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Wenn Wildschweine zu Wölfen zählen

Herrscher über Millionen von Artikeln: ein Blick ins BNN-Archiv

Es bedarf höchster Konzentration und Struktur, um sich im Archiv der BNN zurecht zu finden. Leiter Alexander Wagner berichtet von skurrilen Anfragen und der Umstellung von analog auf digital.

BNN-Archivmitarbeiterin Doris Stahnke überblickt das Archivsystem. Viele BNN-Zeitungsartikel aus den letzten 75 Jahren befinden sich in diesen Ringordnern. Im September 2005 wurde vom analogen Papierarchiv auf ein digitales Archiv umgestellt. Foto: Rake Hora

Alexander Wagner, Leiter des BNN-Archivs, schmunzelt, wenn er an den Anruf zurückdenkt: „Zunächst fragte der Mann, ob er mit dem BNN-Archiv verbunden sei. Ich antwortete mit ja, und ob ich weiterhelfen könne? Dann meinte er, er hätte gerne einen Artikel zum ,Goldenen Alphorn’. Auf die Frage, ob er denn dazu ein konkretes Erscheinungsdatum des Artikels hätte, meinte er nur: ,Na, das müssen Sie doch wissen? Irgendwann zwischen den 1950ern und 1980ern.’“

An skurrile Anfragen wie diese wird sich Wagner wohl immer erinnern. Selbst Anfragen mancher Redakteure lassen ihn und seine beiden Kollegen lächeln. „Viele gehen davon aus, dass wir alles auswendig wissen“, so Wagner.

Tatsächlich gab es in der Geschichte des BNN-Archivs eine Zeit, in der Archivare ein wandelndes Lexikon zu sein schienen. Ein digitalisiertes System, wie es heute existiert, gab es in den ersten 60 Jahren der BNN nicht. Auch der Arbeitsablauf verlief anders als heute. Damals, im analogen Papierarchiv, lasen die Archivmitarbeiter die Zeitungsberichte nie ganz, sondern nur quer.

Alexander Wagner leitet das Archiv der Badischen Neuesten Nachrichten. Foto: Tanja Mori Monteiro

Anschließend strichen sie die für wichtig empfundenen Artikel an, schnitten sie aus der Zeitung aus und klebten sie auf weißes DIN-A4-Papier, das sie in einem Ringordner abhefteten. „Die Unterteilung war oft nicht einfach zu durchschauen“, sagt Wagner. So würde man einen Zeitungsartikel zum Thema „Wildschweine“ nicht etwa unter dem Stichwort „Waldtiere“ finden, sondern unter dem Stichwort „Wölfe“. Deshalb sei es damals wichtig gewesen, dass ein Archivar alle Unterteilungen und Ablagen auswendig kannte.

Die Suche im Archiv ist nicht so einfach wie bei Google

Am 20. September 2005 wurde das Archiv umgestellt und dann digitalisiert weitergeführt, erinnert sich Wagner. Seit diesem Datum landen alle Zeitungsartikel, die im Internet veröffentlicht wurden, im digitalen Archiv. Die jeweiligen Außenredaktionen führen jedoch das altbekannte System weiter. Jeder Artikel, der nicht auf der Website erscheint, wird in der Lokalredaktion im analogen Papierarchiv abgelegt.

Mit der Digitalisierung wurde dennoch vieles einfacher. Die Zuführung der Daten erfolgt manuell über ein Drag-and-Drop-System (zu deutsch: Ziehen und Ablegen). Die Ablage des Artikels im Digitalarchiv hingegen läuft automatisch ab. Auch die Artikelzuordnung hat sich verändert. Heute wird nach der jeweiligen Lokalausgabe und Ressort unterteilt. Außerdem soll die Unterteilung weiter verfeinert werden, damit das Suchen noch schneller zum Erfolg führt.

Das Suchsystem läuft über eine Volltextsuche. Ein System wie bei klassischen Suchmaschinen, beispielsweise wie bei Google, gibt es allerdings nicht. Deshalb muss der Suchprozess so exakt wie möglich ablaufen. Das Entscheidende sind präzise Gegenfragen, weiß Wagner. Denn nur so könne die Suche schnell zum Erfolg führen.

Im BNN-Archiv lagern Millionen von Papierseiten

Wie viele Papierseiten im Archiv gelagert werden, kann Wagner nur schätzen: „In der Theorie müssten das zwischen sechs und sieben Millionen Seiten sein, aber wahrscheinlich sind es weniger.“ Bis zum 31. Dezember 2013 wurden Artikel sowohl digital als auch in Papierform abgeheftet. Seit dem 1. Januar 2014 werden sie ausschließlich digital archiviert.

Beim elektronischen Ablegen der Artikel müssen Archivmitarbeiter hoch konzentriert und systemorientiert arbeiten. Täglich erhalten sie alle E-Paper-Ausgaben des Vortages. Diese Ausgaben werden nach Datum und Erscheinungsort sortiert. Die Seiten werden in entsprechende elektronische Ordner abgelegt. „Wenn hier etwas schief läuft, dann entsteht ein Problem“, sagt Wagner. Eine zusätzliche Sicherheit bietet der Nachtserver, der die elektronischen Artikel, die vom System nachts verarbeitet werden, speichert.

Doris Stahnke, Archivmitarbeiterin bei den BNN, muss mit älteren BNN-Exemplaren behutsam umgehen. Mit einem speziellen Gerät können die Zeitungen aus den Anfangsjahren eingelesen und gescannt werden. Foto: Rake Hora

Im Laufe der vergangenen 75 Jahre ist ein riesiges Archiv entstanden. Es bietet nicht nur den Redakteuren einen enormen Fundus für ihre Arbeit. Auch Nostalgiker können auf der BNN-Website eine alte Zeitungsausgabe bestellen. Ob für einen runden Geburtstag oder einen Hochzeitstag – mit solch einem Exemplar begibt sich der Leser auf eine spannende Zeitreise.

Warum die BNN erst seit 1950 täglich erscheinen

Doch nicht jeder Tag war ein Erscheinungstag, denn nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in Deutschland für mehrere Jahre Papiermangel. Erst ab 1950 konnten Zeitungen wieder täglich gedruckt werden.

Mit etwas Glück erhält man also eine Ausgabe zu einem bestimmten Datum und bekommt so auch einen Blick ins BNN-Archiv.

Im BNN-Archiv müssen die Archivmitarbeiter auch mal ältere Exemplare, wie diese Ausgabe vom 8. März 1946, hervor holen. Foto: Rake Hora

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