Der Ballermann ist nicht für jeden was. Und manchen Menschen ist "Malle ein Mal im Jahr" mehr als genug. | Foto: BNN /  Jens Wolf

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Bier, Busen, Ballermann: Warum „Malle“ ein Mal im Jahr immer noch zu viel ist

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Ich hielt es für eine Bildungslücke eklatanten Ausmaßes. Ungefähr so, wie mit über 30 Jahren noch nie in der eigenen Landeshauptstadt gewesen zu sein. Und – seien wir doch mal ehrlich – eigentlich ist es ja dasselbe: Ich war noch nie am Ballermann. Jetzt ist es raus. Daher habe ich dieses Versäumnis diesen Sommer nachgeholt. Dabei habe ich gemerkt: „Malle“ reicht mir locker ein Mal im Leben. Und keine Ahnung, wer Cordula Grün ist.

„So Mädels, auf uns!“

Drei Damen in giftig-grünen Tanktops prosten sich mit Alkohol in Dosen zu, während die rote Bimmbelbahn gemächlich in Richtung Ballermann zuckelt. Meine Freundin und ich sitzen im letzten Wagen. Es ist nach 22 Uhr. Das ist eine gute Weggeh-Zeit dachten wir. Und wir sind – bis auf den Chardonnay zum Abendessen – noch weitgehend nüchtern. Großer Fehler.

Trinken bis zum letzten Hemd

Als wir kurz darauf in die heiligen Hallen des „Bierkönig“ – und direkt in eine klebrige Bierpfütze – treten, erkennen wir, dass uns alle anderen schon weit voraus sind in Sachen Alkoholkonsum. Über unseren Köpfen werden Bierkrüge mit Bier und anderen alkoholischen Füllungen zu „Die allergeilste Insel“ von DJ Düse geschwenkt. Manche haben sich aus den langen Strohhalmen bereits einen aufsehenerregenden Kopfschmuck gebastelt.

Einen kurzen Moment lang sind wir unschlüssig, von welchem Getränk wir uns wohl einen ganzen Ein-Liter-Humpen hinter die Binde kippen können ohne sofort der Muttersprache verlustig zu gehen. Aber für Ein-Liter-Longdrinks gibt es ein T-Shirt als Trophäe und das ist ein Anreiz. Wir bestellen also einen Liter Gin Tonic.

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Nasenbluten und Druckbetankung

Kurz darauf sitzen wir auf Barhockern an einem kleinen klebrigen Tisch. Neben uns bauen fünf Jungs um die 20 eine Pyramide aus leeren Schnapsgläsern. Zwei taumeln, einer rollt die Augen, einer sabbert, der fünfte hat heftig Nasenbluten. Der mit dem Nasenbluten lacht aber noch.

Am Tisch auf der anderen Seite spuckt ein Mann seinem Kumpel gerade Sangria ins Gesicht, dann umarmen sich beide. „I love Malle“ singt Peter Wackel. Meine Freundin und ich trinken immer schneller unseren Gin Tonic, bevor sich noch jemand in unsere Richtung übergibt. Ein paar unserer Tischnachbarn sehen nämlich verdächtig danach aus.

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Der Ballermann und die nackten Frauen

Im Megapark verpassen wir um ein Haar den Auftritt der „Sixpacks“, der Stripper-Gruppe um Marc Terenzi. Dabei wäre das unsere einzige Chance gewesen, halbnackte (oder nackte?) Männer am Ballermann zu sehen. Wenn man das denn wollte. Ansonsten gibt es am Ballermann nämlich nur halbnackte Frauen. Alle „normschön“: vollbusig, langbeinig und selbstverständlich in Unterwäsche und High Heels. Zu „Ballermann-Hits“ wie „Beate die Harte“ oder „Belinda – die geilste Sau auf Tinder“ müssen sie stundenlang auf Tischen mit dem Hintern wackeln und sich von Betrunkenen begaffen lassen. Wer glaubt, dass „das mit dem Genderwahn“ und „diesem Metoo-Zeugs“ jetzt „langsam auch mal gut ist“, war offenbar noch nicht am Ballermann. Oder schlimmer: Er findet das auch noch irgendwie okay.

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Auf der Pirsch im Oberbayern

Auf der Tanzfläche im Oberbayern herrscht hingegen große Harmonie, als wir dort ankommen. Männer und Frauen liegen sich gerade bei Nenas „99 Luftballons“ in den Armen. Manche Partygäste sind aber auch augenscheinlich auf der Pirsch. Sie lehnen lässig an den Säulen auf der Tanzfläche oder an der Bar, taxieren die Tanzenden mit Blicken und warten auf ihren Einsatz.

Bei „Ich verkaufe meinen Körper“ (ganz, ganz billig, ganz, ganz billig) von Peter Wackel ist es dann soweit. Man geht auf Tuchfühlung. Ist ja auch ein unschlagbares Angebot. „Ganz, ganz billig“ ist schließlich nicht teuer.

Der praktische Nutzen der Ballermann-Hits

Die „Malle-Hits“ sind da im Übrigen ganz praktisch. Schäbige Anmachsprüche muss keiner selbst raushauen, das erledigt die musikalische Untermalung. Man braucht eigentlich nur mitzusingen und dadurch Bereitschaft zu signalisieren. Der Text ist schnell gelernt. Irgendwann kommt immer eine Stelle mit „dödödö“ oder „schalala“. Das geht sogar dann noch, wenn man sich an einem Abend die ganze diesjährige Bierkönig-T-Shirt-Kollektion ersoffen hat.

Als schließlich und endlich „Cordula Grün“ läuft, tun meine Freundin und ich in stillem Einvernehmen so, als hätten wir jetzt wirklich alles erlebt und könnten jetzt beruhigt schlafen gehen. Insgeheim sind wir beide erleichtert, dass es vorbei ist.

Man traut sich aber nicht so richtig, das auf dem Ballermann auszusprechen – man fühlt sich wie ein Spielverderber. Denn alle anderen haben offensichtlich den Spaß ihres Lebens.

Dass der Ballermann nicht so ganz unseren Geschmack getroffen hat, werden wir uns eine halbe Stunde später im Hotel erzählen. Vielleicht bei einem Chardonnay.

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