Mirabellen
Macht was her, das Dessert: feines Mirabellenkompott mit einem Hauch Grappa, begleitet von Ricottacreme und knackigen Karamellnüssen. | Foto: Michael Ludwig

Aufgegabelt!

Mirabellen: Die schönen Lothringerinnen bringen uns auf den Geschmack

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Die wunderbare Zeit der Mirabellen geht zu Ende, aber hier und da findet man die gelben Früchtchen an Marktständen noch. Ein Grund mehr, zuzugreifen und etwas Genüssliches daraus zu machen. Es muss ja nicht gleich Schnaps sein.

Mirabellen sind ein echter Hingucker

Mira, ma belle, sont les mots qui vont très bien ensemble. Tschuldigung, da bin ich etwas durcheinandergeraten mit der Beatles-Ballade und meinem Hohelied auf ein wunderbares Steinobst. Das kommt davon, wenn man gleichzeitig über Musik und Essen schreibt. Sei’s drum. Passen tut’s jedenfalls verbal auch verquer. Die Mirabelle ist, so finde ich, ein unterschätztes Früchtchen, das insbesondere in einer Region, wo die Bühler Zwetschge donnerhallend ruft, vergleichsweise ein Schattendasein führt. Dabei ist sie doch, so drall und goldgelb, ein echter Hingucker. vom himmlischen Geschmack ganz zu schweigen.

Das Mutterland der Mirabellen ist Frankreich

Dem Mirabellenverehrer kann es freilich ziemlich schnurz sein, dass er seine kugelrunden Freundinnen nicht unbedingt an jeder Straßenecke antrifft. Im Gegenteil: Die Jagd nach den sexysten Früchtchen, vielleicht jenen, die besonders viel Sonne getankt haben und deshalb rotwangig aus dem Kistchen blinzeln, bleibt alljährlich spannend. Wiewohl im Mirabellenmutterland Frankreich die zuckersüßen Ladys seit Mitte August dermaßen geballt die Marktstände betanzten, dass man wirklich keine Brille brauchte, um sie zu orten.

Mirabellen sollen gut gegen Kurzsichtigkeit sein

Apropos: Mirabellen sollen gut gegen Kurzsichtigkeit sein. Sagt wenigstens der Volksmund. Ob das stimmt? Machen Sie doch die Probe aufs Exempel, mithilfe einer ausgedehnten „Mirabellendiät“. Sie werden schon sehen. Und wenn’s nur die Tatsache ist, dass Sie häufiger als üblich ein stilles Örtchen namens „Cabinet“ aufsuchen müssen, wie die Franzosen das Klo schelmisch nennen. Die goldgelben Genusskugeln erweisen sich in Sachen Verdauung nämlich immer als echte Geschosse.

Mirabellen
Saftig und goldgelb: Mirabellen. Foto: Christian Jung/Adobe Stock

Doch zu Schönerem jetzt. In den Hochburgen der Mirabelle, den lothrigischen Städten Nancy und Metz, wird der Prinzessin vom Obstbaum immer Ende August der rote Teppich ausgerollt, ihre Ankunft mit großem Brimborium und Trara gefeiert. Mehrere Tage dauert die Mirabellensause, die durch eine eher absurde „Mirabellen-Rallye“ an den Hängen der Maas und an den Ufern des Sees von Madine gekrönt wird.

Mirabellen in aller Munde: von Konfitüre bis süße Leckerlis

Es gibt kaum etwas, das menschliche Kreativität dem Mirabellenfetischisten vorenthalten würde. Schaut man sich genauer um, findet sich vor Ort ein riesiges Sammelsurium an Mirabellenerzeugnissen: Konfitüren, Schnäpse, Liköre, Nektare, Kompotte, Kuchen, Sirup, Tees, Süßwaren, Karamellbonbons und anderes Süße und die Sinne Be- und Vernebelnde mehr. Mirabellenherz, was willst du noch!

Die schönen Lothringerinnen aus Nancy und Metz

Die schöne Lothringerin, eine kleine runde Pflaume mit gelb-oranger Farbe und saftigem, süßem Fruchtfleisch, tritt in zweifacher Gestalt auf den Speiseplan: als Mirabelle aus Nancy, die Größere von beiden, und als Mirabelle aus Metz. Letztere spielt ihren geballten Charme erst ab Ende August nach bestandener Reifeprüfung aus.

Auch im grenznahen Deutschland zuhause

Durch die räumliche Nähe ist die alte französische Obstsorte traditionell auch im Saarland und in der Pfalz heimisch. In Kronberg im Taunus wurde die Metzer Mirabelle sogar in großem Stil angepflanzt. Inzwischen leidet ihre Verbreitung dort jedoch ziemlich unter Schwindsucht. Lediglich in Streuobstbeständen tritt sie noch auf.

Die „Mirabelle de Lorraine“ ist von der EU geschützt

Dem süßen Wonneproppen aus dem ans Elsass, das Saarland und Luxemburg grenzenden Teil der französischen Region Grand Est ist man seitens der EU übrigens besonders gewogen: Bereits 1996 haben ihm die Wächter unter der Bezeichnung „Mirabelle de Lorraine“ ein eigenes Podest gebastelt, auf dem das IGP-Logo (für geschützte geografische Herkunft) prangt.

Lothringen versorgt die halbe Welt mit Mirabellen

Zum schönen Schluss eine kleine Geschichtsminute: Der Legende nach soll die Lothringer Mirabelle im 15. Jahrhundert von Oberobstschnabuleur König René, Herzog von Anjou und Lothringen, in heimischen Fruchtgärten eingeführt worden sein. Chapeau, Monsieur le Roi, wenn auch nur posthum. Heute kommen übrigens mehr als 90 Prozent der französischen und 75 Prozent der weltweit gehandelten Mirabellen aus der Region Lorraine. Mirabile dictu – kaum zu glauben – würde der Lateiner sagen.

Aufgetischt

RICOTTA-CREME MIT MIRABELLEN-KOMPOTT UND KARAMELLNÜSSEN

Mirabellen
Einfach und schnell: unser Dessert.                                                                                                                                Foto: Ludwig

4 Portionen
250 g Ricotta
250 ml Schlagsahne
etwas abgeriebene Zitronenschale + -saft
1 EL Puderzucker (gesiebt)
2 Blatt weiße Gelatine (kalt eingeweicht)
150 g Zucker
150 ml Wasser
500 g entsteinte Mirabellen
4 cl Grappa (z. B. vom Nebbiolo)
Saft von 1/2 Zitrone
100 g geröstete, geschälte Piemontnüsse (z. B. über tarbiana.eu)
70 g Zucker
ein paar Minzespitzen zum Garnieren
1. Ricotta durch ein Sieb streichen, geschlagene Sahne, Zitronenschale und Puderzucker untermischen. In etwas heißer Sahne oder Milch aufgelöste Gelatine unterziehen. Kalt stellen.
2. Zucker und 100 ml Wasser einkochen, bis der Zucker golden karamellisiert. Grappe und restliches Wasser zugeben, dann die Mirabellen 10-15 Min. bei mittlerer Hitze köcheln Mit Zitronensaft abschmecken. Kalt stellen.
3. Zucker in einem Topf hellbraun karamellisieren, die grob gehackten Nüsse darin wenden und auf ein Stück Backpapier streichen, abkühlen lassen. In Stücke brechen. Alles wie auf dem Bild oben anrichten.

MIRABELLEN-KONFITÜRE
MIT GRAPPA DI MOSCATO

Mirabellen
Der pure Genuss: feines Buttercroissant mit Bibeleskäs und Mirabellenkonfitüre.          Foto: Ludwig

2 kg reife, entsteinte Mirabellen
900 g Gelierzucker 2 plus 1
etwas Zitronensaft
4 cl Grappa di Moscato

1. Mirabellen mit dem Gelierzucker mischen und einige Stunden ziehen lassen. Früchte in einem großen Topf zum Kochen bringen, Zitronensaft zugeben und nach Packungsanweisung weiterverfahren. Kurz vor Kochende den Grappa untermischen. Konfitüre in sterile Gläser füllen.
Fürs Frühstück oder als Snack zusammen mit cremigem Bibeleskäs (Quark) auf einem Buttercroissant servieren.