Ein Glas mit einem grünen Gebräu aus Algen gehört dazu, wenn man richtig entgiften will. Schmecken muss es deswegen allerdings noch lange nicht. | Foto: imago images / Panthermedia / BNN

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Eine Detox-Kur ist kein Zuckerschlecken: Algenwasser statt Kaffee

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Kann man eine ausgeprägte Koffein-Sucht in einem Detox-Retreat kurieren? Ich bin ein Koffein-Junkie und mache den Versuch, den stets mit Koffein vollgepumpten Körper radikal zu entgiften. Eine Detox-Woche soll zeigen, ob der Tausch von Kaffee, Zucker und Brot gegen Algensaft, Gemüse und sehr viel Yoga hilft. So viel sei vorab verraten: Ich habe überlebt. Immerhin.

Wer entgiften muss, der muss sich zuvor irgendwie vergiftet haben. Dass da bei mir etwas gar nicht rund läuft, wird mir klar, als ich eines Tages auch nach dem fünften Kaffee noch so müde bin, dass ich beinahe mit meinem Gesicht auf der Schreibtischplatte aufschlage. Wie bei jedem Süchtigen hat sich meine tägliche Kaffeedosis schleichend erhöht, bis ohne Koffein im Blutkreislauf überhaupt nichts mehr geht.

Höchste Zeit für eine Intervention.

Klangschalen und Zitronenwasser

Schon kurz nach dieser Erkenntnis checke ich in einem hübschen Retreatcenter inmitten der malerischen Umgebung der Algarve ein. Ein bisschen sieht es aus wie auf dem Cover eines Reiseführers. Bunte Hängematten, Palmen, der Duft von Räucherstäbchen in den Fluren und überall Yogis mit entrücktem Lächeln auf dem Gesicht. Wirklich geruhsam geht es dort jedoch nicht zu, wie ich schnell feststelle. Jeden Morgen um 6.45 Uhr werde ich vom Gong einer Klangschale geweckt, danach bleiben exakt 15 Minuten, um sich in Yogaklamotten zu werfen und sich ein Glas warmes Zitronenwasser hinter die Binde zu kippen. Danach eine halbe Stunde meditieren, um im Anschluss eineinhalb Stunden Yoga auf der Matte zu absolvieren. Erst dann gibt es den täglichen Quinoa-Brei zum Frühstück.

Algenshots und „edles Schweigen“

Bis zum Mittagessen stellt man mich vor die Herausforderung, einen Weg zu finden, mir drei Detox-Shots einzuflößen: Grüne Algen namens Spirulina, Flohsamen in Apfelsaft und ayurvedisches Triphala-Gewürz in Pulverform. All das möchte schnellstmöglich mit Wasser die Kehle hinuntergespült werden, bevor der Würgereflex eintritt.

Nach weiteren zwei Stunden Yoga am Abend winkt ein Abendmahl aus Suppe und Gemüse. Eine kärgliche Belohnung für den Tag. Danach darf aus Gründen der inneren Einkehr bis zum Frühstück nicht mehr gesprochen werden.

„Noble Silence“ nennt die Retreat-Leiterin das, also „edles Schweigen“.

Es ist allerdings nicht viel Edles am Schweigen, wenn man seine beiden Zimmergenossinnen ohne Worte fragen muss, ob sie jetzt auf die Toilette müssen oder ob man selbst gehen könne, weil es möglicherweise länger dauere. Die Algen … und so.

Durch das Jammertal

Ich hatte die besten Absichten. Doch bereits am zweiten Morgen ohne Koffein und Zucker bin ich so übel gelaunt, dass ich darüber phantasiere, der Yoga-Lehrerin ihre Klangschale aus den Händen zu schlagen und ihr – gänzlich unedel – „Gib mir endlich Kaffee“ ins Gesicht zu schreien.

Kopfschmerzen und Muskelkater sind meine ständigen Begleiter. Mein verweichlichter Körper lechzt danach, wie gewohnt mit Schokolade in der Hand mit einer Couch zu verschmelzen, statt sich immer wieder bewegen und verrenken zu müssen. Immer wenn ich in das Glas mit dem giftgrünen Algenwasser blicke, frage ich mich, was zur Hölle ich hier eigentlich tue.

Der Kampf um Nahrung

Das tägliche Schälchen mit Trockenfrüchten wird schnell zum Zankapfel der Gruppe. Schon nach dem Frühstück schleichen wir wie hungrige Raubtiere um die getrockneten Feigen herum und stopfen sie uns wie Hamster in die Backen. Überhaupt ist da eine Sehnsucht nach bissfestem Essen. Als es an einem Abend Kartoffeln gib, sehe ich Mordlust in den Augen meines Gegenübers auflodern, als ich mir eine zweite Portion genehmige. All das wird besser werden, verspricht die Retreat-Leiterin. Am vierten Tag soll es uns so gut gehen wie noch nie.

Der „Glow“

Als ich den vierten Tag erreiche, würde ich allerdings noch immer mein Leben für einen Kaffee und ein Stück Schokoladenkuchen geben. Erst am fünften Tag beschleicht mich die Lust auf einen Spaziergang. Und das trotz des schweißtreibenden Krieger-Dreieck-Halbmond-Workouts am Morgen. Ich lasse sogar die getrockneten Feigen links liegen.

Am sechsten Tag könnte ich Bäume ausreißen oder sie umarmen (was die Yogis um mich herum wohl besser gefunden hätten). Die Retreat-Leiterin befindet sich nicht länger in Gefahr, bei ihrem morgendlichen Klangschalenkonzert von mir attackiert zu werden. Und meine Mitbewohnerinnen bescheinigen mir sogar einen „Glow“ – ein Strahlen – als ich von meiner Algen-Flohsamen-Ayurveda-Gewürz-Einheit zurückkomme.

Das Leben nach dem Detox

Gereinigt und entgiftet entschwebe ich nach sieben Tagen Detox-Kur geradewegs in eine Pommesbude. Die Pommes schmecken so gut, als wären sie im Himmel frittiert worden. Aber das altvertraute bleierne Gefühl im Magen und die Sehnsucht, den müden Kopf auf der Tischplatte abzulegen, wecken ungute Erinnerungen. Vielleicht würde es zum Abendessen eine Gemüsesuppe geben. Aber ein Kaffee nach dem Essen würde dann sicher nicht schaden.

Vielleicht auch eine Kanne.

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