Morgens steife Finger? Dann nichts wie hin zum Arzt! Es könnte sich um eine entzündlich-rheumatische Erkrankung handeln, für die gilt: Je schneller die Diagnose, desto besser die Prognose! | Foto: Boissennet, Adobe Stock

Genaue Diagnose ist wichtig

Rheuma hat viele Facetten

Anzeige

Rheumatische Beschwerden haben in Deutschland rund 20 Millionen Menschen, also ein Viertel der Bevölkerung. Handelt es sich demnach bei Rheuma um eine Volkskrankheit? Das wäre so, wenn denn „das Rheuma“ überhaupt ein kompaktes Krankheitsbild wäre. Es ist allerdings mehr eine Überschrift, ein Oberbegriff für eine Vielzahl von Erkrankungen, die mehr oder weniger Ähnlichkeiten aufweisen, sich in Bezug auf Beschwerdebild, Verlauf und Prognose aber auch stark unterscheiden können.

Hier ist von 100, dort von 200 und in neuesten Veröffentlichungen von 400 Erkrankungen des „rheumatischen Formenkreises“ die Rede – keine Frage also, dass jede einigermaßen gut konsumierbare  Berichterstattung nur geringfügig an der Oberfläche kratzen kann. Die schwerste aller Rheuma-Formen ist die chronisch entzündliche rheumatoide Arthritis, die nicht auf den Bewegungs- und Stützapparat des Körpers beschränkt bleiben muss, sondern auf die Organe übergreifen und sie nachhaltig schädigen kann.

Verschiedene chronisch entzündliche Erkrankungen

Die „RA“ ist eine mittlerweile gut behandelbare, dennoch gefährliche Autoimmunerkrankung, bei der die Abwehr plötzlich eigene Körperzellen als fremd einstuft und bekämpft. Die chronisch entzündlichen Erkrankungen wie

  • rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes oder Morbus Bechterew und die
  • degenerativen, also verschleiß-/altersbedingten rheumatischen Erkrankungen (Arthrosen, degenerative Wirbelsäulenerkrankungen) sind aber nur zwei von sechs Hauptgruppen, die Ärzte unterscheiden. Darüber hinaus gibt es noch diverse
  • rheumatische Erkrankungen der Weichteile, also von Muskeln und Bindegewebe (Fibromyalgie)
  • Stoffwechselstörungen, die zu rheumatischen Beschwerden führen (metabolische Gelenkerkrankungen wie zum Beispiel Gicht)
  • Erkrankungen des Knochens, die zu Beschwerden der Wirbelsäule führen (wie etwa die Osteoporose)

Erschwerend für die Diagnose ist, dass die Grenzen zwischen den verschiedenen rheumatischen Erkrankungen oft fließend sind. Krankheitszeichen können sich überlappen. Um schweren Verläufen vorzubeugen, führt also am Spezialisten kein Weg vorbei.

Früh anlegen und genau zielen

Eine schnelle und eindeutige Diagnose ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Rheumatherapie und sollte vom Patienten mit Hartnäckigkeit verfolgt werden. Wer selbst wegen seit längerem schmerzenden und/oder geschwollenen Gelenken schon den Verdacht hat, unter Rheuma zu leiden, sollte über den Hausarzt oder direkt versuchen, baldmöglichst einen Termin beim Facharzt zu bekommen – zugegebenermaßen mangels ausreichender Anzahl von Rheumatologen nicht ganz einfach. Ein Rheuma-Check im Internet mag dazu dienen, einen Verdacht zu zerstreuen oder zu erhärten: www.rheumacheck.rheumanet.org/questionnaire.aspx.

Ganz besonders wichtig ist eine schnelle Diagnose und in der Konsequenz ein schneller Therapiebeginn bei entzündlichem Rheuma. Von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, handelt es sich um eine schwere Erkrankung, die häufig zur Behinderung und entsprechend auch Arbeitsunfähigkeit führt. Zunächst gilt es abzuklären, ob es sich um eine reaktive Arthritis handelt, also der Auslöser etwa eine bakterielle Infektion ist, oder ob eine chronische Polyarthritis zu befürchten ist. Während erstere – unter Therapie, versteht sich – normalerweise ausheilt und keine Gelenkzerstörungen und -deformationen verursacht, kann die Entzündung bei der chronischen Polyarthritis zwar eingedämmt, die Krankheit selbst aber nicht regelrecht geheilt werden. Bei anhaltender Entzündung werden die Gelenke zerstört. Bei schweren Verläufen können andere Organe geschädigt werden – Augen, Herz, Lunge, Rippenfell, Nerven und Blutgefäße.

Ein ganzes Bündel von Therapiemaßnahmen wird bei rheumatoider Arthritis geschnürt.

Eine umfassende Therapie umfasst mehrere Bausteine, wie die Grafik zeigt:

  • Physiotherapie zur Förderung der Gelenkigkeit, Linderung von Schmerzen, Lösung von Muskel-Verspannungen und Kräftigung
  • Ergotherapie zum Erlernen alltäglicher Aktivitäten auf gelenkschonende Weise
  • Gegebenenfalls zusätzliche Schmerztherapie
  • Andere Bausteine wie antientzündliche Ernährung oder Rehabilitation können das Behandlungskonzept ergänzen.
  • Die medikamentöse Behandlung, an der nach Stand der Wissenschaft bei rheumatoider Arthritis kein Weg vorbeiführt, umfasst Basismedikamente (DMARDs): Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR), Analgetika, Kortison, Biologika/Biosimilars

Neue Leitlinie für die rheumatoide Arthritis

Eine frühzeitige, gezielte Therapie kann die Zerstörung der Gelenke häufig verhindern. Engmaschige Kontrolltermine, zu Beginn schon nach sechs Wochen, und eine gezielte Behandlung anstelle langfristiger Corticoidgabe – das fordern die Autoren der neuen S2e-Leitlinie „Behandlung der rheumatoiden Arthritis
mit krankheitsmodifizierenden Medikamenten (DMARDs)“.

Den meisten Erfolg verspreche Methotrexat (MTX), das oft schon allein zur Unterdrückung der Überaktivität des Immunsystems und Kontrolle der Krankheit ausreiche. Bei Unverträglichkeit kämen als andere csDMARDs Leflunomid oder Sulfasalazin in Frage. Darüber hinaus geben die Experten der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie Empfehlungen für weitere synthetische Wirkstoffe und Biologica – und sogar zum Senken der Medikamente unter gewissen Bedingungen.

Kortison – Dein Freund und Helfer

Über 50 und Schmerzen im Hüft- und Schulterbereich? Es könnte Polymyalgia rheumatica sein – eine entzündlich-rheumatische Erkrankung mit guter Heilungschance. | Foto: DaisyDaisy, AdobeStock

Eine weitere neue Leitlinie, ebenfalls erarbeitet von der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie zusammen mit anderen europäischen Fachgesellschaften, betrifft die Polymyalgie rheumatica. Für diese, in der Öffentlichkeit wenig bekannte, aber keineswegs seltene entzündlich-rheumatische Erkrankung, die sich bei Menschen über 50 oft durch Schmerzen im Bereich des Schultergürtels und der Hüften bemerkbar macht, gab es bisher keine einheitliche Behandlungsregelung. Nun gibt es die frohe Botschaft: Ein frühzeitiger und konsequenter Einsatz von Kortison kann Beschwerden lindern und Folgen verhindern! Mit passender Dosierung von Kortison kommt es laut den Experten bei den meisten Patienten zu einer raschen und deutlich ausgeprägten Linderung der Beschwerden. Weitere Schmerzmittel seien oft nicht nötig. Viele Patienten erholen sich bei richtiger Therapie vollständig und können das Kortison ausschleichen.

Manche mögen’s kalt

Thermotherapie ist ein überliefertes und häufiges Mittel der Wahl gegen Gelenk- und/oder Gliederschmerzen. Bei manchen Beschwerden tut Wärme gut, regt den Stoffwechsel an, fördert die Durchblutung, dehnt dadurch das Bindegewebe, fördert die Regeneration, entspannt die Muskulatur und kann Schmerzen lindern. Heiße Umschläge, gern auch Kartoffelwickel, Heu- und Kirschkernsäckchen, Moor- und Fangopackungen, Sole- und Schwefelbäder – herrlich! Aber eher bei degenerativen Erkrankungen von Gelenken und Wirbelsäule, also Arthrosen. Bei akuten Entzündungen von Gelenken, Kapsel, Gefäßen (Vaskulitiden) oder Muskeln, einer aktivierten Arthrose, arteriellen und venösen Durchblutungsstörungen ebenso wie bei Tumoren und schweren Erkrankungen ist Wärme dagegen das pure Gift. Die Entzündung würde noch verstärkt werden.

Manche mögen’s kalt, wie dieser Eisplanscher. Manche Patienten mit entzündlichem Rheuma mögen’s sogar noch kälter und lassen sich mit gutem Erfolg in der Kältekammer behandeln. | Foto: levranil, AdobeStock

Hier kommt Kälte ins Spiel, und zwar heutzutage in ganz großem Stil. Abgesehen von der Kühlung einzelner Partien, etwa dem entzündeten Handgelenk, mit Kühlgelpäckchen oder Eiswürfeln oder den Tauchbädern, wie sie Wasserpapst und Abhärtungsapostel Pfarrer Sebastian Kneipp propagiert hat, verspricht heute bei entzündlichen Erkrankungen die Kryotherapie in der Kältekammer Linderung. Mit Mütze, Handschuhen, Schuhen, Mundschutz und Badeklamotte geht‘s zur kurzen Drei-Minuten-Kur in knackige Kälte von bis zu -110 Grad Celsius. Die trockene Kälte wird gut vertragen, kühlt die Haut schockmäßig bis auf fünf Grad herunter, blockiert die Schmerzsensoren – und letzterer Effekt hält sogar eine Weile an. Je mehr Schockfrosterlebnisse, desto länger, wenn keine anderes Leiden dagegen spricht.

Mit voller Kraft gegen den Feind Arachidonsäure

Gesunde Ernährung ist Trumpf – auch im Kampf gegen Rheuma. | Foto: Jürgen Fälchle, AdobeStock

Eine gute Ernährung ist immer gut! Soviel steht fest, gerade auch im Zusammenhang mit Rheuma in allen Erscheinungsformen. Fest steht freilich auch, dass es nach Stand der Wissenschaft keine Wunderdiäten gibt,  es also insbesondere beim fortgeschrittenen entzündlichen Gelenkrheuma, der Chronischen Polyarthritis, keine Heilung per Diät gibt. Aber: Die richtige Ernährung kann einen wesentlichen Beitrag leisten zum Rückgang der Entzündungswerte und damit Linderung von Beschwerden. Und obendrauf gibt‘s noch den Fitnessbonus. „Entzündungshemmend“ ist das magische Adjektiv bei den Ernährungsempfehlungen für Rheumatiker (und im Prinzip auch den gesundheitsbewussten Rest der Welt), über die sich die Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung DGE einig sind.

Wichtig ist gesunde Mischung

Um mal vorwegzunehmen, was bei den Ratschlägen unterm Strich steht: Auf die gesunde Mischung kommt‘s an, und die sollte die individuellen Lebensgewohnheiten berücksichtigen und – schmecken! Damit ist schon klar, dass einseitige Ernährung verkehrt wäre und der Speiseplan alltagstauglich geplant werden sollte. Und was soll auf dem Plan stehen? Das ist eigentlich sehr kurz erklärt: Viel Fisch, viel Obst, viel Gemüse, vollwertige Getreide- und magere Milchprodukte, bevorzugt Öle mit mehrfach ungesättigten (Omega-3-) Fettsäuren und Fischöl. Das war‘s schon.

Wesentlich länger ist die Aufführung dessen, was bei Rheuma in nur geringen Mengen empfehlenswert ist oder möglichst ganz gemieden werden sollte – und warum. Im Prinzip geht es gegen zwei Feinde: Gegen die sogenannte Arachidonsäure und Sauerstoffradikale im Gefolge. Aus Arachidonsäure werden entzündungsfördernde Botenstoffe gebildet, die eben bei Rheumatikern zu Gelenkschmerzen,
-schwellungen und -überwärmung führen.

Archidonsäure findet sich ausschließlich in Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs – besonders viel in Schweineschmalz, -leber, Eigelb oder fetten Fleisch- und Wurstsorten sowie fetteren Milchprodukten. Tiere, aber auch Menschen, produzieren Arachidonsäure aus Linolsäure. Ein gewisser Spiegel ist also immer vorhanden, aber zu viel davon ist problematisch. Die Zufuhr über die Nahrung sollte so gering wie möglich sein – laut Rheuma-Liga 350 Milligramm pro Woche nicht überschreiten. Was darüber hinaus geht, wird in die Körperzellen eingebaut und löst die Produktion entzündungsfördernder Boten aus. Dazu hier mal eine Berechnungshausnummer: Die erwähnten 350 Milligramm sind schon mit 100 Gramm Kalbsleber erschöpft. Dieselbe Menge Schweineleber bringt es auf 870 Gramm, Eigelb auf 297 Gramm Arachidonsäure.

Andere Fettsäuren helfen

Helfer im Kampf gegen die Fettsäure Arachidonsäure sind andere Fettsäuren, mehrfach ungesättigte, versteht sich. Besonders effektiv unter den Omega-3-Fettsäuren wirkt nach Auswertung diverser Studien die Eicosapentaensäure, kurz EPA gerufen, die vorwiegend in fettreichen Fischen wie Hering, Makrele, Thunfisch oder Lachs vorkommt, und auch aus alpha-Linolensäure hergestellt wird, die wiederum vor allem in Lein-, Raps-, Weizenkeim-, Soja – und Walnussöl enthalten ist.

Gefördert wird das Entzündungsgeschehen darüber hinaus von Sauerstoffradikalen, gegen die Antioxidanzien ins Feld geführt werden können. Das sind vor allem die Vitamine E und C, Beta-Carotin, die Spurenelemente Kupfer, Zink und (vor allem) Selen sowie zahlreiche sekundäre Pflanzenstoffe. Also, wie schon erwähnt, viel und oft Salat, Gemüse und Vollkornprodukte essen. Eine zusätzliche Versorgung in Pillenform kann empfehlenswert sein, sollte aber immer mit dem (Fach-)Arzt abgesprochen werden.

Zu viel Futter und falsches Futter ist langfristig ungesund, für Mäuse – und Menschen. | Foto: Neyro, AdobeStock

Übrigens: Viel Fett, viel Zucker, wenig Ballaststoffe, die „westliche Diät“, macht das Immunsystem laut einer neuer Studie sogar langfristig aggressiv. Wie zunächst im Mäusetest, später im menschlichen Blut nachgewiesen wurde, reagiert auch nach Rückgang der akuten Entzündung das Immunsystem scharf auf kleinste Reize. Konsequenz: Gesunde Ernährung von Kindesbeinen an!

Weitere Informationen über Rheuma und viele weitere aktuelle Gesundheitsthemen finden sich in unserer Gesundheitsbeilage.