Marie Kondo empfiehlt, nur noch Dinge zu behalten, die Freude machen und alles andere auszusortieren. Aber macht Entrümpeln wirklich Freude?
"Aufräumen macht glücklich", schreibt Aufräumspezialistin Marie Kondo. Nach dem rauschenden "Aufräumfest" kommen allerdings Zweifel auf. | Foto: imago images / Panthermedia

#dasauchnoch

Aufräumen nach Marie Kondo: Nein, ein „Aufräumfest“ ist keine Party!

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Ich habe mich bei meinen Socken bedankt, mich in Unterwäsche eingefühlt, mich von Kaffeebechern verabschiedet und beim Anblick einer Grillzange nach der Freude in mir gesucht. Oder anders gesagt: Ich habe meine Bude nach der „KonMari“-Methode aufgeräumt. Warum das nicht funktioniert, mich aber trotzdem glücklicher gemacht hat.

Dass Aufräumen das Leben positiv verändert, wollte mir seinerzeit schon meine Mutter klarmachen. „Dann findest du deine Spielsachen viel besser wieder“, sagte sie.

Es fruchtete nicht.

Etwas energischer unternahm meine – zugegeben äußerst übergriffige – Vermieterin während des Studiums einen neuen Versuch. „Sie brauchen Strukturen zum Studieren“, sagte sie.

Es fruchtete nicht.

Mürbe machte mich letztendlich erst das glückverheißende Versprechen der Japanerin und Aufräumspezialistin Marie Kondo: Nur noch Dinge zu besitzen, die glücklich machen – das klang erstrebenswert. Ich kaufte mir ihr Buch „Magic Cleaning“, das sich zu dieser Zeit bereits über ein Jahr auf der New-York-Times-Bestsellerliste gehalten hatte, und machte mich eifrig ans Lesen. Solange man liest, muss man nicht aufräumen, dachte ich. Beste Voraussetzungen also.

Die mieseste Party meines Lebens

«Aufräumen mit Marie Kondo»
„Aufräumen macht glücklich“, sagt Marie Kondo. Da bin ich mir nicht so sicher – aus Erfahrung.

„Aufräumen macht glücklich“, schreibt Marie Kondo. An dieser Stelle hätte ich skeptisch werden müssen. Doch es dämmerte mir erst, als ich von Marie Kondos sogenanntem Aufräumfest las, dass das Ganze unangenehm werden könnte. Man solle die komplette Wohnung im Rahmen einer gigantischen Entrümpelungsaktion, dem „Aufräumfest“, in einem Rutsch ausmisten, empfiehlt Kondo. Das klang nach der so ziemlich miesesten Party, die ich mir vorstellen konnte: Keine Drinks, kein Tanzen, keine anderen Partygäste. Und am Ende hätte ich nicht mehr davon, sondern weniger. Weniger Dinge eben. Sogar meine Mutter hatte mich damals immerhin mit einem Eis bestochen. Kurzum: Nach dem Kapitel zum „Aufräumfest“ klappte ich das Buch kopfschüttelnd und schaudernd zu. Ich verschob die vermeintliche Party auf den ohnehin bald anstehenden Umzug.

Erster Schritt: Haufen machen

Als es dann ernst wurde mit dem Umzug, gab ich Kondo noch eine Chance. Der Leidensdruck war ohnehin hoch. Denn der gesamte Hausstand musste verpackt und vier Stockwerke hinuntergetragen werden, ob ich wollte oder nicht. Ein bisschen Ballast loszuwerden schien plötzlich erstrebenswerter als jedes Eis der Welt. Also warf ich alle Dinge, die mein Mann und ich besaßen, wie es Kondo empfiehlt, auf verschiedene, thematisch sortierte Haufen, um mir einen Überblick über unseren Besitz zu verschaffen. Der Bücher- sowie der Kleiderhaufen war enorm. Das erkannte ich nicht ohne Stolz.

„Danke, liebe Unterhose!“

Im nächsten Schritt sollte ich jedes Teil in die Hand nehmen und fühlen, ob ich dabei Freude verspürte oder nicht. Alle Dinge, die kein spontanes Freudenfeuer in mir entfachten, sollte ich wegwerfen. Außerdem rät Marie Kondo, sich bei allen Dingen zu bedanken und sie für ihre jeweilige Aufgabe zu würdigen, bevor sie eingeräumt werden. Meine Sachen landeten nun vorläufig so oder so in einem Sack oder Karton, egal ob ich sie wegwerfen oder behalten wollte. Ihnen noch ein paar liebe Worte mit auf den Weg zu geben, erschien mir angesichts dieses Schicksals angebracht. Ich bedankte mich bei meinen Jeans, den Gummistiefeln, der Grillpfanne – die mir allesamt große Freude bereiteten – und packte sie in Kartons. Ich nickte auch den löchrigen Socken aufmunternd und entschuldigend zu, bevor sie im Müllsack verschwanden. Als ich versuchte, mich auf der Suche nach Freude in einen optisch wenig ansprechenden aber praktischen Baumwollschlüpfer hinein zu fühlen, kam mein Mann ins Zimmer und fragte mich, ob ich sie eigentlich noch alle hätte.

Was macht denn nun Freude?

Wenige Wochen später befand ich mich in der neuen Wohnung zwischen Kartons und Kleidersäcken und hatte wirklich nicht mehr alles, aber noch immer vieles. Meine Dinge nach dem Faktor „Freude“ auszusortieren hatte sich als wenig effektiv erwiesen. Zu wenig war dabei durchs Raster gefallen. Oder besser gesagt: Zu viele meiner Sachen machten mir Freude. Ich hatte es mir zumindest erfolgreich eingeredet. Offenbar kennt Marie Kondo auch die exquisite Freude nicht, die es bereitet, mit der ausgestreckten Hand an einer vollbehangenen Kleiderstange oder einem vor Büchern fast berstenden Bücherregal entlang zu streifen. Außerdem stellte ich fest, dass Freude ein zutiefst relatives Ding und damit kein sonderlich guter Ausmist-Maßstab ist. Unter Zeitdruck hatte ich beispielsweise eine alte, ausgeleierte Jogginghose recht freudlos in einen Sack gestopft. Als ich die Buxe nach zwei Tagen in unbequemen Jeans endlich zwischen all den Kleidersäcken und Umzugskartons wiederfand, hätte meine Wiedersehensfreude hingegen nicht größer sein können.

Marie Kondo: „Man kann die richtige Menge von Besitz spüren“

Letztendlich fand ich ein Hintertürchen, das es sowohl mir als auch Marie Kondo erlaubte, hoch erhobenen Hauptes aus diesem Aufräumexperiment hervorzugehen. Man spüre die richtige Menge von Besitz instinktiv, behauptet Kondo nämlich in „Magic Cleaning“. Als ich ein paar Tage später schließlich den letzten Pullover in meine gut gefüllte Kommode hämmerte, erkannte ich freudestrahlend, dass diese Menge an Kleidung für mich absolut richtig ist. Marie Kondo wäre stolz gewesen.

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