Kinderkram
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Kinderkram-Kolumne

KSC oder Kindeswohl?

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Ich bin Masochist. Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb ich am Sonntag das Derby zwischen dem VfB Stuttgart und dem KSC besucht habe. Definition: „Jemand, der durch Erleiden von Demütigung, Schmerz oder Qual Befriedigung erfährt.“ Bingo. Warum sonst würde ich, nicht zum ersten Mal, nach Stuttgart fahren, obwohl der KSC dort seit 1965 nicht gewonnen hat? (Damals war ich minus 21).

Jedenfalls: Als ich am Sonntag finster gelaunt über die A8 nach Hause brettere, dahin, wo die Sonne häufiger scheint und die Luft besser ist als in Stuttgart, meldet sich mein Gewissen: Will ich meine Tochter wirklich zum KSC-Fan erziehen? Soll einem geliebten Menschen dasselbe Elend widerfahren, das mich seit meinem ersten Heimspiel als unschuldiges Kind der Glatze deutlich nähergebracht hat? Fünf Abstiege, 16(!) Derby-Pleiten und die Endlos-Stadion-Debatte?

Muss ich mein Kind vor dem KSC schützen?

Kurze Rückblende: Bevor unsere Tochter auf die Welt kam, gab es darüber keine Diskussion: „Sie wird KSC-Fan, ob sie will oder nicht“, teilte ich meiner Frau mit, die sich zu diesem Zeitpunkt noch mit nachrangigen Dingen wie Babyfone, Kita-Platz und Krabbelgruppe beschäftigte. Seither hat sich alles geändert. Die Kleine ist ein Bündel an Lebensfreude: Sie lacht, gluckst und tobt den ganzen Tag, als gäbe es kein Morgen. Und ich will das Mädel, so lange es nur geht, vor allem Schmerz dieser Welt beschützen. Kann ich es also zulassen, dass sie KSC-Fan wird?

Charakterbildung durch Schmerz?

Auf der Autobahn, mitten in einer dieser elenden Steigungen bei Pforzheim, werde ich philosophisch: Ist es der Charakterbildung nicht sogar zuträglich, wenn man mit Hindernissen konfrontiert wird? Mit Widerständen und Niederlagen? Gedanklich gehe ich die Bayern-Fans durch, die ich kenne, diese rückratlosen Erfolgsfans in Rot und Weiß, diese meckernden VIP-Kunden, diese bequemen Sky-Gucker. Soll meine Tochter werden wie die? Mir läuft es kalt den Rücken runter.

Alptraum nach dem Derby

Hinzu kommt: Meine Frau unterstützt mein Anliegen mittlerweile. Auch wenn mir ihr Motiv („Dann ich bin euch mal einen Mittag los“) ein wenig egoistisch vorkommt. Und ins Stadion können Vater und Tochter ohne Weiteres nur in Karlsruhe. In der Nacht nach dem Spiel hatte ich übrigens einen schrecklichen Alptraum: Nach der 37. Derby-Klatsche sagte meine Tochter: „Papa, ich werde VfB-Fan!“