Nicht ganz ungefährlich? Ein Rasierhobel
Nicht ganz ungefährlich? Ein Rasierhobel | Foto: BNN

Julias Ökolumne

Das nachhaltigste Mordwerkzeug der Welt: Der Rasierhobel

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Dramatische Szenen spielen sich ab in deutschen Badezimmern: Etliche Menschen begeben sich beim Duschen neuerdings freiwillig in Lebensgefahr. Und das aus gutem Grund. Die erste Folge von Julias Ökolumne erklärt, warum.

Der gute, alte Vintage-Trend. Manch einer hat seine gesamte Wohnung mit alten Weinkisten möbliert, fährt voller Überzeugung ein klappriges Fahrrad aus den Sechzigern und läuft in zerschlissenen Jeans aus dem Second-Hand-Laden herum. Andere knipsen Fotos auf Polaroid, hören Musik auf Schallplatten oder tippen Briefe auf Schreibmaschinen.

Ein fast vergessenes Relikt

Nun ist noch ein anderes fast vergessenes Relikt in unseren Alltag zurückgekehrt: Der Rasierhobel macht sich wieder breit in deutschen Badezimmern. Wikipedia behauptet, zwischen zweitem Weltkrieg und den Zweitausendern sei der metallene Griff mit austauschbaren Klingen irgendwann einmal die vorherrschende Rasurmethode gewesen.

Wikipedia behauptet aber auch,  in Europa und Nordamerika würden sich heute „nur noch wenige Personen“ so rasieren. Und hat damit definitiv Unrecht.

Der Begriff "Rasierhobel" wird in Deutschland immer häufiger gegooglet.
Der Begriff „Rasierhobel“ wird in Deutschland immer häufiger gegooglet. | Foto: Screenshot/BNN

Im vergangenen Jahr sind die Google-Suchen nach Rasierhobeln in Deutschland sprunghaft angestiegen. Die Begriffe „Rasierhobel Frauen“ und „Rasierhobel dm“ verzeichneten sogar Zuwächse von mehreren hundert Prozent. Da muss man sich schon wundern, warum das Produkt nach wie vor nur im Onlineshop der Drogeriemärkte erhältlich ist.

Günstiger, grüner, gründlicher, …

Wer sich nämlich nur wenige Minuten im Kosmos der Online-Ökos auf YouTube und Co. aufhält, erkennt schnell: Hier schlummert eine Goldgrube. Im Netz erklären junge Influencerinnen, welche enormen Vorteile die Retro-Rasur für sie hat.

Einerseits sparen sie Plastikmüll, weil sie keine Wegwerfrasierer mehr verwenden. Andererseits sparen sie Geld, weil die Austauschklingen deutlich billiger sein sollen als bei vergleichbaren Systemrasierern.

Aber stimmt das? Eine garantiert nicht repräsentative Umfrage unter den Redaktionsmitgliedern ergibt: Nur wenige Euro geben die meisten Männer im Monat für ihre Rasur aus, unabhängig vom Status der Gesichtsbehaarung.

… und gefährlicher

Bei den Frauen ist es deutlich mehr: Zehn, zwanzig Euro sind übliche Beträge. Hier haben die Hobel deutliches Einsparpotenzial. Zehn Ersatzklingen kosten zwei bis drei Euro. Doch mutige Hobelmeister bezahlen noch einen anderen Preis – nämlich im schlimmsten Fall mit ihrem Leben.

Okay, das war jetzt vielleicht etwas übertrieben. Doch das Verletzungsrisiko ist Thema Nummer eins in den Werbefilmchen. Und die Sorge, man werde sich zwangsläufig schneiden und literweise Blut den Abfluss herunterströmen, wird stets sogleich entkräftet: Ja, die Klingen sind deutlich schärfer als bei herkömmlichen Rasierern, aber dafür halten sie ja auch länger.

Ja, es gibt kein Schwinggelenk, weswegen jede Bewegung genauestens ausgeführt werden muss. Dafür sei die Rasur auch deutlich gründlicher, das Ergebnis glatter.

Ja, es gibt ein Verletzungsrisiko. Aber dafür könnte man sich vorzüglich wehren, lauerte im Psycho-Stil plötzlich ein Mörder im eigenen Badezimmer. Der Rasierhobel ist vermutlich selbst das nachhaltigste Mordwerkzeug der Welt.

Und ja, das Hobeln erfordert Übung. Dafür kann man es nach einer Weile, glaubt man den YouTuberinnen, sogar im Standspagat.

 

Julias Ökolumne
Umweltfreundlich leben wollen wir alle irgendwie – wenn das doch nur nicht immer so anstrengend wäre. In dieser Kolumne nimmt Julia Weller das Spannungsfeld zwischen der allseits erwünschten Nachhaltigkeit und unserer alltäglichen Bequemlichkeit auf die Schippe. Alle Folgen gibt es hier.