Wer plant, seine bessere Hälfte um ihre Hand zu bitten, darf sich beim Heiratsantrag nicht lumpen lassen. | Foto: imago images / AFLO / BNN

#dasauchnoch

Prestigeobjekt Heiratsantrag: Ein Ring, sie zu knechten …

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Wer plant, seine bessere Hälfte um ihre Hand zu bitten, darf sich beim Heiratsantrag nicht lumpen lassen. Der perfekte Sonnenuntergang am Strand, eine romantische Ansprache, die selbst Shakespeare vor Ergriffenheit zum Schluchzen brächte und der sündhaft teure Klunker müssen es schon mindestens sein. Sonst meint man das doch gar nicht richtig ernst. Oder?

Mein Lebensgefährte und ich wohnten schon einige Jahre zusammen, da wurde ich allmählich nervös. Mit jeder Freundin oder Bekannten, die mir breit grinsend einen Diamantring unter die Nase hielt, zog sich die Schlinge um meinen Hals fester zu. Wer mich „Und wann ist es bei euch soweit?“ fragte, hätte mir eben so gut gleich einen Kopfstoß in den Magen verpassen können.

Es war unangenehm. Aus unerfindlichen Gründen schien sich plötzlich ein Zeitfenster geöffnet zu haben, in dem ein Heiratsantrag zwingend erfolgen musste. Andernfalls stimmte „da doch was nicht“.

Und ich wollte unbedingt, dass da bei uns was stimmt.

Zaghafte Andeutungen

Dass ich den Heiratsantrag selbst machte, war undenkbar. Da jagte ich auch schnell alle feministischen Neigungen zum Teufel. Nach den ungeschriebenen Gesetzen der Heiratsantrags-Liga hatte der Antrag vom Herrn auszugehen und mit einem ansehnlichen Ring am Finger zu enden. Andernfalls hätte auch da „doch etwas nicht gestimmt“.

Als mein zukünftiger Gemahl über Monate hinweg keine Anstalten machte, sich mir zu erklären, erlaubte ich mir, zumindest zaghafte Andeutungen zu machen. „Wann machst du mir endlich mal einen Heiratsantrag?“ ließ ich beispielsweise elegant in manches Gespräch einfließen. Doch der von seinem drohenden Eheglück offenbar nichts Ahnende schwieg. Beharrlich.

Der große Moment

Als es dann wirklich so weit war, lief einfach gar nichts nach Drehbuch. Ich weinte nicht vor Ergriffenheit, wie es sich gehörte, sondern kicherte hysterisch. Am Ring befand sich kein Diamant, der meinen Finger unter seinem Gewicht brechen ließ, denn der Ring war selbst gemacht. Es gab keinen Kniefall und keinen romantischen Shakespeare-Monolog. Er fragte nur schlicht: „Sollen wir dann?“ Vor lauter Verdatterung vergaß ich sogar fast zu antworten, dass ich auch fand, dass wir sollten. Und obwohl wir uns beide nicht an die vermeintlichen Heiratsantrags-Statuten gehalten hatten, fand ich, dass da irgendwie doch alles stimmte.

„Er kauft dir aber noch einen richtigen Ring, oder?“

Manche hatten da Zweifel. Alle hatten eine Meinung. Die sie mir auch gerne ungefragt mitteilten. „Du kriegst aber schon noch einen richtigen Ring, oder?“, fragte eine Freundin besorgt. „Was, kein Kniefall?“, empörte sich eine andere. „Bei unserem Heiratsantrag hat er mir so schöne Sachen gesagt, dass ich geweint habe“, ließ mich wiederum eine Bekannte wissen. Und ganz allmählich begann ich, mich zu fragen, ob bei mir und meinem Verlobten vielleicht doch „was nicht stimmte“. War eine Ehe etwa schon von vorneherein zum Scheitern verurteilt, wenn man von der Hochzeits-Jury keine zehn Punkte für den Heiratsantrag bekam?

Ein Heiratsantrag macht noch keine Ehe

Nach kurzer Zeit rief die Frage „Und wie war der Heiratsantrag?“ spontane Schweißausbrüche bei mir hervor. Es war, als taumele ich verkrampft lächelnd durch ein Minenfeld. Woran würden sie Anstoß nehmen? Am Ring? An der Frage? Am Kniefall? Oder schaffte ich es diesmal ohne Beanstandung bis zum rettenden „Herzlichen Glückwunsch“? Je öfter ich von meinem Heiratsantrag erzählen musste, desto länger wurde die Mängelliste und desto mehr schien da nicht zu stimmen.

Um das Ausmaß des Schadens erfassen zu könnten, brauchte ich einen Vergleich. Wie war wohl der Heiratsantrag des am längsten und glücklichsten verheirateten Paares, das ich kannte, ausgefallen?

Früher war das anders

„Wie war das eigentlich damals bei uns?“, wandte sich meine Mutter an meinen Vater, als ich meine Eltern nach ihrem Heiratsantrag fragte. „Ich glaube, wir waren uns einfach einig, dass wir heiraten wollten“, sagte der schulterzuckend und lächelnd. „Ich glaube, früher gab es das so nicht wie heute“, mutmaßte wiederum meine Mutter. „Mit diesen teuren Ringen und so.“ Auch nach mehrmaligem Nachhaken war aus meinen Eltern keine bessere Heiratsantragsstory herauszukitzeln.

„Ist doch gut gegangen, oder?“, sagte mein Vater dann, als ich endlich die Waffen streckte.

Schließlich musste ich mir eingestehen – und das nicht ohne Erleichterung – dass da bei meinen Eltern offensichtlich was stimmte. Heiratsantrag hin oder her.

Und außerdem: Bei Shakespeare gingen die Liebesgeschichten doch sowieso nie gut aus …

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