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75 Jahre BNN:

Digitalwirtschaft in der Region Karlsruhe: Maschinenraum statt Elfenbeinturm

Aus dem Nischenfach Informatik wurde ein wichtiger Wirtschaftszweig: In der Region Karlsruhe blüht die IT-Branche und bietet weitere Wachstumschancen für die Zukunft.

Nicht aus der Stadt wegzudenken: Die IT-Wirtschaft zählt zu den wichtigsten Standbeinen Karlsruhes. Die monumentale Hand mit Smartphone von Aram Bartholl im Schlossgarten führt Kunst und Alltag zusammen. Foto: Petra Hirschel

Am 3. August 1984 empfing Werner Zorn die erste E-Mail in Deutschland. Der Informatik-Professor arbeitete damals an der Universität Karlsruhe und gilt als ein Wegbereiter des Internets. Computernetzwerke waren in dieser Zeit noch ein Nischenthema. Inzwischen aber haben Internet und Digitalisierung sämtliche Lebens- und Wirtschaftsbereiche durchdrungen.

Es sind in etlichen Branchen gewaltige Umwälzungen im Gange, deren Ende noch gar nicht abzusehen ist. Klar ist aber jetzt schon: Die Wirtschaftsregion Karlsruhe bringt beste Voraussetzungen mit, um diesen Prozess mit Stärke und Selbstbewusstsein zu gestalten. Das hat sie Pionieren wie Werner Zorn zu verdanken.

Die IT-Wirtschaft zählt inzwischen zu den wichtigsten Standbeinen der Technologieregion Karlsruhe. Es fehlt zwar ein ganz großer Spieler wie der Walldorfer Softwarekonzern SAP. Doch zahlreiche Kleinstunternehmen bis mittelgroße Firmen tummeln sich in Karlsruhe und der Region, die an innovativen Softwarelösungen tüfteln und in ihrem Spezialgebiet häufig zur Weltspitze gehören.

Dass diese Unternehmen in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt sind, liegt daran, dass sich ihre Produkte nicht an Endverbraucher richten, sondern an andere Unternehmen.

Verknüpfung zwischen Old und New Economy

„Berlin ist das Tanzdeck, wir sind der Maschinenraum“, sagt Matthias Hornberger deshalb, wenn er die IT-Szene in Karlsruhe mit der in der Hauptstadt vergleicht. Der Vorsitzendes des Karlsruher Unternehmensnetzwerks Cyberforum meint damit: Während Berliner Start-ups hippe Handyapps für jedermann entwickeln, kümmern sich badische Programmierer um die Bedürfnisse von Industriekonzernen und bodenständigen Mittelständlern. Für die langfristige Entwicklung des Wirtschaftsstandorts ist diese Verknüpfung zwischen Old und New Economy sicherlich ein entscheidender Vorteil.

Hornberger hat den ersten großen Boom der Internetwirtschaft selbst hautnah miterlebt. Er war Vorstandsmitglied des Karlsruher E-Mail-Anbieters Web.de. Das Unternehmen ging im November 1995 an den Start und versuchte, die damals noch überschaubare Anzahl an deutschen Internetseiten in einem Verzeichnis nach Kategorien zu sortieren.

Zustimmung zum Verkauf: Web.de-Gründer Matthias Greve spricht im Juli 2005 bei der Hauptversammlung in der Karlsruher Stadthalle zu den Aktionären. Für 330 Millionen Euro geht das Portal an United Internet (GMX, 1&1). Foto: Uli Deck/dpa

1998 kam ein kostenloser E-Mail-Dienst dazu. Damit gelang web.de der Durchbruch. Das Unternehmen breitete sich in den früheren Fabrikhallen des Nähmaschinenherstellers Pfaff im Stadtteil Durlach aus und ging an die Börse. Mehr als 400 Mitarbeiter hatte Web.de im Jahr 2005, als es an die United Internet AG aus Montabaur verkauft wurde, der schon der Konkurrent GMX gehörte.

Der heutige Web.de-Chef Jan Oetjen hält Karlsruhe nach wie vor für die E-Mail-Hauptstadt Deutschlands. „Heute ist die Stadt mit rund 1.000 Mitarbeitern der größte Standort von Web.de und GMX, auch unsere Rechenzentren betreiben wir von hier aus.“ Damit das so bleibt, sei die EU gefragt, so Oetjen. „Die europäische Politik muss jetzt die Weichen dafür stellen, damit Europa nicht zwischen der etablierten amerikanischen Internet-Industrie und den expandierenden chinesischen Anbietern zerrieben wird“, sagt er.

Web.de-Gründer Matthias Greve Ende 2001 in Frankfurt. Foto: Erwin Elsner/dpa

Zum einen müssten Anbieter bestraft werden, die gegen den europäischen Datenschutz oder das Wettbewerbsrecht verstoßen. „Zum anderen brauchen wir mehr europäische Alternativen, allen voran eine sichere Online-Identifikation aus Europa.“

Schlüsselthema Künstliche Intelligenz

Zu den Schlüsselthemen der Digitalwirtschaft zählt die Künstliche Intelligenz (KI). Das sind Computerprogramme, die sich selbst verbessern, also von Fall zu Fall dazulernen. Anwendungsmöglichkeiten gibt es in der Industrie schon jetzt zuhauf. Weitere Felder werden in zahlreichen Branchen dazukommen. Für den Maschinenraum unter den IT-Standorten bietet KI daher große Potenziale. Die Technologieregion Karlsruhe hat sich gemeinsam mit den Regionen Stuttgart und Neckar-Alb bei einem Landeswettbewerb um die Ansiedlung des „Innovationsparks KI“ beworben. Wird das Großprojekt umgesetzt, würde das der Region einen weiteren Entwicklungsschub geben.

Wachstumschancen bietet auch das Feld der Computersicherheit. Denn je digitaler und vernetzter Wirtschaftsunternehmen und Infrastrukturbetreiber werden, umso mehr Angriffsmöglichkeiten bieten sie Spionen und Saboteuren. Karlsruhe zählt schon jetzt zu den Spitzenstandorten.

Die 1972 gegründete Informatik-Fakultät des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) – damals noch Universität Karlsruhe – bietet ihren Masterstudenten ein Schwerpunktprofil „IT-Sicherheit“ an. Es geht dabei vor allem um Verschlüsselungsverfahren und deren Anwendung in komplexen Computersystemen. Der Karlsruher Kryptografie-Professor Jörn Müller-Quade gehört weltweit zu den Koryphäen auf diesem Gebiet.

Dass Forschung nichts für den Elfenbeinturm ist, sondern zu erfolgreichen Unternehmensgründungen führt, zeigt sich am KIT immer wieder. Für den Karlsruher Unternehmer Oliver Winzenried ist die Nähe und enge Verbindung zwischen Universität und Wirtschaft einer der entscheidenden Standortvorteile. 1980 hat er hier seine Firma Wibu-Systems gegründet. Sie ist auf die gesicherte Lizenzierung und den Schutz von Computersoftware vor Raubkopien und Manipulation spezialisiert. Nun baut Winzenried in Karlsruhe das „House of IT-Security“ und will dort unterschiedlichen Unternehmen, die im Bereich IT-Sicherheit tätig sind, eine Plattform bieten, um sich miteinander zu vernetzen.

KIT-Professor Müller-Quade zählt zu den Unterstützern des Projekts. „Das wird ein Kristallisationspunkt, an dem neue Ideen entstehen, die auch zu Produkten werden“, freut sich der Informatiker. „In der IT-Sicherheit ist für uns Forscher der Kontakt zu Firmen sehr wichtig. Dort entstehen schließlich die Probleme, mit denen wir uns beschäftigen.“

Vorreiterrolle: Informatik im Verkehrswesen

Zwei weitere wichtige Karlsruher IT-Firmen sind als Universitäts-Spin-offs(Ausgründungen) am heutigen KIT entstanden. Sie beschäftigen sich beide mit dem Thema Verkehr, bei dem die Region Karlsruhe schon lange eine Vorreiterrolle spielt und das in den kommenden Jahrzehnten weltweit wichtiger wird.

Die Firma init entwickelt IT-Lösungen für den öffentlichen Nahverkehr. Seit ihrer Gründung im Jahr 1983 hat sie sich zum Weltmarktführer für Telematik-Systeme für Bus und Bahn entwickelt. Gottfried Greschner, der nach dem Elektrotechnik-Studium in Stuttgart als Doktorand nach Karlsruhe kam, ist heute Vorstandsvorsitzender der init-Gruppe mit rund 1.000 Mitarbeitern an 30 Standorten weltweit.

Das andere erfolgreiche Karlsruher Spin-off, das die Möglichkeiten der Informatik im Verkehrswesen früh erkannt hat, ist die PTV Planung Transport Verkehr AG. Sie entwickelt Software für Verkehrsmanagement und -planung. Hans Hubschneider und Michael Sahling gründeten das Unternehmen 1979. Im Jahr 2017 übernahm es die Stuttgarter Porsche-Holding für mehr als 300 Millionen Euro. Die PTV AG beschäftigt mittlerweile mehr als 900 Mitarbeiter weltweit, knapp 500 am Hauptsitz in der Karlsruher Oststadt.

Software für die Stadt der Zukunft: Am Hauptsitz der PTV Gruppe in der Karlsruher Oststadt sind knapp 500 Mitarbeiter beschäftigt. Foto: PTV Group

Dass es an weiteren Erfolgsgeschichten künftig nicht mangelt, ist ein Herzensanliegen des Cyberforum-Vorsitzenden Matthias Hornberger. Der Verein unterstützt mit Fördermitteln des Landes Baden-Württembergs zahlreiche Start-ups in der Region. Dass das auch so bleibt, hoffen Hornberger und der Cyberforum-Geschäftsführer David Hermanns. Gemeinsam mit anderen Start-up-Netzwerken aus Baden-Württemberg haben sie rechtzeitig zu Landtagswahl eine Allianz gebildet. Sie fordern die Landespolitik auf, langfristig in die Zukunft des Digitalstandorts zu investieren.

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