Die Rumduzerei muss endlich aufhören. | Foto: dpa

Was mit Worten

Hey Anna, zwischen uns war nichts, weswegen wir uns duzen sollten!

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Jemandem das „Du“ anzubieten, war lange eine Geste, um eine Beziehung auf eine neue Stufe zu heben. Dieser schöne Übergang von Distanz zu Nähe ist mittlerweile auf dem Weg zu einem Auslaufmodell. Das „Du“ nimmt in der Öffentlichkeit einen immer größeren Raum ein. Das muss aufhören!

Am Anfang war eine Kopfspinne. Also dieses komische Ding aus vielen Drähten und mit so dünnen Kugeln an den Enden, das für unfassbare Wohlgefühle sorgt bei allen, die sich damit den Kopf massieren.

Wer auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken ist und einfach keine Idee hat: Kauft eine Kopfspinne. Sie wird das Leben des Beschenkten nachhaltig verbessern. Weil sie nämlich nicht nur die gestresste Kopfhaut entspannt, sondern auch noch eine Art Dopamin-Overkill ausgelöst wird. Zumindest ausweislich der Produktbeschreibung.

Eine Kopfspinne führt zu Stirnrunzeln

Beim Beschenkenden hingegen kann die Kopfspinne schnell mal zu Stirnrunzeln führen. Zum Beispiel dann, wenn er ein paar Tage nach Bestellung eine E-Mail von Anna erhält. Anna hat offenbar beruflich viel mit Kopfspinnen zu tun. Sie erklärt:

Hallo!

Mein Name ist Anna, ich bin zuständig für die Kundenzufriedenheit […] und deine persönliche Ansprechparterin. Ich möchte dir vielmals danken, dass du unsere Kopfmassage Spinne ausgewählt hast. Du wirst deine XXX Kopfspinne in Kürze erhalten. 

Und so weiter.

Der Beschenkende bin in diesem Fall ich. Und ich kann mich nicht erinnern, schon mal irgendwann mit der Kopfspinnenverkäuferin Anna Kontakt gehabt zu haben. Natürlich, im Leben trifft man viele Leute und nicht alles bleibt im Laufe der Jahre im Gedächtnis – es sei denn vielleicht, man pflegt seine Rübe regelmäßig mit einer Kopfspinne.

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Anna, die Kopfspinnenverkäuferin, macht das wahrscheinlich. Im Zweifelsfall weiß sie vielleicht mehr über unsere gemeinsame Vergangenheit als ich. Aber ich bin mir dennoch ziemlich sicher: Ich kenne keine Kopfspinnenverkäuferin namens Anna.

Wir sind nicht nach einer Überdosis Köttbullar versackt!

Genauso wenig kenne ich irgendwelche Leute, die bei IKEA arbeiten. Dennoch redet IKEA mit mir, als seien wir mal irgendwann und irgendwo gemeinsam nach einer Überdosis Köttbullar und Snaps versackt. Fortwährend duzt der Möbelhändler mich und den Rest der Welt. Wie wahrscheinlich auch Anna jeden duzt, der bei ihr eine Kopfspinne bestellt. Und wie sich mittlerweile gefühlt jedes zweite Werbeplakat mit einer „Du“-Botschaft dem Publikum anbiedert.

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Das muss endlich aufhören. Es gibt nämlich gute Gründe, warum ich mit Anna, mit IKEA, mit Elektrogroßhändlern, Versicherungen und keine Ahnung wem noch nicht per du sein möchte.

Die Herumduzerei ist nämlich, beim Lichte betrachtet, zunächst mal nicht viel mehr als Heuchelei. Natürlich sind IKEA und ich keine Freunde, Verwandte oder sonstwie näher miteinander bekannt. Und Anna und ich sind es auch nicht.

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Anna und IKEA liegt im Zweifelsfall auch weniger an mir als an meinem Geld. Aus irgendwelchen Gründen hoffen sie, mit einem lässig-freundschaftlichen „Du“ erhöhe sich meine Bereitschaft, ihre Produkte zu kaufen.

Wahrscheinlich haben sie Unsummen ihres Geldes an irgendwelche Kommunikationsagenturen gezahlt, die dann zu dem Ergebnis gekommen sind: „Duzen Sie die Leute einfach, das schafft Nähe.“

Und das Gefühl von Nähe erhöht dann wiederum die Bereitschaft, sich ein Billy-Regal zu kaufen. Oder eine Kopfspinne. Das „Sie“, so ist der Eindruck, befindet sich im öffentlichen Raum in ungeordnetem Rückzug.

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Sie Arschloch! vs. du Arschloch!

Nun gibt es aber ein paar gute Gründe, die für ein Festhalten am „Sie“ sprechen. Es ist in manchen Momenten und in manchen Kontexten schlicht höflicher, jemanden zu Siezen. Es kann helfen, einen Gesichtsverlust zu vermeiden. Als Beleg dafür sei nur mal an den jungen Joschka Fischer erinnert.

Auf Fischer geht einer der bekanntesten Aussprüche überhaupt in der Geschichte der Bundesrepublik zurück. 1984 richtete er im Bundestag folgende Aussage an Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen:

Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.

Er hätte auch sagen könne: „Hey Präsident, pardon, aber: Du bist ein Arschloch.“

Zwischen beiden Aussagen liegen ein paar entscheidende Nuancen: Der gesiezte Präsident wird zwar hart angegangen, ein bisschen Würde bleibt ihm dennoch – das „Sie“ verweist nämlich auf eine Funktion, die ganz grundsätzlich zunächst mal einen gewissen Respekt verdient.

Und auf eine professionelle Distanz, die das Verhältnis beider Seiten bestimmt.

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Ganz generell gibt das „Sie“ eine gewisse Sprachebene vor, die in vielen Kontexten auch angemessen ist. Es macht ganz grundsätzlich einen Unterschied, ob im Teammeeting der Chef sagt: „Sorry, dein Vorschlag ist Mist“ oder ob er sagt: „Sorry, Ihr Vorschlag ist Mist.“

Siezt der Chef, wird er zudem wohl ganz automatisch eine etwas höflichere Art der Kritik formulieren – etwa: „Entschuldigen Sie, Ihre Idee hilft uns nicht.“ Der Grund: Das „Sie“ wird in der Sprache ganz automatisch mit einer gewissen Etikette assoziiert.

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Am Ende ist zwar klar, dass irgendein Vorschlag nix taugt. Der Vortragende immerhin ist aber nicht wie ein Schulkind abgekanzelt worden. Im Zweifelsfall kann er mit der gesiezten Art der Kritik besser leben.

Die Berufswelt ist voll von Konflikten, die aus gekränkter Eitelkeit resultieren. Ein bisschen Distanz, ein bisschen Höflichkeit alter Schule können vielleicht manchmal hilfreich sein, um Sprache und Emotionen nicht unter ein kritisches Niveau zu bringen.

Einseitiges Duzen ist eine Grenzüberschreitung

Ganz generell ist das Duzen, wenn es nicht in gegenseitigem Einvernehmen geschieht, eine Art der Bevormundung. Pauschaler Duzerei war daher lange nur eine Personengruppe ausgesetzt, die tatsächlich bevormundet wird: Kinder nämlich.

Der Anspruch, gesiezt zu werden, resultiert aus einer gewissen persönlichen Reife. Er ist also ein Privileg, das mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter erworben wird.

Nun ist es jeweils Sache zwischenmenschlicher Beziehungen, auszuhandeln, ob das „Sie“ oder das „Du“ in der gemeinsamen Kommunikation die bessere Wahl ist.

Die Entscheidung zum „Du“ kann aus pragmatischen Gründen geschehen, aus Sympathie, aus Nähe und um Hierarchien aufzubrechen. Und es bietet sich freilich auch dann an, wenn man gemeinsam irgendwo mit Kötbullar und Snaps versackt ist.

Die Duzerei von Anna, von IKEA und anderen Marketingabteilungen ist aber nicht das Ergebnis einer verabredeten Konvention. Sie ist eine einseitig getroffene Entscheidung. Und stellt streng genommen eine Anmaßung und eine Grenzüberschreitung dar: Irgendwelche anonymen und eigentlich nicht greifbaren Gesprächspartner (Anna gibt in ihrer E-Mail nicht mal einen Nachnamen an – gut möglich, dass sie gar nicht existiert…) legen ohne Rücksprache ganz grundlegend das Verhältnis unserer Kommunikation fest.

Liebe Anna, wir können uns gern kennen lernen

Sie maßen sich also eine Autorität an, die sie als Kopfspinnen- und Spanplattenregalverkäufer nicht haben sollten.

Daher, liebe Anna: Wir können gern gelegentlich ein paar Köttbullar essen und das ganze hochprozentig begießen. Entdecken wir in dem Rahmen Gemeinsamkeiten, die über den Handel mit Kopfspinnen hinausgehen, können wir uns gern duzen. Bis dahin bleibe ich für dich: Sie!