BNN-Redakteur Dominic Körner hatte den berühmten Schrei nach Freiheit von Mel Gibson (Foto) im Film "Braveheart" zuletzt mehrfach auf den Lippen. | Foto: dpa

Kinderkram-Kolumne

Freeeeiiiiheeeeiiiit!!!

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Freeeeiiiiheeeeiiiit! Ich, ein vom Vaterstress gepeinigter Mittdreißiger, stehe auf dem sonnigen Gipfel der Hornisgrinde und blicke, ein kühles Blondes in der Hand, versöhnt hinab auf die Rheinebene. Da schießt mir der durchdringende Schrei durch den Kopf, den der unbeugsame Schotte William Wallace im Hollywood-Blockbuster „Braveheart“ vom Schafott brüllt, bevor das Henkerbeil auf ihn niederdonnert: Freeeeiiiiheeeeiiiit! Soll ich, oder doch nicht? Mit Rücksicht auf die wandernden Rentner verkneife ich mir den Schlachtruf ins Tal.

Mann Home Alone

Warum das Beinahe-Pathos? Frau und Kind sind auf Reisen. Das erste Mal. Seit seiner Geburt. Seit 18 Monaten. Achtzehn! Nun will ich auch nach der Veröffentlichung dieser Zeilen wieder nach Hause zurückkehren, wo eine liebende Familie und ein warmer Schlafplatz auf mich warten. Also: Natürlich habe ich die Beiden vermisst, so schmerzlich, wie es nur ein Mann tun kann, der aufrichtig liebt.

Tränen und Scotch

Und bei ihrer Abfahrt ein paar bittere Tränen vergossen, bevor ich eine Flasche Scotch geöffnet habe.  Aber unter uns, Männer: Fünf Tage ohne Frau und Kind – kein Geschrei, Gezeter, keine vollgeschissenen Windeln, keine Anweisungen im Kasernenhofton, kein Um-Erlaubnis-Betteln, wenn die Jungs anklingeln? Hallelujah!

Was tun mit der Freiheit?

Nachdem ich meine Frauen mit dem allergrößten Bedauern und den besten Wünschen auf die Reise geschickt habe, stehe ich vor einer Frage, wie sie nur Knackis kennen, die nach lebenslänglicher Haft wieder auf die Gesellschaft losgelassen werden: Was tun mit der neu gewonnenen Freeeeiiiiheeeeiiiit? Die volle Dosis Champions League im TV? Dauer-Netflixen? Partyexzesse? Ausschlafen? Oder alles auf einmal?

Krümel und Bartstoppel

Mein erster Schritt in Freiheit ist ein kleiner und doch bedeutender: Ich verkrümele die Couch und ziehe instinktiv das Genick ein. Stille. Nichts passiert. Dann koche ich Eier in der Mikrowelle, und das Eiweiß fliegt umher, dass es eine wahre Freude ist. Beim Rasieren lasse ich einige Bartstoppel im Waschbecken zurück. Kein Ärger. Bezaubernde Stille. Nur mit Mühe unterdrücke ich meinen Drang, Freeeeiiiiheeeeiiiit in den Garten zu brüllen, aus Angst, der Nachbar könnte sich vor Schreck mit dem Rasenmäher über den Fuß fahren.

Plötzlich ist alles vorbei

Die folgenden Tage erlebe ich wie im Zeitraffer: Champions League. Bier trinken in Boxer Shorts. Männerabend. Fußballtraining. In der Kabine Bier trinken in Boxer Shorts. Sportwetten. Fußball Manager zocken in Boxer Shorts. Hornisgrinde. Ein glückstrunkener Vater und 50 Rentner mit Wanderstöcken. Plötzlich ist Freitag: Kindergeschrei im Wohnzimmer. Die Frau findet meine Krümel. Das Bier ist alle. Für eine Sekunde wünsche ich mich auf die Hornisgrinde zurück und rufe: Freeeeiiiiheeeeiiiit! Bei meiner Frau kam das nicht gut an.