Auch andere Länder betroffen

PFC sind überall – und bislang weiß niemand, wie man sie wieder los wird

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Was Wissenschaftlern und Betroffenen schon seit längerem klar ist, erkennen die Politiker erst nach und nach: Die PFC-Belastung ist ein globales Umweltproblem mit unbekannten Konsequenzen und unzureichenden Gegenmaßnahmen. Der PFC-Skandal in Mittelbaden ist dabei nur einer von vielen.

Von unserer Mitarbeiterin Patricia Klatt

PFC sind kein reines Rastatter Problem. In Deutschland kennt man PFC-Belastungen zum Beispiel auch im bayerischen Altötting, wo Umwelt und Trinkwasser durch eine Chemiefabrik verunreinigt wurden. Einen ähnlichen Fall wie in Mittelbaden gibt es im Raum Mannheim, wo ebenfalls mit Papierschlämmen verunreinigter Kompost als Ursache gilt. In der Region um den Möhnesee in Nordrhein-Westfalen sind Böden und Gewässer belastet, weil illegaler, mit Industrieabfällen versetzter Biodünger ausgebracht worden war.

Wir werden das Zeug künftig wahrscheinlich überall finden, wo wir suchen.

Anonymer PFC-Experte

Rund um Zivil- und Bundeswehrflughäfen und amerikanische Stützpunkte gibt es ebenfalls deutschlandweit Belastungen. Und an vielen Orten, wo die Feuerwehr in der Vergangenheit Löschschäume versprüht hat. Das Problembewusstsein steht in Deutschland noch ziemlich am Anfang. „Wir werden das Zeug künftig wahrscheinlich überall finden, wo wir suchen“, glaubt ein ehemaliger Mitarbeiter des Umweltbundesamtes, der anonym bleiben möchte.

In Deutschland kennt man größere PFC-Belastungen in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen.
In Deutschland kennt man größere PFC-Belastungen in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Im Bild: Der Möhnesee bei Soest. | Foto: Imago Images/stock.adobe.com – sunt/BNN-Montage

Jörg Frauenstein vom Umweltbundesamt sagte im Mai 2019 bei einem PFC-Workshop in Bühl: „Es gibt bis heute Bundesländer, die durch aktives Weggucken das Problem komplett ignorieren.“

Mehr zum Thema: Was wann wo passiert ist – eine Zeitleiste des PFC-Skandals

Weltweit gibt es verunreinigte Regionen

In vielen anderen Erdteilen sieht es ähnlich aus. Man kennt PFC-Belastungen aus den Niederlanden, Italien, Japan, Australien, China oder Amerika, die Chemikalien schwimmen im Yangtze und im Colorado River ebenso wie in abgeschiedenen Bergbächen.

In Amerika ist das Trinkwasser von rund 16 Millionen Menschen PFC-belastet, die Chemikalien finden sich im Blut von 98 Prozent der Amerikaner. Würden alle bislang bekannten PFC-Gebiete allein im Europäischen Wirtschaftsraum behandelt, lägen die Kosten dafür nach aktuellen Schätzungen zwischen 17 und 171 Milliarden Euro.


PFC-Expertin Patricia Klatt zur Frage, ob PFC aus Böden entfernt werden können

 

„Man kann das aus den Böden rauswaschen, nur kann man diesen Boden dann für die landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr verwenden…“


 

Wissenschaftler wollen PFC besser regulieren

Die Wissenschaft ist auf der Suche nach neuen Wegen im Umgang mit einer ganzen Chemikaliengruppe, deren Umweltrelevanz vom Bundesumweltministerium mit der des Dioxin-Problems verglichen wird.

Von den Dioxinen sind allerdings nur 75 verschiedene Verbindungen bekannt. Die Gruppe der PFC umfasst hingegen mehr als 5000 Verbindungen, die von der Fluorindustrie nach wie vor mit völlig unzureichender Deklaration in die Umwelt emittiert werden und die sich in allen Ökosystemen anreichern.

Blutproben im Raum Rastatt haben ergeben: Viele Bürger haben erhöhte PFC-Werte.
Wissenschaftler wollen PFC in drei Kategorien einteilen, um sie besser regulieren zu können. | Foto: Imago Images

Wissenschaftler fordern deshalb ein generelles Umdenken im Umgang mit den PFC und schlagen für eine Regulierung eine Einteilung in drei Kategorien vor: In der Kategorie eins wären nicht notwendige Anwendungen wie in Kosmetika. Ein Verbot oder eine Beschränkung von PFC könnte hier problemlos vorbereitet werden.

In die zweite Kategorie fallen die PFC, die wichtige Funktionen erfüllen, dabei jedoch als nicht wesentlich eingestuft werden, weil es funktionale Alternativen gibt. Beispiele hierfür sind Feuerlöschschäume oder wasserabweisende Textilien.

In die dritte Kategorie gehören die PFC, die bislang unersetzlich sind wie zum Beispiel bei Schutzkleidung oder medizinischen Anwendungen. Die Wissenschaft gibt also den Weg für eine Regulierung von PFC vor, den die Politik aber noch umsetzen muss.

Versuche, PFC mit Pflanzen aus dem Boden zu holen

Im Landwirtschaftlichen Technologiezentrum (LTZ) am Karlsruher Augustenberg untersuchen Wissenschaftler seit Jahren, wie sich PFC in Böden und Gewächsen verhalten.

Zeitweise gab es die Hoffnung, man könnte die Chemikalien mit speziellen Pflanzen wie etwa der Durchwachsenden Silphie aus dem Boden ziehen.

„Das funktioniert leider nicht“, sagt Jörn Breuer vom LTZ. Einige Varianten der PFC blieben immer im Boden. Außerdem wüsste man bei dieser Art der Bodensanierung nicht, wie man die dann stark PFC-haltigen Pflanzen entsorgen sollte.

Mehr zum Thema: Wie PFC ins Grundwasser und in Lebensmittel geraten sind

 

Die badische Band Cube Orange hat einen Song über die PFC-Problematik geschrieben. Er beschreibt die Ohnmacht, die in Baden nicht nur viele Betroffene, sondern auch Behörden und Politiker zu spüren scheinen:

„Rastatt, es ist in deinem Blut, du hast nur Wut in dir, Rastatt. Es ist ein Verbrechen, doch mangels Beweisen kannst du drauf scheißen. In deinem Blut ist PFC.
Fabriken kotzen Schlamm auf unser geliebtes Badnerland. Bauern, Schreibtischtäter, Brunnenvergifter und Vaterlandsverräter.
Wenn die letzten Bienen gestorben und der letzte Honig verdorben, werdet ihr feststellen, dass ihr Geld nicht essen könnt.“

PFC: Das Gift in uns
Die Geschichte des größten Umweltskandals Deutschlands – mit seinen Hintergründen, gesundheitlichen Risiken, juristischen Folgen und persönlichen Schicksalen – erzählt dieses multimediale BNN-Dossier. Alle Artikel gibt es auch einzeln auf bnn.de.