Instagram Budapest Fischerbastei
Mehr Urlaub oder mehr Foto?

#DASAUCHNOCH

Instagrammable Erinnerungen: Mehr Foto, weniger Urlaub

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Wie verändert sich ein sommerlicher Wochenendtrip, wenn der Städteausflug möglichst instagrammable in Szene gesetzt werden soll? Ich habe in Budapest versucht, das perfekte Bild für Instagram zu machen. Am Ende ist die Anzahl der Fotos identisch mit meinen Augenringen.

Früher hieß es nach dem Urlaub oft: „Du bist ja gar nicht braun geworden. Dein Urlaub war nicht so gut, oder?“. Eine Floskel, die ganz schnell meine Begeisterung über den Urlaub zusammenschmelzen ließ. Ein Gefühl, als wäre ich mit einem schönen Eis in die finnische Sauna geschickt worden. Mit viel Frust als Ergebnis davon. Heute sehne ich mich manchmal nach dieser abgedroschenen Frage, auf die ich stets lustlos nuschelnd mit „Ich bin halt mehr der Schneewittchen-Typ“ antwortete.

Inzwischen höre ich nach dem Urlaub andere Dinge, nämlich: „Zeig mir mal deine Fotos“ oder noch schlimmer „So toll waren deine Instagrambilder aber nicht“.

Tja, wehe dem, der nicht das perfekte Bild vorzuweisen hat. Ein guter Urlaub war es ja angeblich nur, wenn es auf dem Foto auch wirklich schön aussieht. Doch was bedeutet es, auf die Jagd nach diesen sehnsüchtig-schön in Szene gesetzten Bildern zu gehen? Und wie verändert es die Reise?

Beim nächsten Städtetrip will ich es wissen

Es geht in die Fotodestination Budapest. Instagram ist voll mit perfekten Motiven, die in dieser Stadt fotografiert wurden. Kein Wunder bei der traumhaften Flusslage und den bezaubernden Gebäuden wie der Fischerbastei, die wie für Instagram gebaut scheinen.

Eine #nofilter-Kulisse quasi.

Mehr zum Thema: Leser können beim Sommerrätsel eine Flusskreuzfahrt auf der Donau gewinnen – inklusive Stopp in Budapest.

Die richtige Vorbereitung inklusive überfülltem Handgepäck

Ich beginne auf Instagram eine Sammlung anzulegen. Darin bewahre ich alle Motive auf, die mir gut gefallen und die ich gerne genauso fotografieren möchte. Instagram lebt ja schließlich von Nacherzählungen, was Accounts wie Insta-Repeat mit Fotocollagen nacherzählter Bilder groß werden ließ.

Das nächste Dilemma: das Packen. Ein Flug mit Handgepäck ist nicht wirklich ideal, wenn man als Frau schöne Fotos machen möchte, denn dafür braucht man offenbar einiges an „Werkzeug“. Es ist zwar Sommer und die Kleider sind dünn und leicht, aber für ein Abendkleid, Lockenstab und Co. reicht der Platz im Koffer trotzdem nicht. Gut, das mein Hut – ja, Hüte sind DAS Accessoire auf Instagram – einen Bändel hat, sodass ich ihn an der Rucksackschlaufe festmachen kann.

Ankommen in Budapest: Es geht los

Angekommen in Budapest treffe ich auf meine Verbündete: Meine Freundin, die Fotos machen muss. Der Einstieg ist schon mal entspannt. Am ersten Abend lassen wir die Kamera mehr oder weniger in der Tasche. Schließlich gilt: Schöne Fotos macht, wer die Kulisse für sich allein hat.

In einer Hauptstadt wie Budapest im Hochsommer bedeutet das: kurz nach Sonnenaufgang. Also mitten in der Nacht. Der Abend endet mit zurückhaltender Vorfreude auf den nächsten Tag. Schuld daran ist mein Wecker.

Er steht auf 5 Uhr. Das ist rund zwei Stunden früher, als ich an einem normalen Arbeitstag aus dem Bett falle.

Herzlichen Glückwunsch an mich selbst zu dieser Schnapsidee.

Schöne Fotos und Urlaub: Für Spätaufsteher ein Widerspruch

Als mein Handy um 5 Uhr penetrant klingelt, dringt lautstarkes Singen an mein Ohr. Eine Gruppe lacht. Die Bar nebenan schließt gerade. Taxis stehen in der Straße und befördern nach und nach die Gäste der Clubs nach Hause. Ich stehe auf und gehe ans Fenster. Von da starre ich ungläubig mit müdem Blick auf die Straße. Die da unten dürfen nach Hause und schlafen. Ich muss aufstehen. Urlaub ist das nicht. Ich will zurück in mein Bett. Ich stelle Kaffee auf. Den brauche ich heute. Am besten intravenös.

Eine halbe Stunde später ziehen meine Freundin, die genauso mit der Zeit zu kämpfen hat wie ich, die Tür hinter uns zu und wir fahren, um sechs Uhr morgens, zum Ziel: ins Freibad. Genaugenommen in ein über 100 Jahre altes Heilbad mit entsprechender Kulisse.

Wir laufen zur U-Bahn und passieren tanzende und singende Mädchengruppen, Betrunkene, die keinen Schritt mehr gerade laufen können und müde gefeierte, ziemlich derangierte Gestalten.

Heilbad als Fotokulisse

Um kurz vor sieben stehen wir im Badeoutfit in der Umkleide. Wir fragen uns, ob wir eigentlich verrückt sind und hoffen, dass es sich lohnt.

Dann kommt es anders als gedacht. Die Touristen haben uns zwar den Gefallen getan und sind im Bett geblieben, trotzdem sind die Becken voll mit schwimmenden Menschen: meist Rentner mit Badekappe. Statt es ihnen nachzumachen und ebenfalls in das Nass zu hüpfen, flip-floppen wir an den Beckenrändern entlang und suchen Fotospots.

Rund eine Stunde dauert es, bis wir einigermaßen zufrieden sind.

Instagram Budapest Szechenyi-Heilbad
Das erste Ergebnis, der Instagram-Reise in Budapest. | Foto: Privat

Wir haben alles für das perfekte Foto getan: Wir haben das Schwimmerbecken verbotenerweise ohne Badekappe betreten, mehrere Menschen verscheucht und vermeintlich instagram-würdige Posen im Becken ausprobiert. Als wir fertig sind, können wir das berühmte Széchenyi Thermalbad genießen und betrachten schmunzelnd die später gekommenen Gäste, die ebenfalls ein Foto als perfekte Erinnerung mitnehmen wollen. Diese Amateure!

Trotzdem fragen wir uns, ob wir auch so albern und verkrampft beim Fotografieren ausgesehen haben wie sie.

Unerwartete Bilder sind oft die Schönsten

Der Rest des Tages wird entspannter. Pläne werden geschmiedet. Essen wird fotografiert. Bis der Tiefpunkt kommt: Beim Mittagessen im israelischen Hipsterrestaurant fallen mir die Augen zu. Immerhin schaffe ich es gerade so, nicht einzuschlafen und mit dem Kopf im Hummus-Teller zu landen.

Dann folgt ein unerwartetes Highlight: Der Besuch der Dachterrasse eines Hotels wird dank der Farben zu einem wunderschönen Fotospot.

Instagram Budapest St. Stephans-Basilika
Unerwartet schön: Die Dachterrasse eines Hotels mit Traumblick. | Foto: Privat

Wetterwechsel: endlich Urlaubsgefühle

Nach dem ersten Tag geht es spät ins Bett. Ein lautstarkes, sommerliches Gewitterpoltern und die Hitze im Dachgeschoss lassen uns nicht schlafen. Viel zu schnell ist halb sechs. Der Wecker klingelt erneut penetrant. Rücksicht scheint ein Fremdwort für ihn zu sein. Ich starre ihn wütend an und will gerade auf Schlummern umstellen, als ich Wolken vor dem Fenster bemerke.

Voller Hoffnung hüpfe ich aus dem Bett. Erleichtert blicke ich auf einen wolkenverhangenen Himmel.

Welch Freude. Eine graue Wolkendecke ist nicht fotogen, die Fotografie wird auf den nächsten Tag verschoben. Als ich wieder im Bett liege, kommen Urlaubsgefühle auf. Wie herrlich ein Tag ist, wenn er ohne Fotografenstress startet!

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: auf zur Fischerbastei

24 Stunden später zerstört erneut der hartnäckige Wecker die nächtliche Stille. Halb sechs. Mittlerweile beginne ich, mich auf Zuhause und mein entspanntes Sieben-Uhr-Leben zu freuen.

Doch der wahre Instagram-Moment steht jetzt erst bevor. Eine erneute Verschiebung ist nicht möglich, auch wenn sich wieder Wolken über den Himmel schieben. Irgendwo blitzt kurz die Sonne hervor. Vielleicht erwischen wir ja einen blauen Moment.

Als wir die Fischerbastei mit ihren wunderschönen Fensterbögen und dem Blick auf das berühmte Parlament der Stadt erreichen, lernen wir zwei Dinge:

  • Wer alleine sein will, muss früher aufstehen.
  • Wer um 6 Uhr noch nicht beim Stylisten und Visagisten war und zudem keinen professionellen Fotografen dabei hat, ist ein blutiger Anfänger.
Instagram Budapest Fischerbastei
Ob Tor- oder Fensterbögen: Die Kulisse der Fischerbastei ist ab 8 Uhr überfüllt. | Foto: Privat

Wer fotografiert denn da?

Vor Ort treffen wir auf folgende Fotogrüppchen, die schon vor uns da sind und fleißig Bilder erstellen:

Die erste und größte Gruppe besteht aus jeweils zwei bis drei Frauen im Alter zwischen 14 und 50, die sich gegenseitig fotografieren. Optisch liegen sie zwischen „Budapester Sommerkleid-Liebe“ und „für eine Hochzeitsfeier zurechtgemacht“. So mancher Tag muss hier weit vor unserem begonnen haben, zumindest sprechen das aufwendige Make-up und die Frisuren der Instagrammerinnen dafür.

Die zweite Gruppe machen die berühmten Instahusbands und ihre Frauen aus. Er fotografiert – oft mit gequälten Gesicht. Sie lächelt umso mehr und hofft, dass er alles richtig macht. Ihr Blick verändert sich dabei im Sekundentakt. Schwankend zwischen perfekt zur Schau gestellter Freude und purer Panik, dass der Partner versagen könnte. So wechselhaft wie ein 80er-Jahre-Testbild.

Die dritte Gruppe besteht aus jungen Männerduos. Jeweils im gerade angesagten Fashionlook angetreten, um sich wie einst Modells für den Quelle-Katalog, so richtig vor schicker Kulisse zu präsentieren. Ihr Anblick wirft die Frage auf, ob die Kataloge überlebt hätten, wenn sie es besser geschafft hätten, diese neu entstandene Szene an Models für sich zu nutzen.

Hoch leben: Visagisten, Stylisten, Fotografen

Die nächste Gruppe ist perfekt: perfekt zurechtgemacht, perfekt in Szene gesetzt. Bei ihrem Anblick liegt die Frage nahe, ob Visagisten und Stylisten so früh schon arbeiten oder ob diese Protagonisten eigenes Personal auf der Reise dabei haben, welches sie zurechtmacht.

Eine Familie hat das jüngste „Model“ dabei. Ein etwa fünfjähriges Mädchen, das mit seinen Zöpfchen in den Brückenbögen der Fischerbastei sitzt und stolz lächelnd der Fotografin entgegenblickt. Die Kamerafrau leitet die stets lachende perfekte Familie an.

Zwei Asiatinnen haben sich einen brüllenden männlichen Fotografen ausgesucht, dessen Befehle ein bisschen wie Militäransagen klingen. Ihr Fotograf hat gleich mehrere Kameras dabei: eine auf dem Stativ, eine um den Hals hängend und eine in der Hand. Die Asiatinnen stellen ihre Abendkleider perfekt zur Schau. Wirbeln nach Befehl. Lachen auf Ansage. Posen fast ein bisschen verzweifelt. Als wäre ihr Leben ohne das perfekte Foto weniger schön.

Es ist kurz nach sieben und schon jetzt ist Schlange stehen und Geduld angesagt. Immerhin nehmen alle Grüppchen Rücksicht aufeinander. Je nach Spot sieht man die anderen trotzdem im Bild.

Dennoch lohnt es, früh da zu sein. Die Zeit rast. Schnell ist eine Stunde vorbei und wir verlieren unseren zeitlichen Vorsprung.

Punkt acht Uhr geht der touristische Alltag los. Jetzt wäre kaum noch eines der Fotos möglich. Busse kommen, die Touristen im Minutentakt ausspucken.

Als wir unser Shooting beenden, bin ich amüsiert, erschreckt und zugleich traurig. Für uns geht es nach Hause. Wissend, dass mit dem Sonnenaufgang in Budapest am nächsten Tag die Instagram-Fotografen wieder ausschwärmen. Dann ohne uns. Dafür sind unsere Bilder dann vielleicht schon sortiert oder gar bearbeitet. Denn mit der Fotografie allein ist das Werk längst nicht getan …

Instagram Budapest Fischerbastei
Kurz blitzt der blaue Himmel auf und die Instagram-Kulisse der Fischerbastei in Budapest zeigt sich in ganzer Pracht. | Foto: Privat

Hat sich das frühe Aufstehen gelohnt?

Als Langschläfer wären viele Bilder nicht möglich gewesen. Frühaufsteher stehen, was Instagram-Fotos angeht, definitiv auf der Sonnenseite des Lebens. Ich als Eule dagegen werde immer mit dem inneren Schlafteufel Zwiegespräche führen. Schlafteufel links, Fotoengel rechts. Wer gewinnt? Das muss jede Reise erneut zeigen.

Nachtrag: Nachdem Urlaub stellt sich die Frage, ob das Liegenbleiben am „Schlechtwettertag“ vielleicht ein Fehler war. Die schwedische Instagrammerin Christine mit fast 100.000 Followern war gleichzeitig in der Stadt und veröffentlichte folgende Bilder, ganz nach dem Motto „das hätte dein Foto sein können“:

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I never get tried of this view ✨

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