"Publikumsbeschimpfung" im digitalen Raum - wie viel Hass ist zu viel Hass? | Foto: Falkner

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Publikumsbeschimpfung: Über Beleidigungen im Internet

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Wer regelmäßig in den Facebook-Kommentarspalten unterwegs ist, weiß: Beleidigungen gehören zum guten Ton. Wer nicht ordentlich stänkert, gehört irgendwie nicht dazu. Aber sind Pöbeleien im Netz wirklich so harmlos, wie viele scheinbar denken? Eine Kolumne über menschlichen Umgang – wir gehen auf DigiTalfahrt!

Die „Publikumsbeschimpfung“ ist ein ziemlich seltsames und sehr faszinierendes Theaterstück von Peter Handke. Uraufgeführt wurde es in den 60er Jahren. Das ist mehr als 50 Jahre her – trotzdem muss ich als Mensch, der jeden Tag in den sozialen Netzwerken im Internet unterwegs ist, beinahe jeden Tag an das Stück denken.

„Sie werden beschimpft werden, weil auch das Beschimpfen eine Art ist, mit ihnen zu reden“, heißt es in der „Publikumsbeschimpfung“. Und weiter:

Dadurch können wir einen Funken überspringen lassen, wir können eine Wand niederreißen, (…) wir können Sie beachten. Dadurch, dass wir Sie beschimpfen, werden Sie uns nicht mehr anhören, Sie werden uns zuhören. Der Abstand zwischen uns wird nicht mehr unendlich sein.

Dann kommt eine zehnminütige Kaskade an Beleidigungen: „Rotzlecker“, „ihr Asozialen“, „ihr Totengräber der abendländischen Kultur“. Klingt alles irgendwie bekannt? Ja. Tut es. Vielleicht ist die „Publikumsbeschimpfung“ heutzutage relevanter, als sie es jemals war.

Beleidigungsolympiaden am Bildschirm

Als Online-Redakteur einer Tageszeitung, der den ganzen Tag in den sozialen Medien – allen voran Facebook – unterwegs ist, lernt man viele, teilweise sehr kreative Methoden kennen, andere Menschen zu beleidigen. Mal direkt, mal schmutzig, mal subtil. Nicht selten selbstentlarvend, hilf- und ahnungslos. Aber deshalb nicht weniger bissig und bösartig. Man liest viel an so einem einzigen Tag in den Facebook-Kommentarspalten. Und bisweilen kommt einem auch der Gedanke: Okay, das ist jetzt so menschenverachtend, würdelos und widerwärtig – eigentlich könnte man das auch anzeigen.

Beleidigung oder keine Beleidigung? So einfach ist es nicht

Seit dieser Woche wissen wir, dass es wohl doch nicht so einfach ist. Das Berliner Landgericht hat geurteilt, dass diverse beleidigende Posts gegen die Grünen-Politikerin Renate Künast keinen Straftatbestand darstellen. Nur damit wir dieselbe Sprache sprechen: Vor Gericht ging es um Ausdrücke wie „Geisteskranke“, „ein Stück Scheiße“ und „altes grünes Dreckssschwein“. In der Begründung heißt es, die Kommentare stellten „keine Diffamierung der Person der Antragstellerin und damit keine Beleidigung“ da. Uff.

Renate Künast
Renate Künast ist vor Gericht mit dem Versuch gescheitert, gegen Beschimpfungen wie „Geisteskranke“ auf Facebook gegen sie vorzugehen. | Foto: Felix König

Wir springen von Berlin nach Frankfurt. Denn auch dort ging es diese Woche um Beleidigungen im Internet. Ein nicht weiter relevanter lokaler CDU-Politiker trat dort diese Woche zurück, weil er auf Facebook ziemlich widerwärtige Sprüche vom Stapel ließ. Auch hier ging es unter anderem um das Berliner Urteil und auch hier war das Ziel Renate Künast. „Mal zum Spaß, so wie die „Frau“ aussieht, kann man(n) verstehen, dass Männer sich lieber dem „warmen“ Lager zuwenden“, schrieb der Politiker auf Facebook. Und musste nach einiger Aufregung den Hut nehmen. Ob die Berliner Richter das als Diffamierung der Person gesehen hätten oder nicht, wissen wir nicht. Beschämend ist es in jedem Fall.

Die Natur der Beschimpfung

In der alten Logik unserer Kommunikation gilt: Je größer die Entfernung zu meinem Ziel ist, desto weniger wichtig wird, was ich sage. Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich von meinem Wohnzimmer aus Renate Künast in ihrem Büro in Berlin beleidige oder meinen Nachbarn eine Wohnung weiter – weil die Distanz eine andere ist. Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich Witze reiße über hungernde Kinder in Afrika oder über Obdachlose in Deutschland – zumindest bisher galt das so. Das Internet aber hat diese Logik zu einem gewissen Grad obsolet gemacht. So einfach ist es nicht mehr.

Greta Thunberg beim UN-Gipfel
Nimmt man die Kommentarspalten in den sozialen Medien als Gradmesser, ist sie wahrscheinlich eine der derzeit meistgehassten Personen der Welt: Klimaaktivistin Greta Thunberg. | Foto: Jason Decrow/AP

Publikumsbeschimpfung

Peter Handke hat es schon ganz gut getroffen in seiner Publikumsbeschimpfung: Mit Beleidigungen versuchen Menschen, eine Wand niederzureißen, sie versuchen, sich das Wort zu verschaffen. Aber wie funktioniert das im Internet? Darauf hat die „Publikumsbeschimpfung“ keine Antwort.

Jeder Internetnutzer hat jederzeit und immer eine Stimme, jeder hat jederzeit und immer die Möglichkeit, sich das Wort zu verschaffen. Im Internet gibt es kein „nah“ und „fern“. Stattdessen gilt: Entweder drücke ich „Enter“, oder ich lasse es bleiben. Entweder steht die Beleidigung da, oder sie tut es nicht. Im Internet gibt es keine Wände einzureißen, keine Entfernungen zu überbrücken. 0 oder 1, mehr Antworten gibt es nicht im digitalen Raum. Es ist egal, ob ich neben Renate Künast sitze oder am anderen Ende der Republik, die Beleidigung auf ihrem Bildschirm bleibt die gleiche.

Das war früher in Zeiten von Stammtischdiskussionen noch anders – dort gab es die Nähe und die Distanz noch als feste Größen. Das Internet aber schafft gefühlte Nähe und gefühlte Entfernung gleichermaßen, die emotionale Distanz ist zur Interpretationsfrage geworden. Das Berliner Urteil zeigt, dass diese Realität noch nicht überall angekommen ist. Die Frage des zwischenmenschlichen Umgangs im Internet ist noch lange nicht ausdiskutiert.