Über das Handy-Spiel "Coin-Master" wird derzeit viel gesprochen - auch wegen der "interessanten" Werbekampagne.

Digitalfahrt

Ich bin der Coin-Master, ich bin so wundervoll

Anzeige

Coin-Master ist derzeit der absolute Renner unter den Spiele-Apps. Für Aufregung sorgt zudem die extravagante Werbekampagne – ein eigener Song von Pietro Lombardi inklusive. Spiel und Werbung unter der Lupe – wir gehen auf DigiTalfahrt!

Jeder Mensch hat etwas, auf das er stolz sein kann. Einer wird Fußballstar, der andere Sänger, Schauspieler oder Politiker. Dann gibt es die, die stolz auf ihre Familie, auf ihr Haus, ihren Garten oder die tägliche Arbeit sind. Alles wunderbar, alles legitim. Und wer all das nicht sein kann? Der muss nicht verzagen – der wird einfach Coin-Master.

Coin-Master, das ist ein eigentlich komplett belangloses Handyspielchen, ein einarmiger Bandit auf dem Handy. Trotzdem: Im Google- wie im Apple-Store-Ranking liegt Coin-Master mit mehreren Millionen Downloads auf Rang eins. Warum? Gute Frage. Vielleicht liegt es an der nervtötenden und im Internet gefühlt allgegenwärtigen Werbekampagne, die seit Wochen und Monaten Facebook und Youtube überflutet? Gut möglich.

Das Leben ist schön im Coin-Master-Land

Worum geht es? In mehreren 30-Sekunden-Clips zeigen mehrere mehr oder weniger prominente Internet- und Fernsehpersönlichkeiten (darunter Dieter Bohlen, Daniela Katzenberger und die Youtube-Sternchen Bibi und Simon Desue), wie viel Spaß sie als „Coin-Master“ so haben. Da wird gelacht und gegrinst, bis sich die Balken biegen, alles im gefälligen Hochglanz-Look gefilmt, das Leben ist schön im Coin-Master-Land. So viel Spaß haben die Promis offensichtlich mit der App, dass der Karlsruher Ex-DSDS-Kandidat Pietro Lombardi sogar einen offiziellen (??) Coin-Master-Song veröffentlicht hat. Das einminütige Machwerk wird, davon bin ich überzeugt, in die Annalen der deutschen Popgeschichte eingehen. Der Text geht – kein Scherz – so:

Pietro Lombardi (2019) – Ich bin der Coin Master

Hey! Ich bin der Coin-Master! Yay!
Schau mich an, ich bin der Coin-Master
Ich greif dich an du greifst mich an, ich bin der Coin-Master, Coin-Master
Ich bin der Coin-Master, ich bin so wundervoll
Ich bin der Coin-Master, ich bin so wundervoll
Ich greif dich an, du greifst mich an
ich bin wundervoll
ich bin der Coin-Master, one, two, three
Schau mich an ich bin der Coin-Master
Ich greif dich an, du greifst mich an
ich bin der Coin-Master

Früher bedichteten die Minnesänger ihre Angebeteten, heute besingen sie Handy-Spiele. The times, they are a changin‘. Und wo wir gerade bei Bob Dylan sind: Wenn der den Literatur-Nobelpreis verdient hat, dann kann es für Pietro Lombardi nach so einer gefühlvoll komponierten und klug getexteten Arie doch auch nicht mehr lange dauern.

Er greift dich an, du greifst ihn an, er ist der Coin-Master: Pietro Lombardi | Foto: dpa

Was ist das denn jetzt eigentlich so ein Coin-Master? Was macht der den ganzen Tag – und warum ist er so wundervoll? Das habe ich mich gefragt, und das Spielchen auf dem (geschäftlichen) Smartphone installiert.

Beep, Beep, Blöd

Das Spielprinzip von Coin-Master ist ebenso schnell erklärt wie blöde: Der Spieler dreht an einem virtuellen einarmigen Banditen, um Goldmünzen zu gewinnen. Diese Münzen investiert man, um sein kleines Dorf mit Häuschen, Bäumchen und Fähnchen aufzuhübschen. Sobald das Dorf fertig ausgebaut ist, steigt man eine Stufe auf und beginnt von neuem – dann ist das Dorf nicht mehr rot, sondern grün, und das Bauen kostet mehr Geld.

Das ist alles.

Klingt langweilig?

Ist es auch.

Krieg der Coin-Master

Der „Clou“ von Coinmaster: Wenn der einarmige Bandit es bestimmt, greift man die Dörfer der anderen Coin-Master an, luchst ihnen ihre Coins ab und macht die mühsam aufgebauten Gebäude kaputt. Zur Belohnung gibt’s mehr Coins – was auch sonst. Und dann? War’s das auch schon. Willkommen im niemals endenden Kreislauf von Bauen und Kaputthauen. Herzlichen Glückwunsch, das Gehirn wird am Empfang abgegeben. Und dabei ist das nicht nur lahm, sondern vielleicht sogar gefährlich: Laut Deutscher Presseagentur kritisieren Jugendschützer das Spiel, da es als mögliche Einstiegsdroge in die Welt der Glücksspiele wirken könnte. Die Medienanstalt Nordrhein-Westfalen prüft den Fall derzeit.

Klar ist jedenfalls: Ständige Werbeeinblendungen, das Flehen um gute Bewertungen für das Spiel, die ausgefeiltesten psychologischen Tricks, um den Spielern (echtes) Geld aus der Tasche zu ziehen – das gehört bei Spielen dieser Art inzwischen ja zur Normalität. Da macht Coin-Master keine Ausnahme.

Und egal, wie dämlich die Werbespots sein mögen. Irrelevant, wie uninspiriert und langweilig das Spiel ist – es funktioniert scheinbar trotzdem: Die Entwicklerfirma hinter Coin Master, Moon Active, mit Standorten in Tel Aviv und in Kiew, floriert. Laut eigenen Angaben wuchs Moon Active 2018 um 400 Prozent – und Coin-Master ist das mit Abstand erfolgreichste Produkt der Israelis.

L’art pour l’art

„Unsere herausragende Leidenschaft, Geschichten zum Leben zu erwecken, wird von einem Weltklasse-Team kreativer Visionäre umgesetzt, die das Ultimative hinsichtlich authentischer und einzigartiger visueller Erfahrung erschaffen“, schreibt Moon Active auf seiner Homepage – und ich glaube, bei so schrecklichem Werbegeschwurbel aus der Hölle darf man sich schon ein bisschen verarscht fühlen. Wie singt Pietro Lombardi in seinem Coin-Master-Song? „Ich bin der Coin-Master, ich bin so wundervoll, ich greif dich an, du greifst mich an, ich bin der Coin-Master“? Ja, die exquisite Leidenschaft ist offensichtlich. Und dieses grinsende Schwein mit der Augenbinde, das Coin-Master-Maskottchen? Mir zerspringt das Herz in der Brust angesichts dieser ultimativen Leistung der kreativen Visionäre.

Aber eines muss man Moon Active wohl lassen: Sie sind offensichtlich zufrieden mit ihrem Schaffen – und das ist doch schön so. Denn am Ende hat doch jeder Mensch etwas, auf das er stolz sein kann. Einer wird Fußballstar, der andere Sänger, Schauspieler oder Politiker. Oder er entwickelt Coin-Master. Jeder so, wie er kann.