Billigen Sie die Fleischpreise? | Foto: Jens Kalaene/dpa

Kolumne: Was mit Worten

Wieso ein Stück Fleisch für 10 Euro eigentlich billig ist

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Eingefleischten Fleischfreunden platzt wahrscheinlich schon bei der Überschrift der Kragen: Bloß keine Diskussion um Fleischpreise bitte, oder leben wir schon in der Öko-Diktatur? An dieser Stelle lohnt sich: tief durchatmen, an ein Schnitzel denken, weiterlesen. Es geht in dieser Kolumne schließlich nicht um Preise, sondern um was mit Worten.

Weil aber Fleischkonsum so ein schöner Trigger ist, um Leser in den Text zu ziehen, sei einleitend angemerkt: Fleischkonsum und Worte haben durchaus Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel verändern sie sich im Laufe der Zeit.

Früher war Fleisch anders

Und zwar nicht nur quantitativ (früher wurde bekanntermaßen weniger Fleisch gefuttert), sondern auch qualitativ: Unsere Vorfahren aßen Tiere noch mehr oder weniger komplett. Zunge, Leber, Niere, Ohren und im Zweifel sogar Hirn landeten auf dem Teller. Die Vorstellung von Fleisch umfasste also nicht nur ein paar Steaks, sondern praktisch alles außer den Knochen. Sie war eine andere.

Wie auch die Vorstellung vom Wort „billig“ mal eine andere war. Heutzutage existieren für das Wort „billig“ drei gebräuchliche Bedeutungen. Als billig wird bezeichnet, was halbwegs günstig ist – ein halbes Helles für 2,50 Euro zum Beispiel.

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Ist das jetzt eher günstig oder schlecht?

Im Schatten dieser Bedeutung hat sich dann auch eine eher abwertende Zuschreibung etabliert. „Billig“ ist nämlich auch, was qualitativ schlecht ist: Wer von seinem Nachbarn zum Kauf seines neuen Billig-Autos beglückwünscht wird, hat sich schließlich meist keinen preiswerten SUV geschossen, sondern irgend so eine windschiefe Plastikmühle.

Vorläufiger Endpunkt der Laufbahn des Wortes „billig“ ist eine Bedeutung irgendwo in der Schnittmenge von „abgedroschen“ und „ungenügend“: Wer Diskussionen mit billigen Argumenten oder billigen Witzen bereichert, neigt eher zu Phrasen und Plattitüden denn zu geistreichen Einwürfen.

Früher war billiges Fleisch wohl teurer

Diese Bedeutungsverschiebungen sind bemerkenswert. Denn ursprünglich hat das Wort „billig“ weder was mit günstigen Gelegenheiten noch was mit materiellem oder gedanklichen Schrott zu schaffen.

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Vor langer Zeit, als die Menschen sich noch nicht wegen Fleischkonsum und SUVs, sondern wegen Konfessionszugehörigkeit und für Territorialbesitz an den Kragen gingen, bedeutete das Wort billig: Etwas ist angebracht oder angemessen. Ein billiger Witz wäre zu Zeiten Martin Luthers also beispielsweise kein schlechter gewesen, sondern ein ziemlich zutreffender. Und ein billiger Preis für Fleisch wäre einer gewesen, der dessen Herstellungskosten korrekt abbildet.

Eine günstige Gelegenheit

Irgendwann auf dem Weg in die Gegenwart hat sich die Bedeutung von „billig“ dann verschoben: Die Menschen in den deutschsprachigen Ländern kamen im Laufe der Jahrhunderte offensichtlich überein, damit günstige Gelegenheiten zu bezeichnen und später dann noch andere Sachen – siehe oben.

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Parallel zum Adjektiv „billig“ existiert in der deutschen Sprache auch noch das Verb „billigen“. Die gemeinsame Wortwurzel ist offensichtlich. Und die inhaltlichen Gemeinsamkeiten sind es auch: Wer etwas billigt, hält es für legitim oder angemessen – also für das, was ursprünglich mal das Wort „billig“ zum Ausdruck brachte. Interessanterweise hat das Verb den Wandel des Adjektivs nicht nachvollzogen. „Billigen“ ist auch heute noch in seiner Ursprungsbedeutung gebräuchlich.

Zum Glück funktioniert das Gehirn so gut

Obschon das Wort „billig“ im Laufe seiner Existenz eine Reihe verschiedener, teils gegensätzlicher Bedeutungen erlangt hat, funktioniert seine Verwendung erstaunlich unfallfrei. Zumindest solange es sich um die Muttersprache handelt, kann das menschliche Gehirn nämlich praktisch völlig unbewusst und blitzschnell ein Wort in den richtigen Kontext rücken.

Das ist auch gut so. Denn andernfalls wären Diskussionen darüber, ob billige Fleischpreise nun eher zu billigen sind oder Missbilligung verdienen, schon von vornherein derart kompliziert, dass mit billigen Argumenten wohl niemand mehr durchkäme.

Wer der Sprache aufs Maul schaut, stellt fest: Sie schlägt kuriose Volten, ist verblüffend und skurril, mal entlarvend und mal ziemlich witzig. Grund genug also, sie in „Was mit Worten“ in den Fokus zu rücken.