Ein Irrtum greift um sich: Immer häufiger ist vom "Frühshoppen" die Rede. | Foto: Markus Pöhlking

Kolumne: Was mit Worten

Schlimme Tendenz: Fällt der Frühschoppen einem Anglizismus zum Opfer?

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Droht dem Frühschoppen das Aus? Es gibt Hinweise, die diese Mega-Sorge berechtigt erscheinen lassen. Eine kleine Google-Recherche reicht aus, um nachzuvollziehen: Ein Anglizismus liefert dem guten, alten Frühschoppen einen knallharten Verdrängungskampf.

Es gibt Sprachforscher, die sagen: Wenn sich Anglizismen in die deutsche Sprache einschleichen, sei das nicht so schlimm. Sprache sei ja ohnehin dynamisch und entwickele sich ständig weiter. Und im Rahmen dieser Weiterentwicklung wildere sie sowieso ständig in fremder Lexik.

Es meckert niemand, dass Fußballspielstätten hierzulande Stadion heißen und Zirkus-Akrobaten ihre Kunststücke in der Manege aufführen. Also möge sich auch niemand ereifern, wenn erfolgreiche Verkaufsleiter heute Job Offers als Sales Manager im Posteingang haben – so bekloppt derlei Auswüchse im Einzelnen auch sein mögen. Ohne Lingua Franca wächst die Welt halt nicht zusammen. Wir alle müssen Opfer bringen.

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Ein buntes Potpourri aus Bier/Schnaps/Wein

Bedenklich wird es, wenn dieses Zusammenwachsen die wirklich wichtigen Dinge des Lebens als Tribut fordert: Den Frühschoppen zum Beispiel.

Am Vormittag nichts vor? Ein Karnevalsverein lädt zum Frühshoppen. | Foto: Screenshot: BNN

Ein Frühschoppen ist eigentlich eine grundvernünftige und überaus erfreuliche Angelegenheit. Erwachsene Menschen treffen sich vormittags in geselliger Runde, um rasch ein paar Glas Bier/Schnaps/Wein oder vielleicht gleich ein buntes Potpourri all dessen hinunterzuschütten.

In früheren Zeiten gingen wahrscheinlich auch deswegen mehr Menschen sonntags in die Kirche, weil dem Gottesdienst ganz selbstverständlich der Gang in die Dorfschänke folgte – üblicherweise unter Federführung des Geistlichen.

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Besonders gut in der Kombination

Abendliches Äquivalent des Frühschoppens ist der Dämmerschoppen. Erfahrene und trinkfeste Schopper wissen: Die Übergänge sind fließend. Manchmal dauert es nur ein paar winzig kleine Gläschen, bis es draußen dunkel respektive hell wird. Und für den Heimweg in jedem Fall aber noch viel zu früh ist.

Gemeinsam ist den Worten „Früh-“ und „Dämmerschoppen“ (Sie haben es vielleicht schon bemerkt) der Bestandteil „-schoppen“. Ein Schoppen war ursprünglich mal die Bezeichnung für ein Trinkgefäß. Im Rahmen einer Bedetungsveränderung ging der Begriff dann auch auf den Inhalt dieses Trinkgefäßes über, der etwa Wein, Bier oder Apfelwein sein konnte.

Ein Frühschoppen war also zunächst mal ein frühes Glas Bier/ein frühes Glas Wein. Später machte der Volksmund dann daraus eine Aneinanderreihung mehrerer früher Gläser Wein/Bier. Der gesamte Vorgang lässt sich entsprechend auch auf den Dämmerschoppen übertragen. Früh- und Dämmerschoppen machen Spaß, die Kombination von beidem sogar besonders großen.

Marschieren bald Schützenvereine in die Shopping-Malls?

Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass das Konzept des Früh-/Dämmerschoppens sich überlebt hat. Die phonetische Nähe zu einem englischstämmigen Wort wird ihm zum Verhängnis.

Mittlerweile haben nämlich noch deutlich mehr Menschen Spaß am Shoppen als am Schoppen. Das erlaubt nicht nur erschütternde Rückschlüsse auf den Zustand der Gegenwartsgesellschaft.Es sorgt auch dafür, dass immer mehr Menschen offenbar nicht mehr zwischen „Shoppen“ und „Schoppen“ unterscheiden können.

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Eine Google-Suche des Begriffes belegt: Ortsverbände von SPD und CDU, Karnevalsgesellschaften, Kolping und Fußballvereine laden immer öfter zu „Frühshoppen“. Oder eben zu Dämmershoppen.

Das ist dramatisch: Der Anglizismus „Shoppen“ verdrängt im Sprachverständnis zunehmend den guten alten Schoppen.

Nun ließe sich einwenden: Ist doch egal, was auf dem Etikett steht, solange der Inhalt echt ist. Aber bekanntermaßen formt Sprache die Wirklichkeit. Weswegen zu befürchten ist, dass in vielleicht zehn Jahren der örtliche Schützenverein tatsächlich nicht mehr vormittags um elf am Hahn steht, sondern in die nächste Fußgängerzone marschiert.

Ein ernüchterndes Szenario. Natürlich, die Welt würde dadurch nicht zwangsläufig schlechter. Aber ein bisschen trister vielleicht doch. Daher, liebe Mediengestalter, Pressewarte und Vereinsvorsitzende: Bitte, es heißt: Frühschoppen!

Wer der Sprache aufs Maul schaut, stellt fest: Sie schlägt kuriose Volten, ist verblüffend und skurril, mal entlarvend und mal ziemlich witzig. Grund genug also, sie in „Was mit Worten“ in den Fokus zu rücken.