Fußball ist mittlerweile eine hochkomplexe Angelegenheit - nicht nur, weil ihn mittlerweile auch Roboter spielen. | Foto: dpa

Was mit Worten

Was man nicht im Kopf hat? Warum Fußball auf dem Weg zur Wissenschaft ist

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Es gab Zeiten, da ließ sich die Meinung über erfolgreiche Fußballer auf folgenden Satz zuspitzen: Was man nicht im Kopf hat, hat man halt in den Beinen. Die Aussage durfte wohl schon bei ihrer Schöpfung kaum haltbar gewesen sein, seitdem ist sie nicht belastbarer geworden. Moderner Fußball ist eine hochkomplexe Angelegenheit – wie nicht zuletzt der Blick auf die Sprache belegt.

Natürlich, die Geschichte des Profi-Fußballs ist reich an Typen, die wahrscheinlich nicht ohne Grund keine Promotion in komparatistischer Sprachwissenschaft oder in Raketenforschung vorweisen können. Dass der gelernte Raumausstatter und Über-Libero Lothar Matthäus mal mit geographischen Defiziten auffiel („Mailand oder Madrid – hauptsache Italien“), hängt ihm bis heute nach.

In seinem Fachgebiet kein schlechter: Ex-Bayer Franck Ribery. | Foto: Jonas Güttler/dpa

Und ja, Franck Ribery wird wahrscheinlich keine Renaissance der Französischen Moralistik einleiten. Aber ist ja auch nicht sein Job.

Eine Pferdelunge ersetzt kein Gehirn

In ihrem Kerngeschäft, also da, wo sie ausgebildet sind, sind beziehungsweise waren Matthäus und Ribery unbestritten herausragend. Und was zählt – Fußballfans wissen das –  ist schließlich zunächst mal auf dem Platz. Dort aber bringt heutzutage niemand dauerhaft gute Leistungen, dem eine Pferdelunge und eine ausdefinierte Beinmuskulatur das Gehirn ersetzen.

In manchen Bereichen der Hochkultur und in den Feullietons mag diese Aussage auf skeptisches Stirnrunzeln stoßen. Den Beweis ihrer Gültigkeit liefert aber ausgerechnet ein Instrument, auf dessen korrekte und präzise Anwendung gerade der Kulturbetrieb sehr stolz ist – die Sprache nämlich.

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Eloquent wie Finanzanalysten

Der moderne Fußball hat so gut wie gar nichts mehr mit im Kern nichtssagenden Bonmots wie „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ und „Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten“ am Hut.

Diese Aussagen werden Sepp Herberger zugeschrieben und als er Trainer war, gab es noch keinen Profi-Fußball im heutigen Sinne. Die Spieler der von ihm trainierten Weltmeistermannschaft von 1954 erhielten als Titel-Prämie 2500 Mark, einen Fernseher, einen Lederkoffer und einen Motorroller. Andere Zeiten halt.

Andere Zeiten: Fritz Walter nach dem WM-Sieg 1954. | Foto: dpa

Heute ist Fußball ein Milliardengeschäft, in dem eine gut funktionierende Mannschaft Ausgangspunkt einer gigantischen Wertschöpfung ist. Daher bezahlen Vereine längst hochbezahlte Spezialisten, um ein bestmögliches Produkt, also bestmöglichen Fußball abliefern zu können.

Deren Vokabular, angepasst an die Erfordernisse des Fußballs, hat längst zu einer Reihe spezifischer Fachbegriffe und Wendungen geführt, die für Außenstehende nicht mehr direkt nachvollziehbar sind. Secher- und Achterpositionen sind vergleichsweise prominente Beispiele. Etwas schwieriger nachzuvollziehen ist da schon, wie eine Dreier- auf Basis einer Viererkette aufgezogen wird.

Würde Herberger heute noch Fußball verstehen?

Die Seligkeit der Helden von Bern ist jedenfalls hörbar vorbei: Die totale Professionalisierung des Fußball  schlägt sich auch in der Sprache derer nieder, die ihn betreiben. Wer heute, besonders jungen, Trainern bei Spielanalysen lauscht, erfährt viel über Handlungsoptionen, Wachstumspotenziale und Muster, die es im eigenen Spiel zu verwirklich gilt.

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In Eloquenz und Duktus können es Fußballlehrer längst mit Finanzanalysten und Auslandskorrespondenten aufnehmen. Tatsächlich ist ihr Aufgabenfeld auch längst von vergleichbarer Komplexität. Es ist zu befürchten, dass der große Sepp Herberger heute als Trainer keinen Fuß mehr auf die Erde bekäme, würde er plötzlich in der Gegenwart aufwachen.

Was die Raute für Flügelzonen bedeutet

Am Ende muss das Runde zwar nach wie vor ins Eckige – diese Plattitüde bemüht aber heute praktisch niemand mehr, der sich professionell mit Fußball beschäftigt.

Stattdessen machen sich Analysten, Trainer und Sportdirektoren Gedanken darüber, welche Profil-Anforderungen ein Box-to-Box-Spieler erfüllen muss und welche Möglichkeiten eine Raute in den Flügelzonen schafft – um mal ein paar eher einfache Sachverhalte zu nennen.

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Vertreter unterschiedlichster Disziplinen vermessen und erforschen heute, wie ein Fußballspiel funktioniert, welche Mechanismen auf dem Platz greifen und welche in den Spielern. Auf Trainertagungen werden die Theorien über automatisiertes und bewusstes Denken des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman und ihre Relevanz für die Spielerausbildung diskutiert – und zwar nicht im Duktus von Stammtischrunden.

Der Spielverlauf – höhere Mathematik

Es gibt sogar – wenn man so will – Thinktanks, die sich der Spielanalyse verschrieben haben und Problemlösungen offerieren. Sie bieten ihre Expertise – oft gestützt auf eine riesige Datenmenge – Clubs und Medien an. Und machen aus dem Volkssport eine Art höhere Mathematik, die Ursache und Wirkung beleuchtet und den gesamten Spielverlauf in einer Abfolge von Gleichungen darstellt.

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In der Folge machen sich gut bezahlte Leute Gedanken darüber, ob Spielsysteme eher zentrumslastig interpretiert werden sollten. Oder ob im Spiel gegen den Ball hohes Pressen Mittel der Wahl sein sollte oder vielleicht doch eher das Halten der Höhe, um Initialaktionen zu verbinden.

Den Gegner schwächen, indem man ihm den Ball gibt

Christoph Daum (der Christoph Daum) haut in Thesenpapieren Sätze raus wie die folgenden:

 

Fußballtrainer Christoph Daum. | Foto: dpa/Archiv

„Das mentale und psychische Umschalten auf Balleroberung bezeichnen wir als Angriffsverhalten ohne Ballbesitz. Traditionell wird es `Abwehrverhalten´ genannt. Jedoch assoziiert man mit dem Wort Abwehrverhalten ein bloßes Reagieren. Den Spielern soll verdeutlicht werden, dass das Agieren, die Initiative ergreifen und beibehalten, im Mittelpunkt der Spielstrategie steht.“

Und aufmerksame Fußballfans wissen längst: Wer einen Gegner mit starkem Umschaltspiel zu viel Ballbesitz zwingt, entschärft möglicherweise erfolgreich dessen Offensiv-Power.

Diese exemplarischen Sätze beleuchten jeweils nur kurze Auszüge dessen, was viele Protagonisten des modernen Fußball sich heutztutage schon durch den Hinterkopf gehen lassen haben, bevor überhaupt gegen den Ball getreten wird.

Angesichts dieser zunehmenden Komplexität fällt es speziell Laien oder Gelegenheitsguckern zunehmend schwer, den Ausführungen und Analysen von Fachleuten zu folgen. Zahlreiche Institutionen und Wissenschaftler arbeiten für den Fußball und prägen ihn mit einem spezifischen Fachvokabular. Das Vorhandensein einer eigenen Fachsprache indes gilt gemeinhin als eine wesentliche Grundlage, um eine eigene Fachdisziplin zu begründen.

Das Glasperlenspiel unserer Gesellschaft

Insofern ist es nicht übermäßig vermessen, den Fußball als eine eigene Wissenschaft zu bezeichnen. Er befindet sich zumindest auf dem Weg dahin – ohne dabei einen konkret messbaren Wert für die Gesellschaft darzustellen.

Um fußballskeptische Feullietonisten mit dem Sport zu versöhnen, ließe sich der Fußball daher in Bezug zu einem Stück Weltliteratur setzen. Angesichts seiner massenhaften Rezeption, seiner starken Durchdringung der Gesellschaft und des enormen Wissens, das für und in diesem Sport generiert wird, lässt er sich mit einigem Recht als ein Realität gewordenes Glasperlenspiel bezeichnen.