Früher war Otto ein Name für Könige. Die Zeiten sind vorbei. | Foto: Markus Pöhlking

Kolumne: Was mit Worten

Warum Sie Ihr Kind nicht Otto nennen sollten

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Die Karrieren von Wörtern und Namen sind sehr wechselhaft. Manchmal verschieben sich ihre  Bedeutungen, manchmal klingen sie einfach nicht mehr modern und manchmal – tja, manchmal geht’s ihnen so wie Otto. Die Nachlese eines Niedergangs.

Zwei schnelle O, dazwischen ein Doppel-T – eigentlich ist Otto ein Name, gegen den sich wenig sagen ließe. Kompakt, griffig, rasch und schnörkellos auszusprechen, zudem überaus flexibel: In romantischen Schäferstündchen lässt sich „Otto“ wunderbar zärtlich und lasziv daherhauchen (versuchen Sie das mal, ohne zu lachen, mit Hugo…). Hat hingegen Klein-Otto dem Hamster gerade Rattengift ins Futter gemischt, ist sein Name hervorragend brüllbar: „OTTO!“ ist im Falle eines Wutanfalls deutlich anwenderfreundlicher als etwa das lautmäßig ähnlich gelagerte „Michi!“

Bismarck war sicher kein Lauch …

Eigentlich ist „Otto“ also ein solider Allrounder, so eine Art VW Golf. Zudem kann er auf eine große Historie zurückblicken. In der Geschichte des deutschen Mittelalters gab es eine ganze Reihe nicht unbedeutender Könige, die diesen Namen trugen und deren Linie als „Ottonen“ in die Geschichte einging.

Iron Otto: Fürst Bismarck wird immer grimmig dargestellt. Außerdem wurde eingelegter Hering nach ihm benannt. Foto: imago | Foto: imago

Respektabel und herrschaftlich – so kam der Name Otto in der Folge noch über viele Jahrhunderte daher. Zum Beispiel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Gestalt des Eisernen Kanzlers: Otto von Bismarck war Choleriker und Reichsgründer. Er rauchte viel, trank viel Schnaps und wird immer grimmig dargestellt. Außerdem ist eingelegter Hering nach ihm benannt. Der Typ war also sicher kein Lauch.

… aber Otto ist heute einer

Genau das ist aber heute aus Otto geworden: Die Bezeichnung für einen Lauch. Also für einen Typus Mensch, der irgendwo in der Schnittmenge zwischen Schlappschwanz, Weichei, Clown und Hans-guck-in-die-Luft zu verorten ist. Auf den Schulhöfen der Republik ist „Du Otto!“ keine höfliche Anrede, sondern ungefähr so gemeint wie in diesem Video:

Begründen lässt sich dieser Niedergang nicht so wirklich: Klar, Ende der 70er Jahre, die große Zeit von Benjamin Blümchen brach an. Und der hatte diesen Kumpel, Otto, nicht unbedingt der coolste Typ unter der Sonne. Ungefähr zeitgleich wurde Otto Waalkes in der Rolle des leichtfüßigen Blödelbarden berühmt.

Vielleicht hat der einstmals stählerne „Otto“ dadurch Schaden genommen. Andererseits: Es gab ja immerhin noch Otto Rehagel, eine Art Bismarck im Fußball-Business, der die Fahnen der zwei Os und des Doppel-T mit grantiger Miene und markigen Sprüchen hochhielt.

Eher keine Otto-Renaissance in Sicht

Den Niedergang seines Vornamens konnte er damit aber nicht verhindern: Zwischen 1960 und 2009 wurde der Name Otto praktisch nicht vergeben, zeigen einschlägige Statistiken. Seitdem lässt sich eine leichte Aufhellung feststellen. Wahrscheinlich, weil einige Glücksritter antizyklisch denken und auf eine Otto-Renaissance hoffen, von denen ihr Kind dann profitieren könnte. Unser Rat: Lassen Sie das besser. Der Otto wird auf lange Sicht ein Otto bleiben.

Wer der Sprache aufs Maul schaut, stellt fest: Sie schlägt kuriose Volten, ist verblüffend und skurril, mal entlarvend und mal ziemlich witzig. Grund genug also, sie in „Was mit Worten“ in den Fokus zu rücken.