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Interview mit Journalismusforscher

Zukunft der Zeitung: „Guter Lokaljournalismus wird mehr denn je gebraucht“

Sie muss nicht auf Papier gedruckt sein – aber unabhängige Berichterstattung vor Ort hält Journalismusforscher Nikolaus Jackob von der Uni Mainz für unverzichtbar für die Demokratie. Er erklärt im Interview, warum weniger Menschen den Medien misstrauen als gedacht.

Ein Mann hält ein Plakat mit der Aufschrift « Politik, TV und Zeitung lügen euch voll!». Foto: Markus Scholz picture alliance/dpa

Der Mainzer Journalismusforscher Nikolaus Jackob hält regionale Medien auch im digitalen Zeitalter für unverzichtbar. Sie müssen nicht auf Papier gedruckt sein, aber auf jeden Fall für die Bürger vor Ort relevant.

Der Akademische Direktor des Instituts für Publizistik, Nikolaus Jackob. Foto: Fredrik von Erichsen picture alliance / dpa

Die stellvertretende BNN-Chefredakteurin Claudia Bockholt hat mit dem Kommunikationswissenschaftler über die Wünsche der Leser, Denkfehler der Redaktionen und die Polarisierung der Gesellschaft gesprochen. Jackob sagt: Wer sich zu sehr auf die Sozialen Medien konzentriert, bekommt Schlagseite und verkennt die wahren Meinungsverteilungen.

Herr Dr. Jackob, angeblich steckt der Journalismus in einer Glaubwürdigkeitskrise. War früher alles besser? Haben die Zuschauer einer Nachrichtensprecherin wie Dagmar Berghoff in der ARD noch mehr vertraut?
Jackob

Nein. Es gab schon immer einen gewissen Bevölkerungsanteil, vor allem an den politischen Rändern, die auch der ARD-Tagesschau misstraut haben. Nur wurde dies damals nicht so thematisiert. Heute erleben wir durch die Vielzahl der Medien eben auch eine Vielstimmigkeit, welche die Verbreitung alternativer Erzählungen erleichtert. Was heute die sogenannten Sozialen Medien sind, war bis in die 1970er Jahre eben der Stammtisch. Auch dort wurden Dinge artikuliert, die man heute für nicht akzeptabel hält. Auch damals gab es Nazis und Kommunisten, die von der demokratischen Linie deutlich abgewichen sind. Denken Sie nur an die radikaleren Teile der Studentenbewegung der 68er oder den früheren Rechtsradikalismus.

Sind wir sensibler geworden, um nicht zu sagen: politisch korrekter?
Jackob

Sicher, aber der Unterschied liegt vor allem darin, dass sich im Internet viel mehr Menschen an Debatten beteiligen können. Es fungiert als Lautsprecher und verschafft relativ kleinen Gruppen viel Gehör.

Es gibt Erhebungen, die zu dem Ergebnis kommen, dass eine teils unkritische Berichterstattung über die Flüchtlingskrise die Medien viel Vertrauen gekostet habe.
Jackob

Unsere regelmäßigen Erhebungen kommen eher zu einem gegenteiligen Ergebnis: Das Vertrauen in die Medien ist nicht gesunken, sondern seit 2015 kontinuierlich gestiegen. Auch 2020, also im Corona-Jahr, ist der Anteil derer, die hohes Vertrauen in die Medien haben, angestiegen. Die klassischen Medien, wozu vor allem die Tageszeitungen zählen, gelten mehr denn je als Quelle verlässlicher Informationen. Sie geben vielen Menschen Orientierung und Sicherheit, gerade jetzt in der Pandemie. Auf der anderen Seite ist der harte Kern der Misstrauischen leicht geschrumpft.

Die Redaktionen haben mehr denn je den Eindruck, in der Kritik zu stehen und von vielen Seiten angefeindet zu werden.
Jackob

Journalisten stieren zu sehr auf die Sozialen Medien. Dadurch geraten die tatsächlichen Größenordnungen aus dem Blick. Wenn Sie hundert kritische Emails auf einen Kommentar bekommen, so bedeutet das eben auch, dass vielleicht 90 Prozent der Leser damit überhaupt kein Problem haben. So wird gerade auch in Redaktionen die Wahrnehmung verzerrt. Selbst wenn man mit einem Post 10.000 Leute erreicht, ist das noch lange nicht die Mehrheit.

Analysen besagen, dass fünf Prozent aller User in den Sozialen Medien 50 Prozent aller Kommentare erstellen.
Jackob

Wir haben dazu keine eigenen Daten. Aber ich vermute, dass das Verhältnis sogar noch krasser ist: Nur ein winziger Bruchteil der Gesellschaft erzeugt den meisten Traffic - und damit auch den Hass, die Hetze und die Lügen, der über Facebook & Co. verbreitet werden. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Bürger in Deutschland im Schnitt über 50 Jahre alt sind und viele das Internet nur selten nutzen. Auch deshalb haben Tagesschau und Zeitungen nach wie vor hohe Nutzerzahlen. Wer sich zu sehr auf die Sozialen Medien konzentriert, bekommt Schlagseite und verkennt die wahren Meinungsverteilungen.

Wie sollten die Verlage auf diesen medialen Wandel reagieren?
Jackob

Entgegen manch’ düsterer Prognose sehe ich große Chancen auch für klassische Zeitungsverlage. Sie müssen allerdings die Transformation ins digitale Zeitalter beherrschen. Das heißt konkret: Die Redaktionen sollten nicht den Themen hinterherhecheln, die in den Berliner Blasen aufgebauscht werden, sondern sich um die tatsächlichen Sorgen ihrer Leser kümmern. Wer sonst, außer der Lokalzeitung, greift die Themen auf, welche die Bürger vor Ort umtreibt: Wie geht es weiter mit Kita oder Schwimmbad? Wo werden welche Straßen gebaut oder Baugebiete erschlossen? Das ist die Lebenswelt der Leser. Nicht die aufgebauschten Aufreger, wenn Politiker B auf die belanglose Aussage von Politiker A reagiert. Diese verkopften Debatten interessieren die meisten Menschen gar nicht.

Sie sehen die Tageszeitung als verlässliche Informationsquelle und praktische Lebenshilfe?
Jackob

Genau. Es gibt so viele Themen, die vor Ort brachliegen und von Journalisten aufgegriffen werden können, die sich in erster Linie als Dienstleister sehen. Denn das ist eine weitere Schieflage, die mir Sorge bereitet: Dass Journalisten nicht mehr zwischen Nachricht und Kommentar unterscheiden. Sie betrachten nicht nur vieles durch ihre politische Brille, sondern wollen ihre Weltsicht den Bürgern auch noch überstülpen. Besonders deutlich wird dies im Fernsehen. Schon an der Mimik der Korrespondenten erkennt man ihre Meinung. Schon nach dem ersten Satz weiß der Zuschauer, welche Botschaft einem vermittelt werden soll. Daraus erwächst die große Chance der Lokal- und Regionalzeitungen: Sie sind es, die sich tatsächlich jeden Tag um die Probleme vor Ort kümmern. Sie konfrontieren die politisch Verantwortlichen mit den realen Sorgen und transportieren die Antworten zu den Bürgern. So ermöglichen Zeitungen den Diskurs. Sie sind damit eine wichtige Stütze einer demokratischen Gesellschaft. Sie sind die Brückenbauer und fördern das Verständnis füreinander. Aber das kostet eben Mühe, Zeit und Geld.

Eine Umfrage hat kürzlich zu Tage gefördert, dass die Volontäre von ARD und Deutschlandfunk vor allem Grüne (57,1 Prozent), Linkspartei (23,4) und SPD (11,7) wählen würde. CDU (2,6) und FDP (1,3) sind bei den Redakteuren von Morgen Splitterparteien. Hat der Journalismus in Deutschland eine grün-rote Schlagseite?
Jackob

Sicher. Doch ich würde den jungen Journalisten keine böswillige Einseitigkeit unterstellen. Diese Schieflage liegt vor allem an ihrem Umfeld, das sie prägt. An einer Hochschule gibt man sich moderner und kosmopolitischer. Man heiratet bevorzugt im akademischen Umfeld und ist später finanziell bessergestellt. Diese oft sehr großstädtisch geprägte Bildungskarrieren führen zu einem anderen Blick auf die Gesellschaft. Kurzum: Man kennt die Sorgen der „normalen“ Bevölkerung oft nur vom Hörensagen. Umso wichtiger ist es für die Verlage, bei den Einstellungen und der Volontärs-Ausbildung den Pluralismus zu fördern. Sie müssen ihren Redakteuren klarmachen, dass sie mit ihrer Sicht oft nicht unbedingt die Mehrheit vertreten. Denn sie sind keine gewählten Volksvertreter, die parteipolitische Positionen vertreten, sondern nur Vermittler. Journalisten sollten sich mit ihren individuellen Meinungen und Sichtweisen zurückhalten. Sie sind nicht die Akteure auf dem Spielfeld, sondern die Beobachter.

Was raten Sie den Verlagen?
Jackob

Die Verlage sollten sich ernsthaft Gedanken darüber machen, wie sie mehr Offenheit in ihre Redaktionen bekommen. Und zwar in dem Sinne, dass die Journalisten neutraler bei der Behandlung von Themen sind. Also auch die Sorgen der Menschen aufgreifen, die nicht unbedingt zu den weltläufigen, progressiven Eliten gehören. Hier gemahnen uns die USA: Der Graben zwischen Rechts und Links wird auch deshalb immer tiefer, weil die Medien zunehmend parteiischer geworden sind. Sie transportierten die Geringschätzung der jeweils Andersdenkenden und tun es noch. Mein Rat: Weniger Haltung und Meinung, dafür mehr Lebenshilfe und Problemlösung. Vor allem aber: Ja nicht dünkelhaft auf „den dummen Bürger“ herabsehen, sondern seine Sicht der Dinge ernst nehmen. Dabei sollten die Medien sorgsamer zwischen Nachricht und Kommentar trennen. Also deutlich machen, wo sie ihre persönliche Meinung vertreten, die zur Orientierung durchaus erwünscht sein kann.

Die langjährigen Abonnenten erwarten, dass die Zeitung pünktlich am frühen Morgen im Briefkasten steckt. Die Jungen sind hingegen weitgehend Print-abstinent. Wie kommen die Verlage aus diesem Dilemma?
Jackob

Das mediale Konsumverhalten wandelt sich. Aber sobald die Jungen eine Familie gründen und Kinder haben und diese in die Schule gehen, wollen auch sie mit relevanten Informationen aus ihrem Umfeld versorgt werden. Plötzlich ist es wichtig, ob die Turnhalle modernisiert oder die Straßenbahn einen Ableger zum eigenen Wohnort bekommt. Gut möglich, dass sie dabei nicht mehr auf die gedruckte Zeitung bauen. Aber auf Nachrichten aus ihrem Lebensbereich sehr wohl. Auch sie wollen wissen, was in ihrem Arbeitsumfeld passiert. Sie verfolgen aufmerksam, wo neue Baugebiete entstehen, Straßen gebaut werden oder welche Kita wie viel kostet. Das örtliche Leben interessiert sie also sehr wohl. Sie sind allerdings sehr serviceorientiert. Hier ist die Zeitung, die ein zuverlässiges digitales Portal bietet, im Vorteil. Sie liefert nicht nur aktuelle Öffnungszeiten, sondern ermöglicht auch den Ticketkauf oder andere Dienstleistungen auf Knopfdruck.

Aber sind Kunden auch bereit, für diese Leistungen zu bezahlen?
Jackob

Das ist nicht einfach. Da müssen sich Verlage mehr einfallen lassen, als nur Bezahlschranken hochzuziehen. Aber die Verknüpfung von lokaler Kompetenz und schnellem digitalem Zugang schafft ja auch neue Chancen der Teilhabe. Wenn es gelingt, die Fragen der Leute vor Ort an die richtigen Stellen zu bringen und zu thematisieren, dann wird auch der Wert dieser Leistung erkannt. Das Medienhaus bietet den Marktplatz, wo Probleme aufgegriffen und debattiert werden. Hier sind die Möglichkeiten noch lange nicht ausgereizt. Ich denke beispielsweise an eine App, mit der User Fragen direkt stellen und ihre Wünsche an die Verwaltungen artikulieren können - moderiert von der Redaktion vor Ort. Demokratie lebt vom Mitmachen. Und Verlage können dafür auch im digitalen Zeitalter die Plattform bieten. Das gilt vielleicht nicht für die klassische Vereinsberichterstattung, die nur die direkt Betroffenen anspricht. Wohl aber alle Fragen und Entscheidungen, die das direkte Lebensumfeld betreffen. Wer außer den Lokalredakteuren soll neutral über eine Gemeinderatssitzung berichten und anschließen eine Diskussion mit den Bürgern moderieren?

Was, wenn Politiker oder Verwaltungen selbst die digitalen Chancen nutzen und direkt via Chat mit dem Bürger kommunizieren?
Jackob

Keine Sorge, die Bürger merken den Unterschied. Sie sind viel schlauer, als so mancher Entscheider oder Reporter glaubt. Ein Politiker kann sich vor zig Kameras aufstellen und stundenlang seine Meinung kundtun - damit ist noch lange keine Glaubwürdigkeit erreicht. Deshalb brauchen auch Vertreter des öffentlichen Lebens oder der Wirtschaft Journalisten, die über Kompetenz Glaubwürdigkeit garantieren. Denn nur so werden sie auch wahrgenommen. Damit wird der Beruf des Journalisten noch anspruchsvoller. Als Kritiker, Kontrolleur und Vermittler ist dieser Berufsstand unverzichtbar. Er ist das personifizierte System der Beobachtung einer Gesellschaft. Gerade wenn es um die Aufdeckung von Skandalen geht. Deshalb sind auch drei von vier Bürgern mit ihren Zeitungen zufrieden, wie unsere Erhebungen belegen. Dass nicht alle dafür bezahlen wollen, steht auf einem anderen Blatt.

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