Kinderkram
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Neues aus dem Elternalltag

Im Griff der Puppenlobby

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Die Elternzeit ist der beste Freund des Scheidungsanwaltes. Sie festigt die Bindung zwischen Mann und Kind, gleichwohl ist sie der Endgegner für jede Ehe: Nur wer sich japsend ins Ziel rettet, bringt es später auch zur Goldenen. Die anderen, darin liegt die Ironie der Elternzeit, sehen ihren Nachkommen künftig nur jedes zweite Wochenende. Nach 61 Tagen ungefiltertem Familienwahnsinn weiß ich: Frau und Mann sollten von der Elternzeit dieselben Vorstellungen haben. Bei uns war das nicht der Fall.

Bruddler statt Babysitter

Meine Frau erwartete offenbar den Eier legenden Wollmilch-Mann: den Vollzeit-Babysitter, omnipräsenten Hausmann, Zwei-Sterne-Koch, nimmermüden Putzteufel und zärtlichen Masseur. Aber: Der kam gar nicht. Stattdessen der Laisser-faire-Papa („Da passiert nix“, „Des kann se scho“, „Die Beere sin bestimmt net giftig“), Faulpelz („Bringsch mir en Bier?“) und Bruddler („Hier isch aber scho wieder dreckig“).

Mehr Arbeit, weniger Kohle

Natürlich, dachte ich mir, würde ich mich etwas mit der Kleinen verlustieren, ein paar kalte Getränke im Garten zischen und ausgiebig dem Sportfernsehen frönen. Was Mann halt so macht, wenn Mann frei hat. Und hier liegt auch schon der Denkfehler: Ich hatte gar nicht frei, ich wechselte nur meinen Chef – mit verlängerten Arbeitszeiten und weniger Geld.

Penetrante Puppenlobby

Schlimmer noch: In Elternzeit kriegst du mit, was sich sonst oft hinter deinem Rücken abspielt (und dort auch bitte bleiben soll), etwa Besuche der geliebten Verwandtschaft. Hier gilt dasselbe wie beim Alkoholkonsum: Ein bisschen ist lustig, zu viel macht Kopfschmerzen. Und wenn du deine Tochter früh prägen, also für den Fußball begeistern willst, stehst du gegen die penetrante Puppenlobby aus Tanten, Omas und Freundinnen auf verlorenem Posten.

Transformation wider Willen

Am widerwärtigsten aber ist, was die Elternzeit aus dir selbst macht. Noch vor wenigen Wochen hatte ich über Schwimmbadväter gelästert, diese personifizierten Selbstaufgaben unter Frauenfuchtel, die unbeholfen mit pinken Tupperschälchen hantieren, über die Farbe des Kinder-Stuhlgangs diskutieren und mit dem Nachwuchs ein Urinbad im Babybecken nehmen. Nie, hatte ich gesagt, würde ich werden wie die. Never ever.

Willkommen in der Realität

Und plötzlich liege ich auf einer dreimannzeltgroßen Picknickdecke zwischen zerbröselten Hirsekringeln, gebrauchten Schwimmwindeln und dauerdudelndem Spielzeug aus der Kleinkindhölle. Und pinken Tupperschälchen.