Wie rechts ist die "Gamer-Szene"? | Foto: BNN

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Wie viel Rechts steckt in der Gamer-Szene?

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Nach dem Terroranschlag in Halle an der Saale kochen die Emotionen – und die Suche nach den Antworten auf unangenehme Fragen beginnt. Wie konnte das passieren? Warum konnte das passieren? Und wer trägt die Mitschuld? Horst Seehofer hat eine Ursache schon ausgemacht. Und wir? Wir gehen auf DigiTalfahrt!

Eine gute Woche ist es jetzt her, dass ein verrückter Neonazi in Halle mit einem ganzen Haufen selbstgebauter Waffen im Gepäck auszog, um Menschen zu töten. Sein ursprünglicher Plan, eine Synagoge zu stürmen, scheiterte glücklicherweise an seiner Unfähigkeit und an den Sicherheitsvorkehrungen der jüdischen Gemeinde – dennoch brachte der Terrorist zwei Menschen den Tod. Und wie bei jedem menschengemachten Unglück hat auch nun wieder die Suche nach den Antworten begonnen. Es ist ein zäher Prozess, unangenehm, schmerzhaft. Aber es muss sein. Immer und immer und immer wieder.

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Zumindest einen Sündenbock hatte CSU-Innenminister Horst Seehofer schnell ausgemacht: Die Gamer-Szene. „Viele von den potentiellen Tätern kommen aus der Gamer-Szene“, verkündete Seehofer wenige Tage nach dem Anschlag. „Und deshalb müssen wir die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen.“

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Der Aufschrei war groß. Die „Gamer-Szene“, die inzwischen schon mehr oder weniger daran gewöhnt ist, ständig für Gewalt, Amokläufe oder den Verfall der Sitten ganz allgemein verantwortlich gemacht zu werden, wehrte sich mit dem jahrelang antrainierten Beißreflex. Auf Twitter trendete der Hashtag #gamerszene, Seehofer wurde das Ziel von wütendem Hohn und Spott.

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Nein, es gibt keine verlässlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass Computerspiele allgemein aggressiv machen. Computerspiele sind schon längst wichtiges popkulturelles Gut, mitten in der Gesellschaft angekommen. Und ja, das stimmt. In einem hat Horst Seehofer natürlich trotzdem recht: Tatsächlich kommen viele der potentiellen Täter aus der Gamer-Szene. Ist ja aber auch kein Wunder: Junge Männer sind nun einmal überproportional häufig für solche schrecklichen Taten verantwortlich – genau die machen auch den größten Teil des Computerspiele-Publikums aus. Hier darf man aber Korrelation und Kausalität nicht verwechseln.

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Absprechen kann man einen Zusammenhang im Fall von Halle aber trotzdem nicht: Der Terrorist trompetete in anonymen Szene-Foren im Internet von Highscores und Achievements und übertrug seine Videoaufnahme auf der Gamer-Streamingplattform Twitch.tv – klar deutet all das auf die Gamer-Szene hin. Und natürlich gibt es in der Gamer-Szene Rechtsradikale, potentielle und tatsächliche Terroristen und absolut abstoßende Kommentare zuhauf. Das ist keine Überraschung. Das ist aber auch nicht neu.

Wenn das Innenministerium die Gamer-Szene nun genauer ins Auge fassen möchte, nur zu. Vielleicht lernt die Politik dann endlich, das Internet besser einzuschätzen und tatsächlich ernstzunehmen. Und wenn die Ermittler dabei noch ein paar Rechtsradikalen auf die Spur kommen – um so besser! Nur eines darf man dabei nicht übersehen: Es geht nicht darum, ob diese Leute Gamer sind – sondern, ob sie rechtsradikal sind. Und die gibt es heutzutage leider in allen möglichen Ecken. In der Gamer-Szene, ja. Aber vielleicht auch im Café, vielleicht auch im Nachbarhaus, vielleicht auch am Arbeitsplatz. Und vielleicht auch im Bundestag. Schauen wir genauer hin, alle gemeinsam. Im Internet und überall sonst.