friedensgebete in der Nikolaikirche statt, ein beliebter Treffpunkt von Jugendlichen, Oppositionellen und Bürgerrechtlern aus der kleinen, aber äußerst regen Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtsbewegung. In der aufgewühlten Lage im Herbst 1989 schlossen sich immer mehr Bürger, die mit den Verhältnissen in der DDR unzufrieden waren und Reformen forderten, den Gebeten an.

So strömten am 2. Oktober auf dem Höhepunkt der Flüchtlings- und Ausreisewelle rund 20.000 Leipziger nach dem Friedensgebet mit Rufen wie „Wir sind das Volk!“ oder „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“ auf den Karl-Marx-Platz und den Innenstadtring, wobei auch Absperrungen der Polizei durchbrochen wurden. Erstmals floss Blut, als Spezialeinheiten der Polizei mit Hunden und Sonderausrüstung äußerst brutal gegen Demonstranten vorgingen.

„Volle Dienstbereitschaft“ für alle Stasi-Mitarbeiter

Nun stand das nächste Montagsgebet vor der Tür. Und mit ihm die klare Ansage von Staats- und Parteichef Erich Honecker an die Ersten Sekretäre der Bezirke vom Vortag, dass alle „Krawalle“ von „vornherein zu unterbinden“ seien. Stasi-Chef Erich Mielke hatte seinerseits „volle Dienstbereitschaft“ für alle Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) angeordnet, die ihre Dienstwaffe „ständig“ bei sich zu führen hätten. Um der Opposition kein Forum zu bieten, besetzten ab 14 Uhr rund 2000 linientreue Genossen die Bänke in der Nikolaikirche. Weil diese rasch überfüllt war, öffneten weitere Kirchen in der Innenstadt ihre Tore.

Die SED-Führung duckt sich weg

Gleichwohl zeigte sich die SED-Führung im Laufe des Tages seltsam unentschlossen. Mehrere Anfragen der Leipziger Funktionäre, wie sie sich verhalten sollen, blieben unbeantwortet. Erich Honecker war unerreichbar, das für Sicherheit zuständige Politbüro-Mitglied Egon Krenz reagierte nicht und auch Innenminister Friedrich Dickel duckte sich weg. Aus Ost-Berlin kam weder der Befehl zuzuschlagen noch dies zu unterlassen, die Leipziger Einsatzleitung wurde alleine gelassen.

Ein Anruf mit Folgen

In dieser ebenso angespannten wie bedrückenden Situation griff der weltweit geachtete Dirigent des Gewandhausorchesters, Kurt Masur, am frühen Nachmittag zum Telefonhörer und suchte den Kontakt zu örtlichen Vertretern der SED. Im Wohnzimmer des Dirigenten verfassten Masur, der Theologe Peter Zimmermann, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und die drei Leipziger SED-Funktionäre Kurt Meyer (Kultur), Jochen Pommert (Propaganda) und Roland Wötzel (Volksbildung) den Aufruf „Keine Gewalt!“, der sich gleichermaßen an die Demonstranten wie die Machthaber richtete.

„Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Lande“, hieß es in der Erklärung der „Leipziger Sechs“, der mit dem eindringlichen Appell endete: „Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.“

„Keine Gewalt!“

In der völlig überfüllten Nikolaikirche, in der um 17 Uhr das Friedensgebet begann, verlas Pfarrer Christian Führer den Aufruf. Die Atmosphäre in der Kirche war zum Zerreißen gespannt. Vor den verschlossenen Türen standen Tausende, im Kirchenraum waren nicht nur die lauten Pfiffe und Buh-Rufe der Demonstranten zu hören, sondern auch ihre Parolen wie „Wir sind das Volk!“, „Gorbi, Gorbi!“, „Wir bleiben hier“ sowie immer wieder: „Keine Gewalt!“

Mit Kerzen in den Händen geht es ins Freie

In der Kirche beschwörte Landesbischof Johannes Hempel die Anwesenden: „Ich hoffe, ich bitte, ich flehe, dass diese Nacht in Leipzig vorübergeht, ohne schlimme Dinge.“ Zum Schluss der Andacht boten die Pfarrer an, die Kirche geöffnet zu halten für alle, die sich nicht hinauswagen. Doch niemand blieb sitzen, um 18 Uhr strömten die Massen auf die Nikolaikirchhof, der bereits voller Menschen war, gemeinsam zogen sie zum Karl-Marx-Platz und weiter zum Innenstadtring, viele hatten Kerzen in der Hand, andere hielten sich an den Händen.

Über Lautsprecher wurde mehrfach der Appell der Leipziger Sechs ausgestrahlt. Und er verfehlte seine Wirkung nicht. Immer mehr Menschen kamen aus den Seitenstraßen und schlossen sich dem Umzug auf dem Innenstadtring an, Junge und Alte, Studenten und Familien mit Kinder, am Ende waren es 70.000, vielleicht sogar 100.000 Menschen, die immer wieder laut skandierten: „Wir sind keine Rowdys!“, „Schließt Euch an!“ sowie: „Keine Gewalt!“

Die bewaffneten Kräfte kapitulieren vor der Übermacht

Es war die schiere Menge der friedlichen Demonstranten, die das SED-Regime und seine Schergen kapitulieren ließ. Der erdrückenden Übermacht der Bürger hatten sie nichts entgegenzusetzen, erst recht, da die Menschen ihnen keinen Vorwand lieferten, Gewalt anzuwenden. Um 18.35 Uhr ordneten der Erste Sekretär der Leipziger Bezirksleitung, Helmut Hackenberg, und Polizeipräsident Generalmajor Gerhard Straßenburg ohne Rückendeckung von Ost-Berlin den Rückzug der bewaffneten Kräfte an: Es werde befohlen, „keine aktiven Handlungen gegenüber den Demonstranten zu unternehmen“, nur noch „Eigensicherung“ und ein Einsatz bei „Angriffen auf Sicherungskräfte, Objekte und Einrichtungen“ sei erlaubt.

„Kerzen und Gebete“

Egon Krenz nickte eine knappe dreiviertel Stunde später die Entscheidung ab. Friedlich löste sich gegen 20.30 Uhr die Demonstration auf. Die Bilder vom Triumph der friedlichen Leipziger Bürger, die an diesem Abend mit ihrem Mut nicht nur ihre Angst, sondern auch die Machthaber besiegt hatten, ohne dass ein einziger Schuss gefallen war, gingen um die Welt. Mehr noch, sie erschütterten das wankende SED-Regime im Mark. Der Präsident der DDR-Volkskammer, Horst Sindermann, sollte später resigniert eingestehen: „Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“