Schnakenbekämpfung mit dem Hubschrauber: Gute Idee oder total unverhältnismäßig? | Foto: dpa / BNN

Pro & Kontra

Schnakenbekämpfung mit dem Hubschrauber: Gute Idee oder total unverhältnismäßig?

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Entlang des Oberrheins droht derzeit eine gigantische Mückenplage. Schon jetzt trägt Stiche davon, wer abends noch einen Spaziergang entlang der Rheinauen wagt und wahrscheinlich wird es noch schlimmer. Hintergrund für den drohenden Mücken-Horror sind ausgefallene Hubschrauber der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS). Normalerweise bringt die KABS im Frühjahr einen einen biologischen Wirkstoff aus, der die Larven vernichtet – wegen der Hubschrauberproblematik war das in diesem Jahr aber nicht möglich. Doch ist es eigentlich sinnvoll, mit Helikoptern gegen ungeborene Mücken vorzugehen? Unsere Autoren haben sich dazu Gedanken gemacht.

Pro (Christina Fischer): „Dass Hubschrauber zur Schnakenbekämpfung eingesetzt werden, ist ein geringes Übel im Vergleich zu der biblischen Schnakenplage, die uns andernfalls erwartet.“

Schon der Dalai Lama sagte einst: „Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist.“

Die Stechmücken, die vor einigen Tagen in rauen Mengen über die ganze Region herfielen, bewirkten noch viel mehr: Unzählige Stiche, die sich zu elendig juckenden Pusteln auswuchsen, nervtötendes Summen drinnen und draußen und das jähe Ende jedes lustigen Abends auf der Terrasse oder anderswo im Freien. Und dies war lediglich ein Vorgeschmack darauf, was uns erwarten würde, wenn wir dauerhaft keine Hubschrauber zur Stechmückenbekämpfung einsetzten. Wer sich noch an den Horrorsommer im Jahr 1975 erinnert, als Campingplätze menschenleer waren und sogar Fußballspiele abgebrochen werden mussten, weil die Schnaken den Aufenthalt im Freien unmöglich machten, der wird wenig Lust auf eine Wiederholung dieser Drangsal verspüren. Dass Hubschrauber zur Schnakenbekämpfung eingesetzt werden, ist ein geringes Übel im Vergleich zu der biblischen Schnakenplage, die jeden Sommer über die Rheinauen herfiel, bevor es organisierte Schnakenbekämpfung gab. Wer außerdem glaubt, dass die Hubschrauber arglose Tiere und sensible Organismen rücksichtslos mit Gift überschütten, der irrt. Die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) geht alles andere als rücksichtslos vor, sondern führt sogar regelmäßig Buch über Brutstätten von verschiedenen Vogelarten. Bei Hubschraubereinsätzen werden diese gezielt ausgespart, um wirklich nur jenen Viechern den Gar auszumachen, die sogar schon Goethe daran zweifeln ließen, dass „ein guter und weiser Gott die Welt erschaffen“ habe: den Schnaken. Wer anderer Meinung ist, der möge sich mit einer Schnake im Zimmer schlafen legen und sich eines Besseren belehren lassen.

 

Kontra (Markus Pöhlking): „Hubschraubereinsätze gegen Mückenlarven zu fordern, zeigt, was schief läuft im Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Es folgt dem Prinzip: Wasch mich, aber mach mich nicht nass.“

Eins mal vorweg: Natürlich nerven Mücken. Und wenn sich diese Viecher im Zuge der Evolution irgendwann mal überflüssig machen sollten und verschwinden: Gratulation Welt, du wirst dadurch zu einem besseren Ort! Der Mensch sollte allerdings besser mal die Füße stillhalten, statt nach Hub-, Hub-, Hubschraubereinsätzen zur M-ü-c-k-e-n-l-a-r-v-e-n-a-u-s-m-e-r-z-u-n-g zu rufen. Der Wunsch nämlich bringt ziemlich klar zum Ausdruck, was schief läuft im Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Es folgt dem Prinzip: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass.“

Andauernd beklagt der Mensch der Gegenwart seine Entfremdung von der Natur. Und nutzt jede Gelegenheit (=Instagram), seine große Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und ländlichem Idyll zu zelebrieren. Latent vom Burn-Out bedrohte Funktionsjackenfreunde urlauben fünf Wochen im Zelt, während sie die skandinavische Tundra durchwandern, um ihren inneren Rhythmus wiederzufinden. Und wem dafür das Kleingeld fehlt, der gönnt sich halt ein Abo der Landlust oder einer ihrer boomenden Ableger, beweint das Insektensterben und zieht Kresse auf dem Balkon. Weil: Natur und so, Ursprünglichkeit, Entschleunigung, blablabla.

Die Natur wird zum Positiv einer Welt, die vielen Menschen über den Kopf wächst. Die Natur ist aber nicht dieses Positiv. Sie ist wesensneutral. Und als solche bringt sie Erdbeeren hervor, aber eben auch Kuhfladen. Schöne Sommerabende und Schnupfen. Possierliche Eichhörnchen und eben: nervige Mücken. Irgendwie gehört das halt schon alles zusammen, gell?

Und irgendwie sind das alles Erscheinungen eines komplizierten, verletzlichen, aber an und für sich recht gut ausbalancierten Ökosystems. In dem spielen, leider,  auch Mücken und deren Larven eine Rolle. Es mehren sich die Zweifel, ob die Bekämpfung der Mückenlarven in den Rheinauen vom Helikopter lediglich ein paar Milliarden Insekteneier dahinrafft. Forscher und Umweltschützer verweisen darauf, dass deren Bekämpfung in der Nahrungskette Leerstellen schafft, die auch die Existenz anderer Arten bedrohen könnten – in einigen Überlegungen gelten etwa Fledermäuse und manche Vogelarten als potenziell gefährdet.

Natürlich – mit einem Bier auf der Terrasse sind eventuell bedrohte Flügeltiere ein abstraktes Szenario, Mücken indes ein ziemlich konkretes Ärgernis. Dass der Wunsch nach Hubschraubereinsätzen da größer ist als die Bereitschaft, Natur Natur sein zu lassen, ist verständlich. Aber es ist auch kurzsichtig. Die großen ökologischen Probleme, vor denen unser Planet steht, sollten Mahnung sein: Es wäre besser, der Mensch hielte sich mit seinen Eingriffen in die Natur zurück – und lernt, auch mit ihren weniger angenehmen Seiten zu leben.