Strom bleibt das Thema in Philippsburg, auch wenn mit dem Jahresende die Ära der Kernenergie dort endet. Archivfoto: dpa

Der Energiemix im Südwesten

Droht dem Südwesten eine Versorgungslücke, wenn der Atomstrom komplett wegfällt?

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Noch etwa zwei Jahre, dann wird das Kapitel Atomenergie in Baden-Württemberg für immer geschlossen werden. Mit der geplanten Abschaltung des Blocks II im Kernkraftwerk Neckarwestheim soll laut Gesetz bis Ende 2022 der letzte Atommeiler im Land vom Netz gehen.

Mit seiner Leistung von 1 400 Megawatt deckt der im Süden Heilbronns gelegene Druckwasserreaktor ein Sechstel des landesweiten Stromverbrauchs ab. Etwa so viel produziert zurzeit auch das Kraftwerk Philippsburg II mit einer Leistung von knapp 1 470 Megawatt.

Droht dem Südwesten angesichts des wachsenden Energiehungers von Industrie und Verbrauchern bald eine Versorgungslücke, wenn der Atomstrom komplett wegfällt? Der Energieversorger EnBW gibt auf BNN-Anfrage Entwarnung: „Baden-Württemberg war bis auf wenige Ausnahmen immer ein Strom-Importland, die installierte Leistung seiner Kraftwerke deckte nie die Spitzenlast ab“, sagt der Technikvorstand Hans-Josef Zimmer.

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Seit Jahren fehlen 900 Megawatt

Nach seinen Angaben fehlen dem Südwesten seit einigen Jahren etwa 900 Megawatt, die unter anderem aus anderen Bundesländern importiert werden. Dabei wird es auch in nächster Zukunft bleiben. EnBW will den Strom am Markt von anderen Kraftwerksbetreibern kaufen, so sollen die fehlenden 30 Prozent aus eigener Erzeugung ersetzt werden. „Die EnBW sorgt weiter dafür, dass sie ihren Kunden Strom liefern kann“, beruhigt Zimmer.

Der Dreh- und Angelpunkt der Stromversorgung im Land ist ein sicheres Übertragungsnetz. Nach 2023 soll es durch zwei neue „Stromautobahnen“ aus Norddeutschland in den Süden weiter ausgebaut werden. Die zunächst 340 Kilometer lange Trasse Ultranet wird in vier Jahren das nordrhein-westfälische Osterath mit Philippsburg verbinden, anschließend ist eine Verlängerung der Leitung bis nach Emden an der Nordseeküste geplant.

Zwei Stromautobahnen werden gebaut

Die zweite geplante Autobahn, Suedlink, soll den Strom von den Windkraftparks an der Nordküste nach Großgartach bei Heilbronn bringen. „Beide Leitungen werden zusammen sechs Gigawatt an Leistung in den Süden und Südwesten transportieren“, sagt Zimmer voraus.

Mit einem Anteil von 53 Prozent stand die Kernkraft noch bis vor wenigen Jahren unangefochten auf Platz eins im baden-württembergischen Energiemix. In Zukunft setzt das Land jedoch verstärkt auf erneuerbare Energien: Ihr Anteil an der Stromerzeugung betrug im vergangenen Jahr knapp 28 Prozent und soll weiter wachsen.

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Sauberer Strom für zwei Millionen Haushalte

Auch die EnBW hat sich angesichts der nahenden Abschaltung ihrer Atomkraftwerke dem Thema Energiewende verschrieben. Nach eigenen Angaben kann das Unternehmen bereits heute rein rechnerisch etwa zwei Millionen Haushalte im Land mit Strom aus den Erneuerbaren versorgen. Allerdings habe man weiter die Versorgungssicherheit im Blick.

„Wir werden den Ausbau der Erneuerbaren vorantreiben, aber auch gesicherte Leistung am Netz halten müssen – heute sind das Kohlekraftwerke, später wird die Kohle durch Erdgas ersetzt werden“, sagt der Technikvorstand Zimmer. Deutschland brauche auch in Zukunft ein Back-up-System in der Größe der Spitzenlast für die Zeit der „Dunkelflauten“ ohne Wind und Fotovoltaik, erklärt der Fachmann. Nach seinen Worten wollte EnBW in den vergangenen Jahren im Süden neun konventionelle Kraftwerke vom Netz nehmen: „Es wurde uns nicht erlaubt, weil sie für die Systemsicherheit benötigt werden“.

Alles rund um das Atomkraftwerk in Philippsburg gibt es im Dossier zum Thema.