Blasen platzen lassen: Klingt gut, - ist aber gar nicht so einfach. | Foto: BNN

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Blasen platzen lassen

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Eine Guerilla-Marketing-Aktion auf Instagram und Facebook will dazu motivieren, die eigene Filterblase platzen zu lassen: #BreakTheBubble ist der schön werbefähige Hashtag dazu. Das Problem: Um wirklich etwas ändern zu wollen, muss man es auch ernst meinen – und das ist in der Werbung nicht so einfach. Wir tauchen ab in die weite Welt des Internet – es geht auf digiTalfahrt!

Werbung ist für unsere Gesellschaft so etwas wie die Kleidung für den Eitlen. So wie der Mensch morgens vor dem Spiegel bestimmte Dinge anzieht und andere lieber im Schrank hängen lässt, weil er bestimmtes über sich selbst verraten und andere Dinge verheimlichen möchte, so verrät Werbung über unsere Gesellschaft einige Dinge – und verschweigt andere.

Vergangene Woche geisterte die Guerilla-Marketing-Aktion „BreakTheBubble“ durch die sozialen Medien. Dreh- und Angelpunkt der Kampagne: Der Instagram-Account „BreakTheBubble“. Ende August sendete der das erste Mal Lebenszeichen in den digitalen Äther: Fotos und kleine Filmchen, auf denen ein großer, orangefarbener Luftballon über diversen Städten und Sehenswürdigkeiten rund um die Welt durch die Lüfte segelte wie ein Ufo vom Planeten Kaugummi.

 

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Wird die Reise hier enden? Treibt es die Bubble bis auf die Spitze? @instawaffel #breakthebubble

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Nur noch fünfmal bubblen, dann platzt was

Irgendwann kamen dann noch möchtegern-clevere Poesialbum-Sprüchlein dazu, die ohne Probleme auch vom nächsten Mark-Forster-Album geklaut sein könnten. „Nur noch fünfmal bubblen, dann platzt was“ – „Das Runde muss ins Bubblige“ – solche Sachen eben.

„Eine riesige, orangene Bubble, gefüllt mit heißer Luft“, heißt es in der Beschreibung des Kanals. „Sinnbild dafür, dass es Zeit ist, sich zu öffnen und neues zuzulassen.“ Also: Es geht um Filterblasen, um das Durchbrechen der eigenen Gewohnheiten, das bewusste Heraustreten aus dem eigenen Muff. Eigentlich ja eine gute Sache – das Thema Filterblasen ist ja gerade in Zeiten, in denen immer mehr Menschen immer mehr Zeit in Echokammern verbringen und andere Meinungen zumindest gefühlt mehr denn je einfach nur noch niedergeschrien werden, durchaus diskussionswürdig. Der Kern der Werbe-Geschichte: Die eigene Blase zum Platzen zu bringen, eigene Gewohnheiten und Gedanken zu reflektieren und zu hinterfragen, die eigene Anschauung auf die Welt infrage zu stellen.

Lasst uns die „Bubble breaken“

Nun hat sich die Marketing-Maschine hinter „BreakTheBubble“ aber nicht nur auf die Grundidee verlassen, sondern ganz modern noch einen Haufen junger Influencer ins eingekauft: LeFloid, SaftigesGnu, Looskanal, Rewinside, Doktor Froid, PietSmiet – durchaus bemerkenswerte Namen sind da dabei.

Und alle machen sich fürs liebe Werbegeld brav auf den Weg, die eigene „Bubble zu breaken“ (Ja, das ist der Sprachduktus). Jeder Influencer bekam seine ganz persönliche Aufgabe: Gamer PietSmiet musste sich einen ganzen Tag ohne Handy durch Dresden schlagen, Influencerin Lea bereiste Kopenhagen und YouTuberin SaftigesGnu musste in der Luxus-Stadt Zürich mit 20 Euro in der Tasche einen Tag „Spaß haben“ – als „normaler Mensch“, wie sie selbst schreibt.

So schön das klingt, Selbstreflektion – den schalen Beigeschmack wird die Aktion nicht los: Erstmal, und das ist natürlich das Allerwichtigste, geht es hier um Werbung – der altruistische Gedanke ist vielleicht willkommene Beigabe, aber nie die Hauptmotivation. Außerdem muss man sich doch fragen, in welchem Zustand eine Gesellschaft ist, in der es schon als das Durchbrechen der eigenen Bubble gilt, einen Tag ohne Handy zu verbringen – oder einfach einen Tag sparsam, oder, noch schlimmer, „normal“ zu sein.

Die einen retten die Welt, die anderen sich selbst

Während eine 16-Jährige eine weltweite Umwelt-Bewegung anstößt, andere Teenager im Jugendalter die Welt mit Erfindungen verbessern oder andere irre Leistungen vollbringen, lässt sich die deutsche Youtube-Elite dafür bezahlen, einen Tag zumindest mit einem Fuß halbwegs am normalen Leben teilzunehmen, dabei vom „Bubble-Breaken“ zu schwadronieren und sich von zehntausenden Leuten vom Sofa aus begaffen zu lassen. Ich kann mir nicht helfen: Das wirkt so furchtbar fade.

Aber auch das ist ein Symptom unserer Zeit: Im Internet im Allgemeinen, in den sozialen Medien insbesondere und vor allem und sowieso in der Werbung sind knallige Sprüche und hippe Bilder im Zweifelsfall wichtiger als der Gedanke, der dahintersteht. Werbung übers Reflektieren funktioniert auch in Zeiten von Fridays For Future, Lifestyle-Blogs und Wohlstandsverwahrlosung eben immer noch besser als reflektierte Werbung.

Schade, ja. Aber gleichzeitig gibt es sie ja, die echten Influencer, jene, die wirkliche Bubbles platzen lassen. die, die wirklich etwas bewegen. Nur mischen die eben nicht bei irgendwelchem Marketing-Käse mit. Ab und zu muss man mal einen Schritt zurückgehen und tief durchatmen – die eigene Bubble breaken – und, vielleicht, ganz nach Peter Lustig: abschalten.

Die Werbe-Kampagne „BreaktheBubble“ wurde von einem großen Konzern ins Leben gerufen. Der Autor hat sich bewusst dagegen entschieden, den Namen des Konzerns oder des beworbenen Produkts zu nennen – denn darum geht es nicht.