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Umweltpartner Vogel AG

Ein sauberer Betrieb? Besuch im Kompostwerk, wo der PFC-Skandal begonnen haben soll

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Wer das Kompostwerk der Firma Vogel in Bühl besucht, käme nie auf die Idee, dass hier die größte Umweltverschmutzung der Bundesrepublik passiert sein soll. Auch, weil der Inhaber sich mit aller Mühe als unschuldig darstellt.

Auf Franz Vogels Fensterbrett steht ein grünes Sparschwein. „Schwarzgeld“ steht in dicken Buchstaben darauf.

Der Chef der Umweltpartner Vogel AG neigt zu Scherzen, lacht oft, auch wenn er nüchtern betrachtet nicht viel zu lachen hätte. Gerade wurde er verklagt, wieder einmal, es geht um 6,5 Millionen Euro. „Mit unserer anderen Firma, die wir noch haben, finanziert sich das“, sagt Vogel über die zahlreichen Prozesse, die er am Hals hat. „Sonst wären wir schon tot.“

Für die Behörden stand der Verursacher schnell fest

Außenansicht des Kompostwerks Vogel in Bühl
Außenansicht des Kompostwerks Vogel in Bühl. Die UTV AG ist Franz Vogels zweite Firma. | Foto: Weller

Als die PFC-Belastung in Mittelbaden 2013 bekannt wurde, dauerte es nicht lange, bis die Behörden die Ursache zu kennen glaubten. Der Komposthändler Franz Vogel aus Bühl hat seinen Düngemitteln jahrelang Papierfasern beigemischt – Produktionsabfälle von mehreren Papierfabriken in der Region.

Ein ideales Düngemittel für die Landwirtschaft, meint Vogel.

PFC-verseuchte Fremdstoffe, meinen die Behörden.

Fakt ist: Die Ermittlungen wurden eingestellt, weil die fünfjährige Verjährungsfrist gerade so abgelaufen war und die Staatsanwaltschaft Vogels strafrechtliche Verantwortlichkeit nicht mit ausreichender Sicherheit nachweisen konnte. Es fehlte an Lieferscheinen, an Materialproben, an chemischen Analysen.

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Verwaltungsgerichtlich wurde Vogel schon verurteilt

Fakt ist aber auch, dass Landratsamt, Regierungspräsidium und die betroffenen Gemeinden fest von Vogels Verursacherstellung überzeugt sind. Das Karlsruher Verwaltungsgericht und der Verwaltungsgerichtshof stellten jeweils „hinreichend belastbare Anhaltspunkte“ für die PFC-Belastung der Papierfasern fest und sehen den Zusammenhang zur Verunreinigung des Grundwassers als belegt an.

Wer das Kompostwerk der Firma Vogel in Bühl besucht, käme nie auf die Idee, dass hier die größte Umweltverschmutzung der Bundesrepublik passiert sein soll. „Es liegt in unseren Händen, die Schönheit des Planeten zu bewahren“, steht an einer Wand. Schulkinder haben das Bild vor vielen Jahren gemalt, es ist schon ein wenig verbleicht.

Franz Vogel mit einem Wandbild an seinem Kompostwerk, darauf steht: "Es liegt in unseren Händen, die Schönheit unseres Planeten zu bewahren."
Franz Vogel mit einem Wandbild an seinem Kompostwerk, darauf steht: „Es liegt in unseren Händen, die Schönheit unseres Planeten zu bewahren.“ | Foto: Weller

Franz Vogel lädt bei Schnittchen und Kaffee zum Interview, er freut sich, dass er seine Sicht der Dinge darstellen darf. Mit ihm am Tisch sitzen Rainer Kluge und Hans-Norbert Marx: Beide Chemiker, beide im Ruhestand, beide beraten Vogel in der PFC-Problematik. Ehrenamtlich.

Zwei Chemiker sind von seiner Unschuld überzeugt

„Da schlägt das Gerechtigkeitsempfinden durch,“ sagt Marx, „wenn man sieht, wie viel da falsch dargestellt wird.“ Auf Marx‘ Visitenkarte steht „Sachverständiger für Umweltauswirkungen von chemischen Stoffen“, er hat bei BASF gearbeitet und beschäftigt sich nach eigenen Angaben schon seit 40 Jahren mit der Stoffgruppe der PFC. Er leistet der Umweltpartner Vogel AG „chemischen Beistand“, sagt er. Und holt ein Weckglas aus der Tasche, in dem fluffige, braune Polyesterfasern lagern.

Die Fasern, die Hans-Norbert Marx auf einem Acker in Hügelsheim gefunden haben will.
Die Fasern, die Hans-Norbert Marx auf einem Acker in Hügelsheim gefunden haben will. | Foto: Weller

Hans-Norbert Marx erklärt sich das mit dem PFC auf den Äckern so: Synthetische Mulchvliese, die im Erdbeer- und Spargelanbau zum Einsatz kamen, sind in den Ackerboden geraten. Bei den belasteten Papierfasern, die die Behörden gefunden haben wollen, handele es sich in Wirklichkeit um diese Kunststoffe, die auch er aufgesammelt und in Gläser gesteckt hat. An der PFC-Belastung sei aber hauptsächlich Klärschlamm schuld, der viele Jahre lang von zahlreichen Landwirten auf die Felder ausgebracht worden sei.

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Die Vogels glauben an Klärschlamm als Ursache, die Behörden schließen das aus

Dem widerspricht eine Studie der Landesanstalt für Umwelt (LUBW), die folgert, „dass kommunaler Klärschlamm nicht die Ursache von hohen PFC-Belastungen in Böden sein kann.“ Rainer Kluge findet den Bericht der LUBW „in der Aussage etwas leichtfertig“. Die Behörde habe bei ihren Untersuchungen von vornherein eine Wertung gehabt und nicht neutral gearbeitet, sagt der Chemiker.

Frischer Kompost dampft auf dem Gelände der Umweltpartner Vogel AG.
Frischer Kompost dampft auf dem Gelände der Umweltpartner Vogel AG. | Foto: Weller

Die Firma Vogel und die beiden Chemiker machen also Klärschlamm für die PFC-Belastung verantwortlich. Laut Landratsamt kommt der aber schon seit mehr als 25 Jahren nicht mehr auf die Felder.

An dieser Stelle schaltet sich Birgit Vogel ein. Sie ist die Tochter von Franz Vogel und arbeitet seit zwölf Jahren im Betrieb. „Es stimmt nicht, dass der Klärschlamm seit mehr als 20 Jahren nicht mehr auf die Felder kommt“, sagt Birgit Vogel.

Die ersten vier Wochen dachte ich, ich wär’s gewesen.

Komposthändler Franz Vogel

Das wisse sie, weil sie erst Anfang 30 sei und trotzdem viele Menschen kenne, die noch jahrelang mit kommunalem Klärschlamm gedüngt hätten. „Jeder Privatmann hat den mit dem Anhänger holen können“, ergänzt ihr Vater.

Rainer Kluge, Hans-Norbert Marx, Franz Vogel und Birgit Vogel vor einem Komposthaufen.
Sind von der Unschuld der Vogel AG überzeugt: Rainer Kluge, Hans-Norbert Marx, Franz Vogel und Birgit Vogel vor einem Komposthaufen. | Foto: Weller

Mit dem Klärschlamm hat Franz Vogel eine mögliche andere Ursache gefunden, die er für die PFC-Belastung verantwortlich machen kann. Vogel ist gezeichnet im sechsten Jahr des Skandals. „Die ersten vier Wochen dachte ich, ich wär’s gewesen“, sagt er. Die Kriminalpolizei kam, acht Mann im Büro und vier bei ihm zuhause. Kistenweise wurden Unterlagen aus der Firmenzentrale getragen, er musste alle Computer abgeben. „Das wünsche ich niemandem, nicht meinem größten Feind.“

Mithilfe seiner beiden Chemiker behauptet Vogel nun: Seine Papierfasern waren einwandfrei, es wurden keine PFC in größeren Mengen nachgewiesen, nicht bei ihm im Betrieb und auch nicht bei 43 Proben von Papierfabriken aus der ganzen Republik. Rainer Kluge hat diese Proben besorgt und auf ihrer Grundlage eine Analyse erstellt, die zum Ergebnis kommt: Vogel hätte seinen Kompost meterhoch auf die Äcker kippen müssen, um eine Belastung zu erreichen, die der im mittelbadischen Boden entspricht.

Wird bewiesen, was bewiesen werden soll?

Unsere Redaktion hat Kluges Argumentation von namhaften Boden-Experten prüfen lassen. Der Tenor: Sie sei aus fachlicher Sicht korrekt angefertigt – allerdings nicht unbedingt aussagekräftig. „Faktisch kann man aus 43 Proben, in denen kein oder kaum PFC enthalten ist, nicht schließen, dass generell in Papierschlämmen keine PFC enthalten sind“, erklärt einer der Fachleute. „Letztlich erweckt die Analyse daher den Eindruck, beweisen zu wollen, was bewiesen werden soll.“

Die Behörde wusste jede Tonne, die wir ausgebracht haben.

Franz Vogel

Kluge führt in seiner Analyse mehrere andere Quellen auf, aus denen die PFC in die Böden gelangt sein könnten. Aber er liefere eben keine schlüssige Erklärung, welche dieser Quellen tatsächlich zu der hohen Konzentration geführt hat, moniert der Fachmann weiter. „Letztlich gibt es für die Höhe der Konzentration neben der Kompostthese keine andere schlüssige Erklärung.“

Kluge nennt in seinen Analysen neben Löschschäumen und Flugbenzin auch wieder Klärschlämme als Ursache für die PFC-Belastung. Die Landesanstalt für Umwelt rechnet vor, dass man 150 Jahre lang Klärschlamm auf die Felder hätte kippen müssen, um solche Werte wie auf den betroffenen Feldern zu erreichen.

Und überhaupt, die Mengen: Eine jährliche Annahme von 2.500 Tonnen Papierfasern hatte Vogel der Stadt Baden-Baden 1999 gemeldet. Mehr als 106.000 Tonnen hat er allein zwischen 2006 und 2008 angenommen, das geht aus den Wiegeprotokollen der Firma hervor. „Die Behörde wusste jede Tonne, die wir ausgebracht haben“, behauptet hingegen Franz Vogel.

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Erlaubte Mengen und Abfallarten wurden überschritten

Und es kommt noch heikler: Zwischen 2003 und 2008 erlaubte die Düngemittelverordnung überhaupt keine Verwendung von Papierfasern. Franz Vogel setzte sie trotzdem ein, rechtswidrig also. Das bemerkten die Behörden 2008, er hörte auf und zahlte 40.000 Euro Bußgeld.

Mit PFC habe das jedoch nichts zu tun, sagt Hans-Norbert Marx: „Wenn er eine rote Ampel überfährt, wird ihm ja auch nicht zur Last gelegt, dass er woanders falsch geparkt hat.“

„Ein schweres Leben“ habe er mit der ganzen Sache, sagt Vogel. „Die Behörden haben sich zu weit aus dem Fenster gelehnt und konnten nicht mehr rückwärts rein. Da brauchte man einen Sündenbock.“

Für die Verwaltungsgerichte ist die Sache klar

Das Verwaltungsgericht Karlsruhe urteilte, Vogel sei von den Behörden zurecht zur Zahlung für Bodenproben herangezogen worden. Im Urteil schreibt es von einer „schlüssigen Indizienkette“, aus der sich ergibt, dass die PFC-Verunreinigungen durch „die Aufbringung […] des Kompostgemischs mindestens maßgeblich mitverursacht wurden.“

Fühlt sich unschuldig: Kompostunternehmer Franz Vogel (rechts), hier mit seinem Anwalt Cedric Meyer.
Fühlt sich unschuldig: Kompostunternehmer Franz Vogel (rechts), hier mit seinem Anwalt Cedric Meyer. | Foto: Kappler

Das Gericht stützt sich auch auf zwei Kompostproben, die 2007 auf dem Gelände genommen und 2014 positiv auf PFC getestet wurden. Nach Recherchen der BNN-Mitarbeiterin Patricia Klatt waren diese Proben im Auftrag des Regierungspräsidiums Stuttgart während einer unangekündigten Kontrolle genommen, aber damals noch nicht auf die Chemikalien untersucht worden.

Im Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Karlsruhe entkräfteten die Behörden die weiteren Argumente der Vogels. Klärschlämme kämen demnach als Ursache nicht in Frage – einerseits, weil die Behörden deren Aufbringung dank Lieferscheinen ganz genau nachvollziehen könnten; andererseits, weil die PFC-Zusammensetzungen in Klärschlämmen laut der LUBW-Studie ganz andere seien als im mittelbadischen Boden. Bei mindestens zwei Papierfabriken, die Vogel beliefert haben, seien außerdem PFC-Substanzen gefunden worden.

Für die Behörden kommen laut Urteilsbegründung „andere Ursachen als die Kompostaufbringung für die Kontamination des Bodens und des Grundwassers nach derzeitigem Erkenntnisstand nicht ernsthaft in Betracht“. Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg bestätigte 2019 das Urteil.

Vogel führt weltweit tätiges Zweitunternehmen und sieht sich als Umweltschützer

Standorte der UTV AG.
Eine Karte mit Standorten der UTV AG, Vogels Zweitfirma. | Foto: Weller

„Das ist eine ganz schwache Sache, die nie belegt werden konnte“, sagt Rainer Kluge. „Man hat auf den Herrn Vogel eingedroschen mit Vermutungen, die für eine staatliche Behörde unter aller Würde sind. Das ist Schwachsinn.“

„Auf einen kleinen Vogel kann man draufhauen“, sagt Vogel. „Der kann sich nicht wehren.“ An der Wand hängt eine Landkarte mit Stecknadeln in China, Australien, Israel, Brasilien, Kanada, den USA, der Türkei, sogar in Syrien. Alles Orte, an denen seine zweite Firma Kompostanlagen baut und vertreibt.

Da brauchte man einen Sündenbock.

Franz Vogel

Durch das PFC habe man einen großen Imageschaden und Umsatzeinbuße verzeichnet, sagt Finanzbuchführerin Birgit Vogel. Zum 30-jährigen Firmengeburtstag veranstaltete sie 2018 ein großes Sommerfest, mit Hüpfburg und PFC-Infostand. Auf der Website www.wir-waren-es-nicht.com sind die wesentlichen Argumente der Vogels zu ihrer Verteidigung nachzulesen. Es habe sogar jemanden gegeben, der ein Spendenkonto einrichten wollte, aber das habe Franz Vogel abgelehnt.

Ein Zitat von Victor Hugo ziert die Wand der Kompostfirma Vogel.
Ein Zitat von Victor Hugo ziert die Wand der Kompostfirma Vogel. | Foto: Weller

Der „singende Unternehmer“, wie Franz Vogel sich auch nennt, verbreitet im Internet Hymnen auf die Umwelt und das Leben, im Walzertakt.

Er sieht sich als Bio-Gärtner, als Freund der Umwelt und als Pionier der Komposttechnik. Seit 1970 hat er kein Gift im Garten eingesetzt, sagt Vogel, er habe den Umweltpreis der Stadt Baden-Baden gewonnen und sich erfolgreich mit der Umweltpartner Vogel AG selbstständig gemacht.

„Und so haben wir unsere Böden in der Region besser gemacht“, sagt Vogel.

PFC: Das Gift in uns
Die Geschichte des größten Umweltskandals Deutschlands – mit seinen Hintergründen, gesundheitlichen Risiken, juristischen Folgen und persönlichen Schicksalen – erzählt dieses multimediale BNN-Dossier. Alle Artikel gibt es auch einzeln auf bnn.de.