Eine Morgenroutine soll dabei helfen, morgens schneller in die Gänge zu kommen. Aber ist das wirklich für jeden was?
Eine Morgenroutine soll dabei helfen, morgens schneller in die Gänge zu kommen. Aber ist das wirklich für jeden was? | Foto: imago images / Panthermedia / BNN

#dasauchnoch

Das Morgengrauen: Eure Morgenroutine könnt ihr behalten!

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„Der frühe Vogel fängt den Wurm“, heißt es. Soll er doch, sage ich. Auch dass die X erfolgreichsten Menschen der Welt alle noch vor dem ersten Hahnenschrei um 5 Uhr morgens bereits ein Unternehmen gegründet, ihre Steuererklärung gemacht und ihr Mittagessen vorgekocht haben, lässt mich vollkommen kalt. Ich bin gerne lange wach und schlafe morgens dafür gerne länger. Trotzdem höre ich ständig, ich bräuchte eine Morgenroutine. Und damit eben auch den Morgen. Aber wozu?

Spätestens mit der diesjährigen Ausgabe des „Dschungelcamps“ war sie in aller Munde, die Morgenroutine. „I am strong, healthy und full of energy“ brüllte Motivationsbolzen Bastian Yotta jeden Morgen und immer mehr Mitcamper und Zuschauer schlossen sich an – entweder aus Überzeugung oder möglicherweise auch aus Angst.

Und man kann es drehen und wenden wie man will: Frühaufsteher sind in unserer Gesellschaft eindeutig besser angeschrieben als Langschläfer. „Nachteulen“ wie ich gelten als faul und chaotisch. Keiner glaubt, dass wir unser Leben im Griff haben können, wenn wir erst aus den Federn steigen, wenn die Sonne bereits hoch am Himmel steht. Kein Wunder also, dass die Morgenroutine-Gurus mich irgendwann doch kleinkriegten bei all diesen miesen Anschuldigungen.

Das Drill-Programm für Geist und Körper

Wer um 5 Uhr aufsteht, hat mehr Zeit – das ist simpelste Mathematik. Die morgendliche Extrazeit clever genutzt soll dabei helfen, den müden Geist und den schlaffen Körper in Gang zu kriegen. Damit wir die Leistung dann besser und schneller auf die Straße bekommen als die Nicht-Morgenroutinler. Was genau dabei jeden morgen zu tun ist, variiert. Ich habe mir eine Art Rundum-Programm ausgesucht. Wenn ich schon total übermüdet sein muss, um volle Leistung zu bringen, dann will ich auch die volle Ladung Müdigkeit. Und Leistung.

Als der Wecker an Tag 1 um 5 Uhr klingelt, reißt er mich aus einem derart tiefen Schlaf, dass ich – körperlich und geistig völlig fassungslos – erschrocken aus dem Bett hechte. Schlagartig wird mir klar, wo das Wort „Morgengrauen“ seinen Ursprung hat. Teil 1 meiner auserwählten Morgenroutine kommt daher wie gerufen: eine halbe Stunde Meditation. Um den Geist zu beruhigen und entspannt in den Tag zu starten.

Mein Tag hätte entspannter begonnen, wenn ich mich nicht eigenhändig zur Unzeit aus dem Bett hätte werfen müssen, denke ich kurz. Dann nicke ich im Schneidersitz auf meiner Yogamatte kurz weg und kassiere dafür Nackenschmerzen, die sich gewaschen haben.

Pflichtübung in Dankbarkeit

Danach folgt die Bewegungseinheit: eine halbe Stunde Yoga. Das ist okay, denke ich. Ich mag Yoga. Aber auch dieses Gesetz scheint in meinem Fall vor 6 Uhr morgens außer Kraft zu sein – genau so wie ich. Die Sonnengrüße, die die Youtube-Yogalehrerin ansagt, wollen kein Ende nehmen. „Und jetzt schenkt euch selbst ein dickes, fettes Lächeln“, sagt sie beim herabschauenden Hund. Ich habe alle Mühe, sie nicht anzubellen.

Schritt 3 meiner Morgenroutine ist der tägliche Eintrag im sogenannten Dankbarkeitstagebuch. Dort soll ich jeden Morgen drei Dinge eintragen, für die ich heute dankbar bin. Das soll die Zufriedenheit steigern. Ich könnte für meinen Ehemann dankbar sein, denke ich. Der ist ja an sich ganz super. Aber beim Gedanken daran, wie dieser nebenan noch selig schlummert, befällt mich ehrlicherweise ein ganz anderes Gefühl. Selbes Spiel beim Gedanken an meine Katzen.

Die Uhr tickt und ich habe noch mehr Programm abzuarbeiten. Daher entscheide ich mich für „Bett“, „gutes Wetter“ und „allgemeine Gesundheit“. Wetter, Gesundheit und Bett gehen immer.

Danach warte ich kurz darauf, dass mich die warmen Wogen der Dankbarkeit umfangen. Sie tun es nicht.

Wenn die Routine zu Stress wird

Wegen der dämlichen Dankbarkeit stehe ich an diesem Tag später unter der Dusche als üblich. Das Ganze artet langsam aber sicher in Stress aus, finde ich. Ich muss mir schließlich noch einen Haferbrei zubereiten, einen Smoothie mixen und meine „Intention für den Tag“ setzen. Das ist die eine große Aufgabe, die mir heute am wichtigsten ist. Aus Effizienzgründen streiche ich den Brei und den Smoothie und setze alles auf Kaffee. Nicht erlaubt – aber effektiv.

Das rettet mich in der Hinsicht, als dass ich nicht zu spät zur Arbeit komme. Als der PC hochfährt, habe ich keine Lust. Ich habe das Gefühl, heute schon einen großen Teil meines Akkus verbraucht zu haben – oder vielmehr: vergeudet.

Das Allerschlimmste ist aber, dass ich am späten Abend – meiner Lieblingszeit des Tages – hundemüde bin. Natürlich könnte ich nun früher ins Bett gehen, um früher aufstehen zu können und auf diesem Weg allmählich zu einem gesellschaftlich angesehenen Frühaufsteher heranzureifen. Aber ich will nicht.

Auch Langschläfer haben Liebe verdient

Ich habe meine Morgenroutine ganze drei Tage durchgezogen. Eher zweieinhalb. Am dritten Tag bin ich nach der Meditation wieder ins Bett zurück gekrochen, habe mich genüsslich unter die Decke gezwirbelt und mir selbst ein dickes, fettes Lächeln geschenkt.

Sollen die frühen Vögel ihre Würmer alleine fangen. Sollen sie mich für faul und chaotisch halten. Das macht mir nichts aus. Denn mittlerweile weiß ich, dass die Morgenroutine-Fans schlafen müssen, wenn ich nach Mitternacht noch meine Steuererklärung mache, Wäsche zusammenlege oder … ein Unternehmen gründe(n könnte).

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