Sie strahlen, aber sie ächzen nicht: Atomkraftwerke sind keine Fische. | Foto: Julian Strathenschulte/dpa

Kolumne: Was mit Worten

Wer von ächzenden Atomkraftwerken redet, meint eigentlich Fische

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Es ist heiß wie nie in Deutschland und das setzt jedem sehr zu. Vielleicht deswegen titelte neulich ein großes Online-Portal: „Atomkraftwerte ächzen unter der Hitze.“ Das ist nämlich quatsch. Tatsächlich reduzieren zwar AKW bei hohen Temperaturen ihre Leistung. Allerdings nicht, weil der Reaktor aus dem letzten Loch pfeift – sondern wegen der Fische. Ein Beruhigungsversuch in drei Akten.

1. Ächzen, was ist das eigentlich?

Das Wort „Ächzen“ ist sehr alt und schon für das 12. Jahrhundert überliefert. Unter Ächzen kann sich jeder etwas vorstellen, aber niemand kann erklären, was genau es bedeutet. Das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache ordnet „Ächzen“ den Synonymgruppen „seufzen, stöhnen“ und „knarren, knarzen, knirschen, kratzen, quietschen, schnarren“ zu.

Ächzen sie etwa doch? So vermeldet es zumindest ein Onlineportal. Screenshot: BNN | Foto: Screenshot: BNN

Für die wörtliche Rede bedeutet das, dass Ächzende zum Beispiel mit jammerndem Ton das in „Ächzen“ enthaltene Wörtchen „Ach“ von sich geben. Weil sie zum Beispiel unter der Hitze leiden. Oder weil sie sich Sorgen um unter der Hitze ächzende Atomkraftwerke machen (wozu ja kein Grund besteht).

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Jenseits der wörtlichen Rede bedeutet ächzen, dass ein Ding (Kniegelenk, Atomkraftwerk, Eisenbahnwaggon) unter Belastung Geräusche von sich gibt, die schwer zu reproduzieren sind – aber irgendwie so klingen, wie eben „ächzen“, „knirschen“, „knarzen“ und „schnarren“ klingen, wenn sie ohne Vokale ausgesprochen werden.

2. Ist es schlecht, wenn ein Atomkraftwerk ächzt?

Das kann schon sein. Es ist durchaus denkbar, dass beispielsweise der außer Kontrolle geratene Reaktor in Tschernobyl zu einer Reihe von Ächzgeräuschen geführt hat. Laute wie „knrschn“, „knrzn“, „schnrrn“ und eben „chzn“ passen zumindest ganz gut in das Szenario eines in Bälde explodierenden Atomkraftwerkes.

Strahlendes Panorama: Die Atomkraft hat es sowieso schon schwer. Foto: Marcel Kusch/dpa | Foto: Marcel Kusch/dpa

Andererseits: In einem Atomkraftwerk ist neben dem Reaktor noch allerhand anderes verbaut. Es gibt Türen, Bürostühle, Schubladen. Und vielleicht auch einige verschlissene Kniegelenke in der Belegschaft. Sachen also, die durchaus auch im Regelbetrieb mal etwas herumächzen können. Das bedeutet nicht, dass sich ein Super-GAU anbahnt. Vielleicht reicht schon ein wenig Öl oder ein künstlicher Knorpel.

3. Kann ein Atomkraftwerk bei Hitze kaputt gehen?

Alles kann, nichts muss, ist ein Motto, dass generell auch für Atomkraftwerke gilt. Natürlich kann so ein Ding bei rekordverdächtigen Außentemperaturen in die Luft fliegen. An der Hitze dürfte es dann allerdings eher nicht liegen. Mit der kommt so ein Kraftwerk ganz gut zurecht. Tatsächlich kommt es zwar vor, dass bei Hitze die Reaktorleistung heruntergefahren wird. Allerdings nicht, weil der Reaktor plötzlich anfängt, zu ächzen. Sondern wegen der Fische.

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Es ist nämlich so, dass AKW oft Flüsse oder Seen als Quelle für Kühlwasser nutzen. Damit wird die Temperatur des Reaktors reguliert. Das Wasser erwärmt sich dabei. Nach der Nutzung fließt es dann zurück in Flüsse und Seen.

Ist deren Temperatur ohnehin schon hoch und erwärmt sie sich durch ausgeleitetes Kühlwasser noch weiter, geraten Lebewesen im Wasser in Lebensgefahr. Weswegen die Reaktorleistung heruntergefahren wird, um den Kühlwasserbedarf zu reduzieren.

Dass die Atomkraftwerke also angesichts der Hitze in bedrohliche Ächzereien verfallen könnten, ist Unfug und unnötige Panikmache. Die Atomkraft hat es in Deutschland schließlich ohnehin schon schwer genug.

Wer schreibt, Atomkraftwerke ächzen unter der Hitze, meint, dass zum Beispiel Fische unter der Hitze ächzen – wie auch immer sich das unter Wasser anhören mag.

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Wer der Sprache aufs Maul schaut, stellt fest: Sie schlägt kuriose Volten, ist verblüffend und skurril, mal entlarvend und mal ziemlich witzig. Grund genug also, sie in „Was mit Worten“ in den Fokus zu rücken.