Kinderkram
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Neues aus dem Elternalltag

Berater kostenlos abzugeben

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Cicero muss ein ziemlich ausgeschlafener Bursche gewesen sein. Immerhin hat er es im Intrigenstadl des antiken Rom zum Politiker, Anwalt, Konsul, Schriftsteller, Philosoph und Redner gebracht. Wenn also dieser Mann gesagt hat „Niemand kann dich besser beraten als du selbst“, mag man ihm nicht widersprechen. Doch genau hier liegt das Problem: Als Vater verfügst du – ob du willst oder nicht – über einen Beraterstab, der Angela Merkel vor Neid erblassen ließe. Und keiner von ihnen scheint Cicero gelesen zu haben.

Niemand hört auf Cicero

Seit der Geburt unserer Tochter vergeht kaum eine Minute, in der nicht einer unserer Helikopter-Berater Ciceros unendliche Weisheit mit Füßen tritt. Jeder Vater kennt das: Du wirst fortwährend mit klugen Sprüchen bombardiert – wobei ich mittlerweile zwischen zwei Spezies unterscheide:

Bewundernswerte Penetranz

Situative Ratschläge: Du spielst mit deinem Kind. Ein Berater, meist aus der Familie, meint (ungefragt): „Ach Gott, sie hat ganz kalte Händchen.“ Heißt: Zieh’ sie wärmer an. Ab hier kannst du nur noch verlieren. Schlägst du den Rat in den Wind, wird er solange mit einer bewundernswerten Penetranz erneuert, bis du dich auf eine einsame Insel in der Südsee wünschst. Befolgst du ihn, wird dein Berater erst recht nicht aufhören. Spätestens nach fünf Minuten wird er sagen: „Spiel’ nicht zu wild mit ihr, wie soll sie später einschlafen?“ Wieder machst du, was er sagt, denn du willst, dass er endlich schweigt. Tut er aber nicht.

Kein Entkommen

Kurz darauf: „Glaubst du nicht, ihre Füßchen sind noch kalt?“ Fluchend ziehst du ihr ein drittes Paar Socken und zur Sicherheit noch Weste und Mützchen an. Liebevoll legst du dein Baby in seine Wippe, um es sanft auf den bevorstehenden Schlaf einzustimmen. Der Berater dann: „Deine Tochter will beschäftigt werden. Merkst du das nicht?“ Und überhaupt: „Sie schwitzt ja ganz arg.“

Der nervige Blick voraus

Perspektivische Ratschläge: Noch schlimmer. Weil du nun nicht mehr nur über kluge Ratschläge diskutierst, die du jetzt nicht brauchst, sondern welche, mit denen du auch in Zukunft nicht behelligt werden willst. Deine Tochter ist gerade einmal fünf Monate alt, freut sich noch über ihre Nieser und will ständig ihre eigenen Hände essen. Trotzdem wirst du schon jetzt für drängende Themen wie Hausaufgabenkontrolle, Pubertätsausraster und Uni-Bewerbungen sensibilisiert. Manchmal denke ich: In Ciceros Familie hätte es das nicht gegeben.