Echte Kerle rasieren sich mit Messern und benutzen Männershampoo? Oder ist das doch viel eher eine Marketing-Masche? | Foto: imago images / Westend61 / BNN

#dasauchnoch

Der wahre Genderwahnsinn tobt im Badezimmer

Anzeige

Dass Babys, die sich sowieso kaum wehren können, je nach Geschlecht in hellblau oder rosa Verpackungen eingewickelt werden, ist mies. Während Frauen aber das Pink bis ins hohe Alter nie so richtig los werden, wuchsen Männer bislang tatsächlich irgendwann – vermutlich mit dem ersten Vollbart – aus ihren hellblauen Stramplern heraus. Das scheint sich jetzt zu ändern. Männer müssen aufpassen, nicht in dieselbe Falle zu tappen wie dereinst die Frauen.

Rasierer speziell für Frauen sind pink und deswegen teurer. Shampoo und Pflegeprodukte für Frauen sind manchmal pink, entbehren aber niemals Eigenschaften, die ganz speziell auf Frauen zugeschnitten sein sollen. Sie verleihen Haaren entweder Prinzessinnenglanz, glitzern oder duften nach Erdbeertörtchen. Sie pflegen die Haut „seidenweich“, sie verleihen „Glow“. Sie kosten häufig mehr Geld.

Es verwundert vielleicht ein bisschen, dass die Drogerien erst jetzt auch mit den Männern ihren Reibach machen wollen. Bislang nahm man wohl an, dass die „echten Kerle“ für Pflege nicht viel übrig haben und man sich die Mühe deswegen sparen kann. Männer tragen ihren Schweißgeruch eben mit Stolz, waschen sich höchstens in eiskalten Gebirgsbächen, rasieren sich mit der Kettensäge und schrubben sich die Haut mit der Asche ihrer im Kampf besiegten Feinde ab. Dachte man vielleicht.

Aber plötzlich gibt es sie doch, die Pflegeprodukte für den „echten Kerl“. Und sie befeuern ähnlich hanebüchene Klischees wie die auf Frauen zugeschnittenen Feenstaub-Produkte.

Shampooflaschen wie Handgranaten

Die Shampooflaschen sind natürlich mindestens blau, wenn nicht gar grau oder schwarz. Sie erinnern an Maschinen, Werkzeuge und mittelalterliche Waffen und könnten locker in der Garage neben dem Motoröl, dem Scheibenreiniger und dem Unkrautvernichter stehen, ohne aufzufallen. Wer sich mit „echtem Männershampoo“ die Haare wäscht, verströmt hinterher einen Duft wie ein brünftiger Moschusochse – egal ob das Haupthaar einem vollbärtigen Holzfäller oder einem Zwölfjährigen mit erstem Oberlippenflaum aufsitzt.

Auch die „echten Männerprodukte“ sind natürlich teurer als die geschlechtslosen Standardprodukte. Sind wir wirklich dumm genug, schon wieder auf diese Masche reinzufallen?

Echte Männer können auch nach Vanille duften

Aber die Marketingmaschinerie hat da einen Punkt. Männern wird nämlich häufig noch in ihrer Hellblauer-Strampler-Zeit eingebläut, dass sie sich von weiblich zugeschriebenen Produkten fernzuhalten haben, als wären diese ansteckend. Als könnte man sich mit Feminismus infizieren, wenn man aus versehen die rosa Shampooflasche benutzt. Als fielen Männern dadurch plötzlich alle Vollbarthaare aus und sie würden wie Disneyprinzessinnen zu singen anfangen. Wie peinlich.

Wirksamen Schutz vor der Feminisierung des Männerlandes bieten nur die männlichen Produkte. So lautet zumindest die Legende, die die Drogerien seit einiger Zeit unters Volk bringen. Und die sie sich gut bezahlen lassen.

Dabei wäre doch eigentlich nichts dabei, wenn Männer auch mal nach Vanille oder Kokos duften würden anstatt nach Ochsensekreten. Wenn echte Männlichkeit durch gegenderte Pflegeprodukte bewiesen werden muss, dann kann es mit dieser vielleicht auch gar nicht so weit her sein. Gilt im übrigen auch umgekehrt für die Frauen. Sofern einem „echte Männlichkeit“ oder „echte Weiblichkeit“ überhaupt so wichtig ist.

Eine große Chance für echte Kerle

Letztlich liegt die Macht ja doch beim Kunden. Werden Männer-Produkte gekauft, wird es sie eben geben. Die Frauen sind ja bereits darauf reingefallen und finden kaum noch Produkte ohne Feenstaub-Aufpreis. Der Nachteil wird dann nur sein, dass Frauen nicht mehr auf günstigere nicht-weibliche Produkte zurückgreifen können, weil diese dann genau so teuer sind – nur eben blau.

Männer hätten hier also eine echte Chance, einige Frauen in Nöten zu retten. Zumindest finanziell. Mögen sie sie nutzen! Solange mein Mann ab und zu noch nach Erdbeertörtchen duftend aus der Dusche kommt, gebe ich die Hoffnung zumindest nicht auf.

Worum geht es hier?
Unsere Kolumnistinnen wagen sich in das Gestrüpp des Lebens auf der Suche nach dem, was glücklich macht. Warum und wer hier schreibt, das steht hier.
Bisher erschienen folgende Beiträge:
Aufräumen nach Marie Kondo: Nein, ein „Aufräumfest“ ist keine Party!
Von der nie endenden Suche nach dem Streaming-Glück oder: Was schaut ihr so?
Eine Detox-Kur ist kein Zuckerschlecken: Algenwasser statt Kaffee
Instagrammable Erinnerungen: Mehr Foto, weniger Urlaub
Prestigeobjekt Heiratsantrag: Ein Ring, sie zu knechten …
Bier, Busen, Ballermann: Warum ein Mal „Malle“ im Jahr immer noch zu viel ist
Wenn der Bauchzwerg Kugelzeit hat: Warum mir Mütter Angst machen