In unserem Mundartbetrachtungen geht es diesmal um die vielen Ausdrücke fürs Schneinen in den badischen Dialekten sowie um manche anderen Wendungen rund um den Winter. | Foto: Hora

Vom Winter in der Mundart

Schnaichts oder schneets?

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Bei Johann Peter Hebel, dem großen badischen Dichter, der in die Weltliteratur einging, findet sich in den Alemannischen Gedichten ein Dialektverb für „schneeregnen“: Während es uf de Berge schneit, so Hebel, hurniglet’s weiter unten. Was damit genau gemeint ist, erklärt der Verfasser sogar im Anhang zur zweiten Auflage seiner Alemannischen Gedichte 1804: ein kleiner Winterhagel. Hurniglen oder rieflen sagte man, wenn es gleichzeitig schneite und regnete. In manchen Wörterbüchern ist dafür auch hornussen verzeichnet. Der Dialekt hält exakte Worte für höchst ungemütliches Wetter fest, über das der Karlsruher Mundartautor Jürgen Sickinger schrieb: Aus dem Sauwetter von heit,/ kennscht scho fascht zwoi mache.

Übers Eis schlittere

Wenn im Winter Frost anhält und jede Pfütze gefrieren lässt, entstehen spontane kleine Eisbahnen, über die man noch ohne Spezialschuhe mit Kuven gleiten kann: Übers Eis zu gleite, zu rutsche oder zu schlittere sagt man heute. Weitere Bewegungsverben in Verbindung mit Eis sind im wissenschaftlichen Badischen Wörterbuch notiert: glennen, glinnen, gluttern, hauern, schlifere oder schlutten. Die Leser sollen jetzt aber nicht noch mehr aufs vergangene sprachliche Glatteis geführt werden.

Schneekönig und Schneegans

In der Gegenwart gibt es mit Blick auf den Winter genügend aktuelle Dialektausdrücke. Wer ist eigentlich dieser Monarch in der Wendung sich fraie wie en Schneekeenich? Möglicherweise der Vogel namens Zaunkönig, der auch im Winter singt – wenn ihn nicht der Rückgang der Insekten selbst dezimiert. Die Schneegans hat dagegen keinen guten Ruf: Wemmer e Schneegans uf Wien schickt, no kummt se au als Schneegans wieder hoim, lautet eine Redewendung über eine alberne, einfältige junge Person.
Der Winter bringt zumindest in den badischen Tieflagen nie den Schnee zum richtigen Zeitpunkt.

Foto: Dorothee Mahnkopf

Gruusig viel Schnee

Erwünschte weiße Weihnacht gibt’s selten, dafür Schneefall, der zu plötzlich über den Berufsverkehr ohne Winterreifen hereinbricht. Der Winter ist irgendwie Extremist: Entweder es gibt nur e bizele Schnee, des good jo grad in en hohle Zaa ni, wie es alemannisch heißt. Also nur ein ganz kleines bisschen Schnee „das in einen hohlen Zahn hineinpasst.“ Oder man wird überwältigt von so viel weißem Niederschlag, dass man die Kerchterm rausbuddle muss, wie eine Wendung aus Eberbach heißt In Südbaden würde man dann sagen, gruusig viel Schnee oder en huffe, den man bahne, also wegräumen muss.

Schnaicheln steht für leichtes Schneien

Für leichtes Schneien sagt man mancherorts im nordbadischen (sprachlich also südfränkischen) Teil schnaichle. So unterschiedlich wie die Schneehöhen in den Teilen Badens sind die Bezeichnungen für „schneien“: s hat gschned ist für Liedolsheim überliefert. Für den Nachbarort Rußheim hält das Badische Wörterbuch fest: s schnaierd. Es schnaicht in der Kurpfalz, dem nördlichen Kraichgau oder in Pforzheim. Es schneet im Raum Karlsruhe, während es wieder andernorts schon mal schnicht.
Es hat gseingt zwischen Bühlertal und Sasbachwalden, aber gsingt in Au am Rhein und Ötigheim – so jedenfalls die Überlieferung. Beim Schneien kann ausnahmsweise mal zutreffen, was oft zu hören ist: Dass sich manche Aussprache, von Ort zu Ort stark unterscheidet. (Deshalb ist es noch kein anderer Dialekt!) Bei genügend weißer Unterlage wird es möglich zu schlitteln, was in Forbach-Bermersbach bedeutet, etwas mit dem Schlitten zu transportieren. So steht’s im Wörterbuch von Gotthard Wunsch. Die Kinder dun Schlittefahre bei entsprechender Schneehöhe jeden Bugggel nunner. Das Verb rodeln (rodle) ist dagegen aus der Hochsprache zugewandert. Von einem mords Schlitte spricht man beim Blick auf ein breites oder schnelles flaches Auto.

Das Atzlaag tut weh

Beim historischen Kurpfälzer Autor Gottfried Nadler sitzt das Gefühl für die kommende weiße Pracht in einem besonderen Organ: „S gibt Schnee, mei Atzlaag dhut weh“, also das Hühnerauge. Atzel ist ansonsten das Wort für Elster in Nord- und Mittelbaden.

E gut’s Neis

Manche Leute sind besonders empfindlich für Kälte. Sie gelten als verfrore. Das ist zwar besser als die Charaktereigenschaft unverfroren, aber gefährlich. Verfrore sinn scho viel, awer verstunken-isch no keiner, lautet der Spruch dazu. Die wichtigen Sprüche am Jahreswechsel sind natürlich en gude Rutsch und e gut’s Neis. Oder etwas ausführlicher: Prosit Neijohr! E Brezzel wie e Scheiredor, Lebkuche wie e Ofeblatt, do wer mer all minanner satt.